https://www.faz.net/-gpf-8ya6c

Modi zu Gast bei Merkel : Besuch vom eingekreisten Riesen

Berlin erwartet den echten: Modis Gesicht als Maske für Anhänger Bild: EPA

Indien gilt für Deutschland als wichtiger Partner und Gegengewicht zu Chinas Expansion. Der Besuch von Ministerpräsidenten Modi in Berlin ist daher von besonderer Bedeutung. Doch bei aller Freundschaft gibt es auch Konfliktstoff.

          3 Min.

          An diesem Montag kommt der indische Ministerpräsident Narendra Modi für Regierungskonsultationen nach Berlin. Alle zwei Jahre findet dieses Zusammentreffen statt, das in etwa einer gemeinsamen Kabinettssitzung der beiden Regierungen entspricht. Als besondere Geste wird Angela Merkel Modi in kleinerem Kreis zum Essen empfangen. Sie wird sich Mühe geben, dem Gast ein Gefühl der Wertschätzung zu vermitteln. Dabei soll auch die deutsche Kritik an Menschenrechtsverletzungen in Indien zur Sprache kommen. Die Bundeskanzlerin wird aber darauf achten, dass der Besucher aus Asien dabei sein Gesicht wahrt.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Zudem wurde darauf verzichtet, die Konsultationen mit dem G-20-Gipfel zusammenzulegen, der im Juli in Hamburg stattfinden wird. In dem Reigen multi- und bilateraler Treffen wäre dieser Termin wahrscheinlich kaum mehr wahrgenommen worden. Die achtsame Planung des Besuchs ist daher auch ein Zeichen dafür, welches Potential Deutschland in Indien sieht. In wirtschaftlicher Hinsicht, weil Indien bis zum Jahr 2030 zur drittgrößten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen könnte, aber auch politisch: Nicht nur wegen seiner 1,25 Milliarden Einwohner hat Indien nach Ansicht vieler das Zeug zur Supermacht.

          Während China am Aufbau seiner eigenen Ordnung arbeitet, sucht Delhi den Anschluss an die bestehende internationale Gemeinschaft. Die deutsche Regierung sieht diese zunehmende multilaterale Einbindung Indiens offenbar positiv. So unterstützt Berlin Delhi etwa bei seinem Wunsch, der „Nuclear Suppliers Group“ beizutreten, der Staaten angehören, die die Atomkraft nutzen. Im Vergleich zu China ist Indien auch ein Land, mit dem die Deutschen im Grundsatz Werte wie Freiheit, Pluralismus und Demokratie und den Wunsch einer internationalen „regelbasierten“ Ordnung teilen.

          Indien in einer Reihe mit Japan und Australien

          In dieser Hinsicht sieht Berlin Indien in einer Reihe mit Ländern wie Japan und Australien, die ebenfalls an der Zukunft der Region Asien-Pazifik mitarbeiten. In Zeiten, in denen es noch keine endgültige Klarheit darüber gibt, wie sich etwa Amerika in der Region weiter engagieren wird, wächst die Bedeutung dieser demokratischen Partnerländer für Deutschland. Sie werden darüber mitentscheiden, ob das Zusammenleben in Asien in Zukunft von Freiheit, freiem Handel und multilateral vereinbarten Regeln geprägt sein wird oder von Autokratie, Protektionismus und dem Recht des Stärkeren.

          Unser Angebot für Erstwähler
          Unser Angebot für Erstwähler

          Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

          Zum Angebot

          Indien könnte aus deutscher Sicht dabei helfen, die Region im Gleichgewicht zu halten, als Stabilitätsfaktor gegenüber einem „destabilisierenden“ China. Gerade der Exportnation Deutschland, die auf freie Handelswege angewiesen ist, muss der Konflikt im Südchinesischen Meer Sorgen bereiten, wo China militärische Wettbewerber zunehmend verdrängt. In Indien werden diese Bedenken mehr als nur geteilt: Der südasiatische Riese sieht sich von China regelrecht eingekreist. Peking baut in Nachbarländern wie Pakistan, Bangladesch, Burma, Nepal über Sri Lanka bis zu den Malediven seine eigene Infrastruktur auf.

