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Micheil Saakaschwili : Revolutionär auf Reisen

Micheil Saakaschwili zusammen mit Julija Timoschenko am Grenzkontrollpunkt zwischen Ukraine und Polen in Krakowiec Bild: Konrad Schuller

Und dann gelingt es doch: Saakaschwili, der Ausgebürgerte, der nicht einreisen durfte, läuft über die Grenze in die Ukraine, im Schlepptau seiner Unterstützer.

          Am Abend kommen sie ihn holen. Große, kräftige Männer sind sie, mindestens 150 an der Zahl, richtige Kämpfertypen. Im goldenen Spätlicht rennen sie von der ukrainischen Seite über die Grenze nach Polen. Dort, genau an der Grenzlinie, steht Micheil Saakaschwili, einstiger georgischer Präsident. Sie nehmen ihn in ihre Mitte und rennen zurück in die Ukraine. Die Grenzschützer greifen nicht ein. „Noch ist die Ukraine nicht gestorben“, singen die Männer, die Saakaschwili umringen. So beginnt die ukrainische Nationalhymne.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Bis am frühen Abend des Sonntags hatte es so ausgesehen, als würde Saakaschwili den Grenzübertritt nicht schaffen. Mittags, als der Zug den polnischen Grenzbahnhof Przemyśl erreichte, ertönte in der Bahn eine metallene Frauenstimme: „Geehrte Damen und Herren! Wir informieren Sie höflich, dass sich die Abfahrt unseres Zuges verzögert. An Bord befindet sich eine Person ohne gültige Einreisedokumente für die Ukraine.“ Saakaschwili baut sich auf, wird noch größer, als der Zweimetermann ohnehin schon ist. Er weiß, dass seine Stunde gekommen ist. „Könnt ihr euch das vorstellen?!“ Seine Stimme donnert durch das Blitzgewitter der Kameras. „Poroschenko hat dem Lokführer verboten, loszufahren! Auf polnischem Territorium! Auf dem Territorium der Europäischen Union!“

          Am Sonntag war nicht zu erfahren, ob es wirklich an einem Befehl aus dem Munde des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko gelegen hat, dass der Zug den Bahnhof Przemyśl nicht Richtung Kiew verlassen hat. Fest steht nur, dass die Szene für Saakaschwili, den Mann „ohne gültige Einreisedokumente“, ein Geschenk ist, wie Präsident Poroschenko es sich für seinen Intimfeind (und früheren Kollegen an der Kiewer Universität) nicht besser hätte ausdenken können. Eigentlich war dieser noch vor wenigen Wochen praktisch am Ende. Seine Karriere in Georgien hatte nach fulminanten Erfolgen in der Bekämpfung der Korruption ein überschattetes Ende gefunden.

          Micheil Saakaschwili im polnischen Bahnhof Przemysl, an dem seine Reise nach Kiew vorerst endete.

          Als Russland 2008 sein Land überfiel, reagierte er mindestens unbedacht, gab zweifelhafte Befehle und brachte damit die starke moralische Position seines Landes dem Aggressor gegenüber in Gefahr. Später warf man ihm Gewalt gegen Demonstranten und Übergriffe gegen einen oppositionellen Fernsehsender vor. So war der ukrainische Euromajdan, die antirussische Revolution von 2014, ein Gottesgeschenk für ihn. Der Revolutionsprofi Saakaschwili wechselte nach dem ruhmlosen Ende seiner zweiten Amtszeit in Georgien einfach das Land. Daheim arbeitslos geworden, stellte er sich jetzt eben in der Ukraine mit auf die Tribüne des Aufstands gegen Präsident Janukowitsch, Russlands Mann in Kiew. Als der sich dann im Februar 2014 nach einer blutigen Eskalation des Bürgeraufstands in einen Hubschrauber setzte und kopflos nach Russland floh, schien Saakaschwili aufs richtige Pferd gesetzt zu haben. Poroschenko, sein alter Studienfreund, der ebenfalls zum Führungspersonal des Aufstands gehört hatte, wurde zum Präsidenten gewählt. Er gab ihm die ukrainische Staatsbürgerschaft und machte ihn 2015 zum Gouverneur der Region Odessa.

          Das Bündnis hielt nicht lange. Saakaschwili ist keiner, der sich unterordnet, und als Poroschenko begann, sich vom Hoffnungsträger der Revolution zum Hüter des korrupten Establishments zu wandeln, hielt es Saakaschwili nicht lange auf seinem Sitz in Odessa. Er griff die Regierung so bissig an, dass Innenminister Awakow in hellem Zorn ein Glas Wasser nach ihm warf. Schließlich attackierte er den Präsidenten selbst. Im November 2016 gab er sein Gouverneursamt zurück und ging in die (ukrainische) Opposition.

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