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Migration aus Afrika (III) : In den Gettos von Agadez

Das Haus des Menschenschmugglers Bashir Neto im Viertel „Misrata“ in Agadez Bild: Jochen Stahnke

Die Organisatoren der Migration profitieren von einem verzweigten Schneeballsystem. Deswegen entleeren sich in Westafrika ganze Siedlungen. Teil drei unserer Spurensuche in Niger.

          2 Min.

          „Getto“ wird so ein Hinterhof genannt, in dem Migranten unterkommen, essen, schlafen und auf die Weiterfahrt durch die Sahara warten. Dreihundert von diesen Hinterhöfen soll es in Agadez geben. Ihre genaue Zahl ist nicht bekannt, auch weil die Besitzer vorsichtig geworden sind. Nach dem jüngsten Bootsunglück im Mittelmeer ließen die nigrischen Behörden 400 Migranten verhaften und in Bussen an die Grenze zu Burkina Faso fahren. Dann riefen sie die IOM an, damit sich die Helfer um die Menschen kümmerten. Die IOM weigerte sich.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          „Die sind längst alle wieder in Agadez“, sagt ein Mann namens Bashir, der selbst ein Getto betreibt. Zeigen will er es nicht, aber zu einer Unterhaltung ist er bereit. Der katholische Priester von Agadez, der einem Familienmitglied Bashirs mal in anderer Sache half, hat das Treffen vermittelt. Das System funktioniere folgendermaßen, sagt Bashir: Fast jeder Migrant hat den Kontakt eines „Tchaga“, eines Vermittlers, und zwar an jeder Etappe seiner Reise - und falls nicht, dann finde sich immer ein Landsmann, der den Kontakt zu einem Gettobesitzer herstellt: Solche „Chasseure“ bekommen für jeden vermittelten Migranten ein paar tausend Francs-CFA.


          F.A.Z.-Serie: Migration aus Afrika


            Teil 1: Modu macht sich auf den Weg

            Die Flucht durch die Staaten Afrikas bis hin nach Deutschland ist vor allem eines: ein ausgeklügeltes Geschäft, mit dem viele an den Migranten verdienen. Eine Spurensuche in Niger. Zum Artikel

            Teil 2: Die Polizei verdient mit

            Die Migration von Westafrika nach Europa verläuft in Etappen. Viele verdienen daran. Immer wieder müssen Schlepper ihre Kunden aus den Fängen der Polizei auslösen. Zum Artikel

            Teil 3: In den Gettos von Agadez

            Die Organisatoren der Migration profitieren von einem verzweigten Schneeballsystem. Deswegen entleeren sich in Westafrika ganze Siedlungen. Zum Artikel

            Teil 4: Ein lukratives Geschäft

            Agadez lebt ausschließlich vom Transportgeschäft. Seit Al Qaida die Gegend unsicher macht, gibt es hier keinen Tourismus mehr. Zum Artikel


          „Auch die Busfahrer und Polizisten sind Chasseure, was glaubst du denn“, sagt Bashir. Der Tchaga füllt sein Lager mit Migranten, die ihm entweder täglich etwas Geld für Essen geben müssen oder selbst zum Markt wandern dürfen. Das große Geld wird bei Abfahrt gezahlt. Für die Strecke von Agadez nach Sabha in Zentral-Libyen werden 120.000 bis 150.000 Francs-CFA fällig, 180 bis 225 Euro. Hunderttausend bekommt der Fahrer, der Rest geht an den Tchaga.

          „Jeder Tchaga in Agadez hat Kontakte zu zehn bis zwanzig Tchaga in den Dörfern“, sagt Bashir. Deshalb leeren sich in Gambia, Senegal oder Nigeria ganze Siedlungen, während aus anderen Gegenden dieser Länder kaum jemand gen Europa aufbricht. Und wenn einem Migranten auf halber Strecke das Geld ausgeht, dann betätigt er sich eben selbst als Chasseur, bis er genug beisammen hat, um weiterreisen zu können. Ein Schneeballsystem.

          Wasserkanisterverkäufer in Agadez

          „Es ist unmöglich, das zu verhindern“, sagt Bashir. „Wenn du mich verhaften willst, mach doch. Dann übernimmt mein Bruder oder ein Freund. Alles, was ich brauche, ist ein Telefon. Und selbst im Gefängnis darf man telefonieren.“ Bashir sieht sich nicht als Krimineller. Meist habe er zwanzig Migranten bei sich wohnen. Denen helfe er. „Warum lasst ihr uns Afrikaner nicht nach Europa? Weil wir schwarz sind? Da kommen junge Männer, die können alle arbeiten.“

          Für viele Afrikaner ist der Weg nach Europa auch einfach ein Erlebnis. „Pour la richesse“ und für das Abenteuer habe er sich aufgemacht, sagt Nouf aus Benin lächelnd. Er steht vor dem halboffenen Tor eines Gettos im Viertel „Misrata“. Nouf ist zwanzig Jahre alt, sein Unterhemd klebt auf dem muskulösen Oberkörper. In Benin hat er als Autolackierer gearbeitet. Er sagt, es sei ihm egal, wohin er nach Europa komme. Im Hof sitzen mindestens 20 Männer, einige fläzen auf Matten unter Holzunterständen.

          Eine häufig genutzte Migrationsroute nach Italien

          Plötzlich plustert sich ein junger Mann auf und hebt das Kinn. Sofort verschwindet Nouf im Getto. Der Mann gibt sich als Wächter aus. Sein Chef ist Bashir Neto, eine der größten Figuren im Geschäft. Netos rosafarben gestrichenes mehrstöckiges Haus fällt zwischen den umliegenden Lehmhütten auf wie eine Torte neben Hirseflocken. In mehreren Gettos soll Neto Hunderte Migranten haben. Wegen Drogenhandels saß er einst drei Monate im Gefängnis. Der Wachmann sagt, Neto sei nicht da, sondern in Libyen, um dort Autos zu kaufen, die er nach Niamey importieren möchte.

          Die Tchaga von Agadez sind vorsichtig geworden. Früher sah man die Migranten an jeder Ecke der Stadt, und die gefüllten Toyotas fuhren los, wann und wie sie wollten. Heute werden die Migranten in den Gettos weggeschlossen, und die Pick-ups starten nachts. Vor zwei Wochen hat Niger erstmals ein Gesetz gegen Menschenschmuggel verabschiedet, das Schleuser mit bis zu 30 Jahren Haft bestraft. Aber dass die großen Hintermänner wirklich belangt werden, glaubt hier niemand. Nigers Regierung wird von Leuten aus dem Norden dominiert, und mit denen will es sich in Niamey keiner verscherzen. Auch weil im kommenden Februar eine Präsidentenwahl angesetzt ist. Und weil ganz Agadez von den Migranten lebt.

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