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Mesut Özils Rückzug : Eine Marionette in Erdogans Spiel

Folgenreiches Foto: Die Fußballspieler Ilkay Gündogan Mesut Özil und Cenk Tosun mit dem türkischen Präsidenten Erdogan Bild: Reuters

Die Causa Özil gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland keine Auskunft. Aber in dem Fall gibt es viele Verlierer – zu denen sich der türkische Staatspräsident nicht zählen wird. Ein Kommentar.

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          Vielleicht hat Mesut Özil wirklich nicht geahnt, welche Folgen das Bild haben wird, das ihn zusammen mit dem anderen deutschen Nationalspieler Gündogan und dem türkischen Präsidenten Erdogan zeigt. Das Bild wurde im Mai in London aufgenommen, wenige Wochen vor der Wahl in der Türkei und wenige Wochen vor der Fußball-Weltmeisterschaft. Selbst wenn Özil darin allein den Ausdruck von Respekt vor seinen türkischen Wurzeln und den Traditionen seiner Familie sehen will – was zu glauben nach wie vor schwer fällt –, so wird Erdogan die politische Dimension des Vorgangs keine Sekunde übersehen haben.

          Und jetzt schließt der wiedergewählte Präsident, der das Land auf den Weg zum autoritären Führerstaat gebracht hat, den Kreis: mit einem Anruf bei Özil, in dem er den Umgang der Deutschen mit ihm als rassistisch geißelt, wie er das schon oft getan hat, und seine, Özils, Haltung als patriotisch lobt. Patriotisch im Sinne Erdogans, patriotisch im Sinne der Türkei, muss man wohl vermuten.

          Eine fünfte Kolonne der Türkei

          Viele Türken in Deutschland und viele Deutsche türkischer Abkunft sehen zu Erdogan empor, weil er ihnen, wie sie sagen, Stolz zurückgebe. Aber das ist nur die eine Seite. Erdogan geht es nicht darum, die Identitätskonflikte zu entschärfen, die vermutlich überall zu Erfahrungen von Einwanderern, auch in Form von Diskriminierung und Geringschätzung, gehören.

          Erdogan sieht in denjenigen, die er hier anspricht, eine fünfte Kolonne der Türkei, die er für seine politischen Zwecke braucht und missbraucht; und es ist ihm dabei egal, ob sie Deutsche sind oder nicht. Seine Auftritte hierzulande waren in der Vergangenheit Erweckungsveranstaltungen eines türkischen Nationalismus à la AKP. Özil ist nur eine Marionette in seinem Spiel.

          Dass die Debatte über Özil und die Folgen ausgeartet ist und die Ausschläge so heftig sind, hat auch damit zu tun. Aber es ist auch ein Indikator dafür, welche Spannung über dem Thema Integration lastet: auf der einen Seite der plumpe Rassismus-ist-überall-Verdacht, auf der anderen völkische Ausgrenzungsparolen.

          Außenminister Maas hat etwas Vernünftiges wider die allgemeine Hysterie gesagt: Der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland keine Auskunft. Er ist nicht der Stoff für ein Verdammnisurteil. Dennoch, das ist wahr, in der Causa Özil gibt es viele Verlierer. Zu denen wird sich Erdogan nicht zählen.

          Klaus-Dieter Frankenberger
          Redakteur in der Politik.

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