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Migration aus Afrika (II) : Die Polizei verdient mit

Ein Lastwagen im Viertel „Misrata“ in Agadez vor der Abfahrt Richtung Libyen Bild: Jochen Stahnke

Die Migration von Westafrika nach Europa verläuft in Etappen. Viele verdienen daran. Immer wieder müssen Schlepper ihre Kunden aus den Fängen der Polizei auslösen. Teil zwei unserer Spurensuche in Niger.

          Modu Barris Bus kommt am Abend des folgenden Tages in Agadez an. Aber Modu Barri ist nicht da. Ein Senegalese steigt aus dem Bus. Er sagt, er könne sich an keinen Gambier mit Mütze erinnern, aber an der letzten Barriere vor Agadez habe die Polizei ein paar Leute bei sich behalten. Die aussteigenden Fahrgäste werden sofort umringt von Trägern, Bekannten, Unbekannten - und unverhältnismäßig gut gekleideten jungen Typen: Mittelsmänner, die Migranten suchen, die noch keine Verabredungen haben.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Unschlüssig um sich blickend, stehen drei Jungs um einen dieser Typen herum. Er trägt dicke weiße Turnschuhe, Jeansjacke, Silberkette und große Kopfhörer um den Hals. Als er merkt, dass er beobachtet wird, sieht er sich empfindlich gestört.

          Der Busbahnhof von Agadez ist ein steiniger Hof voller Menschen und Gepäck, deren Ziel längst nicht nur Europa ist. Im Halbdunkel hockt eine Gruppe Tschader mit Turbanen, die seit ein paar Tagen darauf wartet, nach Djado zu kommen, einen Weiler siebenhundert Kilometer nordöstlich von Agadez, wo man vor zwei Jahren unter den oberen Erdschichten Gold entdeckte. Dem Goldrausch folgen Tausende.


          F.A.Z.-Serie: Migration aus Afrika


            Teil 1: Modu macht sich auf den Weg

            Die Flucht durch die Staaten Afrikas bis hin nach Deutschland ist vor allem eines: ein ausgeklügeltes Geschäft, mit dem viele an den Migranten verdienen. Eine Spurensuche in Niger. Zum Artikel

            Teil 2: Die Polizei verdient mit

            Die Migration von Westafrika nach Europa verläuft in Etappen. Viele verdienen daran. Immer wieder müssen Schlepper ihre Kunden aus den Fängen der Polizei auslösen. Zum Artikel

            Teil 3: In den Gettos von Agadez

            Die Organisatoren der Migration profitieren von einem verzweigten Schneeballsystem. Deswegen entleeren sich in Westafrika ganze Siedlungen. Zum Artikel

            Teil 4: Ein lukratives Geschäft

            Agadez lebt ausschließlich vom Transportgeschäft. Seit Al Qaida die Gegend unsicher macht, gibt es hier keinen Tourismus mehr. Zum Artikel


          Überall werben Plakate für eine texanische Firma, die Metalldetektoren herstellt. Nach Djado wollen ebenso viele Menschen wie nach Europa, schätzt der freundliche Stationsvorsteher. Andere hoffen, nach ein paar Monaten in den artisanalen Minen in der Sahara genug Gold ergraben zu haben, um damit die Fahrt nach Europa bezahlen zu können.

          Am nächsten Tag Besuch des letzten Checkpoints sieben Kilometer vor Agadez. Zwischen zwei rostigen Metallfässern ist ein Seil über die Straße gespannt. Linker Hand stehen drei kleine Lehmhäuschen mit je einem Fenster, davor ein Unterstand mit Dach und zwei Seitenwänden aus Stroh. Drei Polizisten hängen träge in ihren Plastikstühlen. Einer fummelt an einer stummen Funkstation auf dem Holztisch. Auf dem Boden kauern fünf Gestalten, zusammengedrängt wie verschreckte Küken. Zwei haben kleine Bündel, einer einen zerschlissenen Rollkoffer dabei. Sie sagen kein Wort. Der Befehlshabende, ein rundlicher Mann mit Pistole und sehr hartem Händedruck, verweigert jede Auskunft.

          Eine häufig genutzte Migrationsroute nach Italien

          Am Abend, als die nächsten Busse aus Niamey erwartet werden, rast ein schwarzer Pick-up mit schwarz überlackiertem Toyota-Schriftzug über die Hauptstraße zum Ortsausgang. Die Ladefläche ist leer. Eilig überholt er die anderen Fahrzeuge, aber der Verkehr ist so, dass man ihm trotzdem leicht folgen kann. Aus der Ferne ist zu sehen, wie er im Lichtschein des Checkpoints hält. Dort steht auch der Rimbo-Bus mit den Migranten, der zwanzig Minuten später weiterfahren darf. Weitere fünfzehn Minuten später folgt dann der Pick-up auf demselben Weg. Auf der Ladefläche sitzen nun zehn Männer.

          Es ist ein offenes Geheimnis in Agadez, dass die Schlepper ihre Kunden immer wieder aus den Fängen der Polizei auslösen müssen. Der Toyota fährt schließlich nach Agadez hinein, verlässt die Straße, rollt in den Sand des heruntergekommenen Viertels „Pays-Bas“ und hält vor einer Lehmmauer. Die Migranten steigen ab und gehen hinein.

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