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Ministerpräsident Hariri im Gespräch : „Der Libanon lässt sich nicht spalten“

  • Aktualisiert am

Saad Hariri Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

Saad Hariri, Sohn des vor fünf Jahren ermordeten Ministerpräsidenten Rafiq Hariri, regiert seit November nun selbst den Libanon. Mit der F.A.Z. spricht er über Hizbullah-Minister, seine Beziehung zum syrischen Präsidenten Assad und die Spannungen in Israel.

          Saad Hariri, Sohn des vor fünf Jahren ermordeten Ministerpräsidenten Rafiq Hariri, regiert seit November nun selbst den Libanon. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er über Hizbullah-Minister, seine Beziehung zu dem syrischen Präsidenten Assad und die Spannungen in Israel.

          Herr Ministerpräsident, gerade feierte die „14. März“-Bewegung den fünften Jahrestag des „Beiruter Frühlings“. Lebt die „Zedernrevolution“ noch?

          In den Seelen, Herzen und Köpfen der Menschen lebt sie fort - wie vor fünf Jahren, als die Menschen für die Wahrheit über den Mord an meinem Vater, für Freiheit, Souveränität, Unabhängigkeit und Gerechtigkeit auf die Straße gingen. Wir haben seitdem viel erreicht: das UN-Sondertribunal für den Libanon in Den Haag, das das Attentat aufklären soll, unseren Wahlsieg im Juni 2009 und die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit, in der alle vertreten sind, die den Libanon voranbringen wollen.

          Einer Ihrer Verbündeten, Walid Dschumblatt, hat sich von der „14. März“-Bewegung verabschiedet. Sie regieren mit der von Syrien und Iran unterstützten Hizbullah. Sind Ihre Leute dafür auf die Straße gegangen?

          Wir haben auch nach dem Beiruter Frühling schon einmal mit der Hizbullah regiert, zum Bruch kam es erst nach dem Krieg mit Israel 2006. Die Stärke des Libanons liegt doch darin, dass sich alle Parteien auf eine Agenda einigen konnten, die das Land eint und voranbringt. Darin sehe ich auch meine Aufgabe: die Leute zusammenzubringen und ihre gemeinsamen Interessen hervorzuheben, anstatt nach Spaltendem zu suchen. Walid Dschumblatt hat sich zur Mitte hin bewegt, aber wollen wir das nicht alle? Davon lebt die Demokratie, unser Bündnis aber berührt das nicht, das besteht selbstverständlich weiter.

          Wie kommen Sie mit den Hizbullah-Ministern in Ihrem Kabinett aus? Immerhin wurde Ihre Residenz im Mai 2008 von deren Milizen beschossen.

          Wir kommen gut miteinander klar. Es gibt im Ministerrat eine Tagesordnung, an der wir gemeinsam arbeiten, um die Wirtschaft und andere wichtige Themen voranzubringen.

          Sind die Mai-Unruhen 2008, als die Hizbullah mit ihren Verbündeten Westbeirut handstreichartig übernahm, für Sie schon Geschichte? Damals starb doch der Mythos, die Hizbullah werde ihre Waffen nie gegen Libanesen erheben ...

          Das stimmt, aber es stimmt auch, dass Israel 2006 seine geballte Militärmacht entfesselte, um den Libanon zu zerstören. Zu sagen, das sei durch die Entführung von Soldaten gerechtfertigt, ist ein Witz. Es ist nicht zu entschuldigen, was Israel dem Libanon angetan hat.

          Halten Sie einen neuen Krieg mit Israel für möglich?

          Wir nehmen die Spannungen sehr ernst. Sie brauchen sich doch nur die mitten während des Besuchs Vizepräsident Joe Bidens verkündete Genehmigung zum Bau 1600 neuer Wohnungen in Ostjerusalem anzuschauen, um zu begreifen, dass Israel unverantwortlich handelt. Jedes Mal, wenn es auch nur einen Hauch Hoffnung für Frieden gibt zwischen Palästinensern und Israelis, sorgen sie dafür, dass die Verhandlungen scheitern. Da muss der Westen auch einmal mit Konsequenzen drohen, Worte allein reichen nicht aus.

          Liegt es nicht an jungen Politikern wie Ihnen, Syriens Präsident Assad oder den Königen von Jordanien und Marokko, neue Wege zur Konfliktlösung zu finden?

          Dazu müssen erst einmal die Israelis begreifen, dass es so nicht weitergeht. Sie müssen akzeptieren, dass es 1,2 Milliarden Muslime gibt und 300 Millionen Araber, in deren Namen die Arabische Liga 2002 in Beirut eine Friedensinitiative lanciert hat. Was hat Israel seitdem gemacht? Was hat der Westen seitdem gemacht? Nichts. Wir Araber sind interessiert am Frieden - Israel hingegen interessiert sich nur für den Prozess, nicht für den Frieden.

          Syriens Präsident Assad hat sich auf indirekte Friedensgespräche mit Israel eingelassen. Wäre das nicht auch ein Weg für den Libanon?

          Diese Gespräche führen nirgendwohin, weil Israel die Türkei als Vermittler nicht mehr akzeptiert. Daher gilt auch hier: Israel muss sich bewegen.

          Der Krieg mit Israel liegt inzwischen fast vier Jahre zurück, die Kämpfe zwischen sunnitischen, schiitischen und drusischen Kämpfern in Ihrem Land keine zwei. Wie stabil ist der Libanon?

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