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Migration aus Afrika (IV) : Ein lukratives Geschäft

Abubakar Demba aus Gambia wartet vor der Bank auf Geld. Bild: Jochen Stahnke

Agadez lebt ausschließlich vom Transportgeschäft. Seit Al Qaida die Gegend unsicher macht, gibt es hier keinen Tourismus mehr. Letzter Teil unserer Spurensuche in Niger.

          Allein das Geldtransferinstitut Western Union hat in der 100.000-Einwohner-Stadt fünf Filialen. Der Chef der Filiale nahe dem großen Markt sagt, er habe jeden Monat 50.000 Kunden. Das meiste Geld komme aus Senegal, Gambia und Mali, aber fast ebenso große Summen kämen mittlerweile auch aus Europa: vor allem aus Italien, Spanien und Deutschland. Zwei bis zehn Millionen Francs-CFA zahle er jeden Tag aus. Im Schnitt würden Summen zwischen 40.000 bis 200.000 Francs-CFA abgeholt.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Vor der Filiale wartet eine Gruppe Gambier. Es ist Samstag, die letzte Möglichkeit vor dem Abfahrtstag am Montag, Geld zu holen. Abubakar Demba, 29 Jahre, kurze Rastazöpfe, sagt, er sei schon seit zehn Monaten in Agadez. Er will nach Europa, aber ihm ging das Geld aus. Nun arbeitet er selbst als Chasseur und Vermittler. Er wartet auf das Geld zweier Klienten, die weiter nach Tripolis wollten. Jede Woche fährt er mit einem Fahrer von Agadez nach Mursuq in Libyen. „Ich übersetze für die Gambier und Ghanaer und organisiere alles“, sagt Demba. Für jede Tour mit dem Toyota bekomme er 500 Dinar, rund 330 Euro.


          F.A.Z.-Serie: Migration aus Afrika


            Teil 1: Modu macht sich auf den Weg

            Die Flucht durch die Staaten Afrikas bis hin nach Deutschland ist vor allem eines: ein ausgeklügeltes Geschäft, mit dem viele an den Migranten verdienen. Eine Spurensuche in Niger. Zum Artikel

            Teil 2: Die Polizei verdient mit

            Die Migration von Westafrika nach Europa verläuft in Etappen. Viele verdienen daran. Immer wieder müssen Schlepper ihre Kunden aus den Fängen der Polizei auslösen. Zum Artikel

            Teil 3: In den Gettos von Agadez

            Die Organisatoren der Migration profitieren von einem verzweigten Schneeballsystem. Deswegen entleeren sich in Westafrika ganze Siedlungen. Zum Artikel

            Teil 4: Ein lukratives Geschäft

            Agadez lebt ausschließlich vom Transportgeschäft. Seit Al Qaida die Gegend unsicher macht, gibt es hier keinen Tourismus mehr. Zum Artikel


          Agadez lebt ausschließlich vom Transportgeschäft. Seit Al Qaida die Gegend im Norden Nigers unsicher macht, gibt es hier keinen Tourismus mehr. Rhissa Felto, der Bürgermeister, sitzt in einem tiefen Stoffsessel und zeichnet ein trauriges Bild seiner Stadt. Agadez sei „Opfer dieser Flucht nach Europa“, murmelt der Targi durch den Stoff seines Tagelmust. „Jeden Monat gehen hier 3000 Migranten durch.“

          Mit ihnen kämen Kriminalität und Prostitution in die Stadt. Dass sie auch einen positiven Effekt auf die Wirtschaft haben, verhehlt Felto allerdings nicht. „Banken, Gettos, Märkte, Transporteure und Ärzte profitieren von den Migranten“, so Felto. „Aber ich kann nicht sagen, wie viel das ausmacht“. Es ist ein Geschäft von Dutzenden Millionen Euro jedes Jahr.

          „Schleuser, die sich als Polizei ausgeben“

          Tausend Familien seien direkt daran beteiligt, heißt es in Agadez. Auch offiziell verdient die Stadt an den Migranten. Am Ortsausgang Richtung Dirkou ist eine „Transportsteuer“ von 2000 Francs-CFA pro Bus zu entrichten. Für ein „Taxi collectif“, wozu Felto auch den Toyota-Hilux zählt, lediglich 700. Natürlich habe er auch über Fehlverhalten von Polizisten gehört. Aber Beweise gebe es nicht.

