https://www.faz.net/-gpf-7zy4l

Missbrauch in Rotherham : Stadt des Schweigens

Ein leeres Schaufenster in Rotherham.

Erst allmählich werden die Mädchen dann älteren Männern zugeführt, später auch Freiern in Sheffield und anderen Städten in der Region. Wer aussteigen will, wird bedroht. Eines der Mädchen wurde mit Benzin übergossen. Anderen wurde die Macht ihrer Sklavenhalter vor Augen geführt, indem die kleine Schwester entführt oder der große Bruder krankenhausreif geschlagen wurde.

Die meisten Mädchen, manche noch keine zwölf Jahre alt, kommen aus zerrütteten Verhältnissen und werden von ihren Eltern vernachlässigt. Die Banden sorgen dafür, dass sie vollends den Kontakt zur Familie verlieren, bis sie keine Alternative mehr zu ihren neuen Bezugspersonen sehen. Jay spricht von „grooming“, vom systematischen Heranziehen der Mädchen zu Sexsklavinnen. Schon früh schlugen einige Sozialarbeiter Alarm – etwa ein Drittel der Opfer lebt in staatlicher Fürsorge –, aber ihre Berichte wurden von Vorgesetzten nicht weiterverfolgt oder sogar unterschlagen. Einige Sozialarbeiter mussten sich Rüffel, andere Sanktionen gefallen lassen.

Stadtangestellte missachteten klare Hinweise

Im Jahr 2001 wurde die Zustände zum ersten Mal aktenkundig. Die Regierung in London hatte im Rahmen eines „Verbrechensbekämpfungsprogramms“ Studien in ausgewählten Regionen und Städten erstellen lassen, darunter Rotherham. Das damals entstandene Gutachten deckte bereits viele Missstände auf: Stadtangestellte, die klare Hinweise missachteten, Polizisten, die Vergewaltigungsopfer einschüchterte statt deren Anzeigen aufzunehmen, und die bei Razzien minderjährige Mädchen festnahmen und nicht deren Zuhälter. Die Gutachterin berichtete später, die Stadtoberen hätten auf ihre Ergebnisse „mit Widerstand und Feindseligkeit“ reagiert. Selbst der Polizeichef habe ihr im Hinblick auf die Untersuchungen bedeutet, „so etwas nie wieder zu tun“.

Die Silhouette von Rotherham wird dominiert von der Industrie.

Wäre dieser ersten Bestandsaufnahme „der Ernst entgegengebracht worden, den sie verdiente“, schrieb Jay im vergangenen Sommer, hätten viele Mädchen gerettet und zahlreiche Kinderschänder verurteilt werden können. Doch das Versagen hielt an. In den darauffolgenden Jahren erhielten die Stadtoberen weitere Berichte – und auch diese wurden als aufgebauscht zurückgewiesen. Zeitungen, die über die Vorgänge in der nordenglischen Labour-Kommune berichteten, hielt man politische Einseitigkeit vor.

Man möchte die Verantwortlichen gerne fragen, wie das alles möglich war, aber sie sind nicht greifbar. Telefone werden nicht abgenommen, E-Mails nicht beantwortet. Bei der örtlichen Labour Party heißt es, nur einer sei derzeit befugt, mit der Presse zu sprechen: Chris Read. Aber der Stadtrat außer Diensten lässt seit Tagen einen Anrufbeantworter laufen und ruft nicht zurück. Die Stadt wirkt, als sei ihr ein Maulkorb umgehängt worden.

Kommunalpolitiker sind untergetaucht

Im Bürgermeisteramt heißt es schon im Eingang, niemand sei im Hause – eine Auskunftsperson sitze aber ein paar Straßen weiter, im „Riverside House“, dem Verwaltungssitz von Rotherham. Dort lässt sich Tracy Holmes, die Pressesprecherin der Stadtverwaltung, immerhin vom Empfang aus anrufen. Aber sehen will sie niemand, jedenfalls keinen Journalisten. „Ich leite Ihre Anfrage gerne weiter und melde mich dann“, sagt sie. Wenig später schickt sie eine E-Mail, an die sie die Pressemitteilungen der vergangenen Tage anhängt. Nachfragen bleiben unbeantwortet.

Weitere Themen

Topmeldungen

Joe Kaeser bei der virtuellen Siemens-Hauptversammlung am 9. Juli

Abspaltung von Siemens Energy : „Joe Kaeser hat nichts gelernt“

Die größte Transformation der Siemens-Geschichte ist fast einmütig abgesegnet worden. Der Börsengang der Energiesparte dürfte das Ereignis des Jahres am deutschen Aktienmarkt werden. Fridays for Future sieht ein „fossiles Geschäftsmodell“.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.