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Missbrauch in Pennsylvania : Was sie damals versprachen, versprechen sie auch heute

Erzbischof Donald Wuerl während einer Messe in der Cathedral of Saint Matthew in Washington. Bild: AP

Zwei Tage nach dem erschütternden Bericht zu Missbrauchsfällen in der amerikanischen Kirche reagiert auch der Vatikan.

          Zwei Tage hat der Vatikan für eine Reaktion auf den Untersuchungsbericht zu Missbrauchsfällen im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania vom Dienstag gebraucht: Erst am Donnerstagabend veröffentlichte Vatikansprecher Greg Burke eine halbseitige Erklärung. Für die Gefühle nach der Lektüre des fast 900 Seiten langen Berichts eines Geschworenengremiums unter Anleitung des Justizministers von Pennsylvania, Josh Shapiro, gebe es „nur zwei Worte: Scham und Trauer“, heißt es in der Erklärung. Der Vatikan habe die Arbeit der Untersuchungskommission mit großer Ernsthaftigkeit verfolgt, schreibt Burke, der selbst aus den Vereinigten Staaten stammt. Der Sprecher betont zudem die Notwendigkeit, dass sich die Kirche an staatliche Gesetzesvorgaben halte, einschließlich der Verpflichtung, Fälle von Missbrauch den staatlichen Behörden zu melden. Die in dem Bericht geschilderten Fälle seien „verbrecherisch und moralisch verwerflich“, heißt es weiter in der Erklärung. Die Opfer sollten wissen, dass der Papst auf ihrer Seite stehe. Justizminister Shapiro hatte schon am 25. Juli in einem Schreiben an Papst Franziskus auf das verheerende Ergebnis der Untersuchung hingewiesen und dringend Maßnahmen auch von Seiten des Vatikans gefordert. Bis Freitag hatte Shapiro nach Angaben seines Büros noch keine Antwort auf den Brief erhalten.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der Vatikan legt Wert auf die Feststellung, dass sich die allermeisten der in dem Bericht geschilderten Fälle vor dem Jahr 2002 ereignet hätten. Dieser Befund der Kommission decke sich mit anderen Studien, wonach die katholische Kirche in Amerika nach der Aufdeckung des Missbrauchsskandals in der Diözese von Boston in Massachusetts im Jahre 2002 wichtige Maßnahmen zum besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen ergriffen habe. Dadurch habe die Zahl der Fälle von Missbrauch durch Kleriker drastisch reduziert werden können. Dennoch ermutige der Heilige Stuhl zu weiteren Reformschritten und zu steter Wachsamkeit.

          Der Bericht aus Pennsylvania ist die bisher detaillierteste und umfassendste Dokumentation über Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten. Die Ermittler kamen nach der Befragung von Dutzenden Zeugen und nach der Durchsicht von einer halben Million Seiten kircheninterner Dokumente zu dem Ergebnis, dass in sechs der acht Diözesen Pennsylvanias mehr als 300 namentlich genannte Priester unzählige Kinder missbraucht haben.

          Etwa tausend Opfer habe man identifizieren können, teilte Justizminister Shapiro mit. Doch angesichts der hohen Dunkelziffer müsse man eher von „Tausenden Opfern“ ausgehen, heißt es in dem Abschlussbericht. „Priester haben kleine Jungen und Mädchen vergewaltigt, und die Männer Gottes, die für sie verantwortlich gewesen wären, haben nicht nur nichts getan – sie haben alles vertuscht, über Jahrzehnte hinweg“, heißt es in dem Bericht: „Die Kirche hat ihre Institutionen geschützt – koste es, was es wolle. Das Muster war Missbrauch, Leugnung und Vertuschung.“ Mehrere der in dem Bericht identifizierten Geistlichen hatten die Veröffentlichung ihrer Namen vor Gericht angefochten, was die Publikation des Berichts immer wieder verzögerte. Der Oberste Gerichtshof von Pennsylvania verfügte Ende Juli schließlich, dass eine redigierte Version des Berichts mit einigen geschwärzten Stellen bis zum 14. August veröffentlicht werden muss. Die in dem Bericht dokumentierten Verbrechen erstrecken sich über einen Zeitraum von 70 Jahren. Die allermeisten Taten sind verjährt, viele der in dem Bericht beschuldigten Priester sind bereits verstorben. Nicht nur die Autoren des Berichts fordern nun Gesetzesänderungen, wonach die Verjährung bei Kindesmissbrauch abgeschafft werden soll.

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