          Der Innenminister der Republik Niger, Massoudou Hassoumi, hat eine Erklärung. „Nein“, sagt er in seinem Büro in Niamey, „das hat nichts mit der Polizei zu tun. Es sind Schleuser, die sich als Polizei ausgeben.“ Hassoumi sagt, Niger erhalte sehr wenig Hilfe von der EU im Kampf gegen die illegale Migration. „Unser Land trägt neunzig Prozent der Kosten.“ Dabei sei Niger ein reines Transitland. „Kaum ein Nigrer geht nach Europa.“ Der in Europa diskutierte Vorschlag, ein „Migrationszentrum“ in Agadez aufzubauen, stamme von seiner Regierung selbst, sagt Hassoumi. „Es geht darum, Leute ohne gültigen Pass oder Visum festzusetzen, damit sie nicht nach Europa kommen, und um sie wieder in ihrer Heimat zurückzubefördern.“ Aber das sei eine Frage der Mittel. „Und die haben wir nicht.“

          Eine häufig genutzte Migrationsroute nach Italien

          Wer länger sucht, der findet in Agadez bereits ein „Migrationszentrum“. Es liegt am staubverwehten Stadtrand abseits aller Hauptverkehrswege. Über dem blauen Eingangstor steht ein Schild, das auf die Internationale Organisation für Migration sowie auf Finanzhilfen Italiens hinweist. Das „Aufnahme- und Transitzentrum für Migranten“ bietet Platz für 1000 Menschen. Ein einheimischer Mitarbeiter kommt aus dem Empfangsgebäude heraus und zeigt die einzige belegte Halle.

          Darin sind vier Migranten: ein traumatisierter Junge aus Ghana, der aus Libyen zurückgekehrt ist. Er sitzt auf einer verschmutzten Blümchenmatratze, sein Blick ist leer, die Arme hängen schlaff auf den dreckigen Fliesenboden. Ihm gegenüber hocken drei Senegalesen. Sie arbeiteten vier Monate lang im libyschen Sabha auf Baustellen, um sich das Geld für die Weiterfahrt nach Europa zu verdienen.

          „Die Leute gehen trotzdem“

          Es reichte nicht: Zweimal seien sie ausgeraubt und mehrfach verprügelt worden, erzählen sie. Dann entschlossen sie sich zurückzukehren. Die IOM organisiert ihnen die Rückfahrt bis nach Senegal. In diesem Jahr zahlte die Organisation bereits 5000 Rückkehrern die Fahrt in die Heimat. In einigen Fällen sogar Rückflüge.

          Die IOM-Leute sehen ihr Mandat nicht darin, Migranten aufzuhalten. Im Transitzentrum von Agadez habe sich bislang auch noch niemand gemeldet, der nach Europa wolle. Rückkehrern werde geholfen, Europa-Reisende würden über Gefahren aufgeklärt. „Es gibt ein Menschenrecht auf Bewegung, man kann Menschen nicht gewaltsam stoppen“, sagt IOM-Chef Giuseppe Loprete. Und Aufklärungsarbeit habe ihre Grenzen. „Die Leute gehen trotzdem, die kennen die Gefahren.“

          Ab Sonntagabend machen sie sich auf in die Sahara: überladene Lastwagen, an deren Seitenwänden Gepäck und gelbe Plastikkanister für die Passagiere hängen. Zu Dutzenden sitzen sie obendrauf, dem ewigen Sand und einem besseren Leben entgegen. Wie rollende Berge schwanken die schweren Lastwagen zum Ortsausgang. In der Dunkelheit werden die Toyotas folgen. Sie sammeln sich achtzig Kilometer hinter Agadez.

          Dort bekommt die Karawane immer montagabends eine Militäreskorte der nigrischen Armee mit auf den Weg in die Wüste hinein. Vom zweiten Tag an, da, wo die Dünen beginnen, sind die Fahrer und Passagiere auf sich gestellt. Vielleicht werden sie französischen Soldaten begegnen, die im kolonialen Wüstenfort Madama einen Vorposten im Kampf gegen Al Qaida besetzen. Madama ist der letzte und einzige Grenzposten Nigers vor der Grenze zu Libyen. Und die ist dann noch hundert weitere Kilometer entfernt.

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