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Missbrauch am Canisius-Kolleg : Schuld ist nicht „das System“

  • -Aktualisiert am

Wegsehen und Schweigen hilft nicht: Am Berliner Canisius-Gymnasium soll es zu rund 20 Missbrauchsfällen durch zwei Jesuiten-Patres gekommen sein Bild: APN

Der Ruf des Jesuitenordens leidet. Der der Kirche auch. Jede neue Missbrauchsmeldung tut weh. Erst recht den damaligen Opfern. Jetzt wird alles wieder aufgewühlt. Eine Alternative zur Aufklärung und zum Brechen des Wegseh- und Schweigekartells gibt es freilich nicht, schreibt Martin Lohmann in seinem Gastbeitrag.

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          Der Ruf des Jesuitenordens leidet. Der der Kirche auch. Jede neue Missbrauchsmeldung tut weh. Erst recht wohl jenen, die unmittelbar betroffen waren und sind: den Opfern. Jetzt wird alles wieder aufgewühlt. Eine Alternative zur Aufklärung und zum Brechen des Wegseh- und Schweigekartells gibt es freilich nicht. Hier hat nicht zuletzt auch die Kirche noch viel zu lernen. Hinsehen. Erkennen. Handeln. Darum geht es.

          Jeder Versuch der Verharmlosung vergrößert noch Leid, Schuld und Schmerz. Auch das Bemühen, auf eine falsche, prüde und letztlich schuldhafte Sexualmoral der Kirche abzulenken, wäre ein solcher Versuch - nach dem Motto: Das System ist schuld. Die Kirche ist kein „System“. Sie versteht sich als mit Jesus Christus verbundene Heilsgemeinschaft und besteht aus Einzelpersonen, die selbst verantwortlich sind vor Gott und den Menschen.

          Nein, nicht das System ist schuld, sondern einzelne Menschen sind es. Diese haben sich vergangen, sind ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden und haben schwer gesündigt. Und das wiegt besonders schwer, wenn es Seelsorger waren, die entgegen ihrem Auftrag Seelentötung betrieben. Dennoch: Es sind nicht „die“ Priester oder „die“ Kirche - so wenig wie der Zölibat oder die Homosexualität an sich -, wenn pädophile Triebe sich austoben. Pädophilie und Homosexualität sind nun einmal kein Spezifikum der katholischen Kirche. All diese pauschalen Schuldzuschreibungen sind zu simpel. Am wenigsten ist die Sexuallehre der Kirche verantwortlich.

          Auch das Kolleg St. Blasien prüft mögliche Fälle sexuellen Missbrauchs durch ehemalige Lehrer

          Zur Erinnerung: Die Sexuallehre der Kirche hat den ganzen Menschen als Einheit von Körper, Geist und Seele im Blick. Hier geht es um Ehrfurcht und um die Erkenntnis, dass Gott den Menschen erschaffen hat als Mann und Frau, die einander ergänzen. Die Kirche betont daher zu Recht die Kostbarkeit eines geordneten Sexuallebens, in dem Freiheit und Verantwortung gelebt werden. Freilich: das ist nicht ganz einfach in einer herrschenden durchsexualisierten Diktatur des Relativismus. Aber genau dort fällt es oft schwer, einen Lebensentwurf wie den des treuen Zölibats überhaupt anders zu verstehen als rein lustorientiert. Wer die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen nur durch die Brille der Sexualität zu sehen vermag, versteht sie gar nicht. Auch eine Ehe zwischen Mann und Frau hat keinen Bestand, wenn sie ausschließlich auf sexuellem Lustgewinn aufgebaut ist. Das allein trägt nicht.

          Wir beklagen das Ansteigen von Kinderpornographie, aber zugleich verlachen wir jene, die sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität einsetzen, als gestrig und verklemmt. Viel zu viele nehmen keinen Anstoß daran, wenn ein Vorzeige-Grüner und eine Ikone der neuen deutschen Freiheit berichtet, dass er als Erzieher im Kindergarten in den siebziger Jahren sich von den Kleinen lustvoll am geöffneten Hosenlatz hat streicheln lassen. Und kaum jemandem fällt auf, dass aus derselben politischen Ecke die Abschaffung des Pädophilie-Straftatbestandes betrieben wurde.

          Wie nachhaltig ist eigentlich eine Empörung über Missbrauch, wenn man sich andererseits huldvoll verneigt vor jeder noch so absurden Verirrung im Namen angeblicher Freiheit? Wer ist eigentlich verklemmt in unserer Gesellschaft? Diejenigen, die jeder öffentlich und medial begleiteten Absurdität hinterherlaufen? Also jene, die sich mit Fleischeslust und allenthalben erlaubter Triebbefriedigung zu begnügen können glauben und in niederer Erotik die Kostbarkeit wirklich verantwortlich gelebter Sexualität zu ertränken suchen? Oder diejenigen, die sich an einer urkatholisch und eher barock geprägten, eigentlich sehr lebens-, leib- und lustfreundlichen Sexuallehre orientieren, die aber - o Schreck! - jede Freiheit an Verantwortung und Respekt koppelt? Die sogar von Ehrfurcht spricht? Was hilft mehr und bringt weiter: eine säkulare Sexualleere oder eine hoffentlich bald von verhängnisvoller Prüderie befreite Sexuallehre?

          Ja, auch in der Kirche muss noch viel gelernt werden. Der unverkrampfte Umgang mit Sexualität und die ehrfurchtsvolle, aber angstfreie Rede über ein wertvolles und zerbrechliches Gut zum Beispiel. Aber außerhalb des jetzt so gern an den Pranger gestellten „Systems Kirche“ sind die Lernorte nicht weniger wichtig. Verstaubte Klischees werden einer Sexualmoral jedenfalls nicht gerecht, die anspruchsvoll ist und letztlich zutiefst human. Sie traut jedem Einzelnen mehr zu als willenloses Triebhandeln. Sie wird auch nicht falsch, wenn Jesuitenpatres ihre Verantwortung und die ihnen Anvertrauten missbrauchen. Die Schuld des Einzelnen ist keine Schuld der Ordnung von Freiheit und Verantwortung.

          Der Autor ist Sprecher des Arbeitskreises Engagierter Katholiken (AEK) in der CDU und Vorsitzender der Bundesverbandes Lebensrecht (BVL). MArtin Lohmann war selbst Schüler des Jesuitengymnasiums Aloisiuskolleg in Bad Godesberg.

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