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Migrationspolitik : Neue Heymat

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Selbstverständlich hofft die CDU, mit dem neuen Kurs bei Wählern mit ausländischen Wurzeln an Zustimmung zu gewinnen, schließlich wird diese Gruppe wegen des demographischen Wandels immer größer. Potentiale sieht die Partei vor allem bei gut Ausgebildeten und Selbständigen, aber nicht nur: Schließlich ist ein Großteil der Einwanderer eher konservativ eingestellt. Großbritannien könnte ein Vorbild für die Christdemokraten sein. Die Konservativen haben dort unter Asiatischstämmigen viele Wähler gewonnen, weil sie Politiker aus deren Reihen aufgestellt haben. Mit den richtigen Identifikationsfiguren könnte das auch der CDU in den deutschen Einwanderermilieus gelingen.

Identifikationsfiguren aus den Einwandermilieus

Serap Güler ist so eine. Ihre Eltern stammen aus der Türkei, sie selbst lebt in Düsseldorf. Als Laschet Integrationsminister war, hat sie für ihn als Pressesprecherin gearbeitet. Seit sechs Monaten sitzt die Einunddreißigjährige nun für die CDU im nordrhein-westfälischen Landtag. Dabei ist sie erst seit 2009 Mitglied der Partei, kennt die Ochsentouren durch Kreisverbände und Parteigliederungen nicht. Doch ranghohe Politiker wie Norbert Röttgen, Ruprecht Polenz und eben Laschet haben sie gefördert. So wurde sie Direktkandidatin in Köln-Mülheim und kam über die Landesliste in den Landtag.

Wenn sie ihr Verhältnis zur CDU beschreiben will, erzählt sie eine Anekdote, die viel mit Zuneigung, aber auch mit Fremdheit zu tun hat. Einige Wochen vor der Landtagswahl stellte sie sich auf einer Wahlveranstaltung einigen Dutzend CDU-Mitgliedern vor. Sie spürte das Wohlwollen der Anwesenden, alle nickten, als sie sprach. Irgendwann meldete sich ein älterer Mann zu Wort und sagte: „Ich finde es ja gut, dass Sie für uns kandidieren. Aber wann werden Sie zum Christentum konvertieren?“ Frau Güler erklärte ihm, dass sie gläubige Muslimin sei und dies auch bleiben wolle. Es gäbe ja viele Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen, die man hervorheben müsse. Ein anderer älterer Mann sprang ihr bei. „Mein Gott“, sagt er in Richtung seines Vorredners, „was stellst du dich so an? Der Obama ist doch auch schwarz.“

Neue Ansätze auf beiden Seiten

Frau Güler sagt, aus der CDU sei nie ein negativer Kommentar zur Herkunft ihrer Eltern gekommen. Zu ihrer eigenen schon. „Ich musste mir in Köln viele Spitzen anhören, weil ich aus Düsseldorf komme“, sagt sie. Aber das waren nur Scherze.

Im Wahlkampf hat sie aber zu spüren bekommen, dass es nicht leicht ist als CDU-Kandidatin mit türkischer Herkunft - im Gespräch mit Einwanderern. „Viele haben mich gefragt, wie ich für die CDU kandidieren könne.“ Immer wieder sei der Name Roland Koch gefallen - seine Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsangehörigkeit ist offenbar noch immer präsent. „Aber die Sache liegt 13 Jahre zurück“, sagt Frau Güler. Sie selbst spricht sich für die Mehrstaatlichkeit aus, da müsse die CDU ihre Haltung überprüfen. Vielleicht kann sie die Debatte bald selbst anstoßen: Ihr Landesverband hat sie kürzlich für den Bundesvorstand nominiert.

Aziz Bozkurt will dafür kämpfen, dass die SPD wieder unumstritten die Partei der Einwanderer wird. Er wünscht sich, dass sich Steinbrück für diese Menschen einsetzt. „Derzeit hat er Probleme, sie anzusprechen.“ Und er sähe es gerne, wenn sich die Partei für ein Staatsbürgerschaftsrecht wie in Kanada einsetzt, wo Migranten schon nach drei Jahren das Recht erhalten, sich einbürgern zu lassen. Wenn sich nichts ändert, „verliert die SPD die Basis, die morgen Deutschland sein wird“. Die „Generation Buschkowsky“ hingegen werde aussterben.

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