          Chinas neue Seidenstraße

          Mit seiner Initiative zu einer neuen Seidenstraße knüpft sich China außerdem ein engmaschiges Handelsnetz, das von Ostasien, über Süd- und Zentralasien bis nach Europa reichen soll. Indien war dem vor kurzem in Peking mit viel Pomp abgehaltenen Seidenstraßen-Forum demonstrativ ferngeblieben. Peking weitet nämlich auch nicht nur seinen wirtschaftlichen Machtbereich aus. China rückt Indien auch militärisch auf die Pelle. Die mit Landebahnen ausgestatteten Militärstützpunkte, die China im Südchinesischen Meer aufgebaut hat, bringen Indien in den Radius chinesischer Kampfflugzeuge. Chinesische U-Boote und Kriegsschiffe kreuzen im Indischen Ozean.

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Delhi hat darauf mit einer großen Rüstungsinitiative reagiert. Nirgendwo sonst wachsen die Ausgaben für die Verteidigung so schnell wie in Asien. Indiens Ausgaben für das Militär stiegen im vergangenen Jahr um 8,5 Prozent auf 56 Milliarden Dollar. Damit war Indien das Land mit den fünfthöchsten Militärausgaben der Welt. In Deutschland wird deshalb nun auch die Rüstungszusammenarbeit von vielen als bester Weg gesehen, um Indiens Auftreten in der Region zu stärken, die bilateralen Beziehungen auszubauen und gleichzeitig auch noch etwas für die deutsche Wirtschaft zu tun. Nicht nur wegen der strengen Richtlinien bei Rüstungsgeschäften in Deutschland sind die Erfolge dabei bisher allerdings überschaubar. Wie auch bei zivilen Großprojekten werden die Deutschen oft von russischen, japanischen oder sogar chinesischen Konkurrenten ausgebootet, die mit staatlich subventionierten Billigangeboten auf den indischen Markt drängen. Nur beim Verkauf deutscher U-Boot-Technologie sieht es etwas besser aus.

          Deutsche Unternehmen erhoffen sich mehr Unterstützung

          Die deutschen Unternehmen erhoffen sich deshalb in Zukunft mehr Unterstützung bei ihren Bemühungen in Indien. Nur so könnte ihr Engagement ein Niveau ähnlich wie in China erreichen. Derzeit sind zwar 1800 deutsche Unternehmen in Indien präsent. Doch in China sind schon mehr als 5000 deutsche Unternehmen tätig. Insgesamt bleibt der deutsche Anteil an den ausländischen Investitionen in Indien mit deutlich unter vier Prozent in den vergangenen Jahren wohl unter den Möglichkeiten.

          Dies mag daran liegen, dass Indien auch unter dem wirtschaftsfreundlichen Regierungschef Modi als schwieriger Standort gilt. Der erstarkende Hindunationalismus, die Unruhen in Kaschmir und der zunehmend aggressive Ton zwischen Indien und dem verfeindeten Nachbarn Pakistan werden dabei auch in Deutschland kritisch zur Kenntnis genommen. Doch für die indopazifische Region, von der zunehmend die Rede ist, ist die Bedeutung Indiens nicht zu unterschätzen. Anders als im Atlantik und Pazifik ist die multilaterale Kooperation dort noch in den Anfängen. Die von manchen angedachte europäisch-indische Zusammenarbeit der Seestreitkräfte im Indischen Ozean ist derzeit noch ein Gedankenspiel.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Wochen der Beschwichtigung äußert sich Donald Trump nun in drastischen Worten über die Bedrohung durch Covid-19 für die Vereinigten Staaten.

          Corona-Krise : Trumps Kehrtwende

          Noch vor wenigen Tagen wollte Präsident Donald Trump sein Land schon bald zur wirtschaftlichen Normalität zurückführen. Nun hat er seine Vorhersagen zur befürchtenden Anzahl an Todesopfern revidiert und die Eindämmungs-Maßnahmen verlängert.
           Unser Autor: Patrick Schlereth

          F.A.Z-Newsletter : Jetzt sind Sie gefragt

          In der Corona-Krise sind wir rund um die Uhr für Sie im Einsatz. Trotzdem wird es Fragen geben, die Sie noch nicht hinreichend beantwortet sehen. Schreiben Sie uns! Was heute wichtig wird, steht im F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.