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Bierdeckel-Sammler zu Merz : „Ich muss jetzt zu meinem Steuerberater“

Er hat es wieder getan: Die erste Botschaft von Friedrich Merz auf Twitter passte auf einen Bierdeckel. Bild: @_FriedrichMerz/Twitter

Friedrich Merz ist zurück in der Politik – und damit auch der Bierdeckel. Im F.A.S.-Interview spricht deswegen der Präsident des Internationalen Brauereikultur-Verbandes über Steuererklärungen, Kölsche Kreditkarten und Politik als Bier.

          Friedrich Merz ist zurück in der Politik und damit auch der Bierdeckel. Das muss Sie als Präsident des Internationalen Brauereikultur-Verbandes doch freuen.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Fünfzehn Jahre muss das her sein, als Merz sein Steuerkonzept vorstellte. Die Einkommenserklärung solle auf einen Bierdeckel passen. Ich fand, das war ein guter Gag. Wir Rheinländer verstehen ja auch sofort, wieso Merz gerade auf einen Bierdeckel kam. Bei uns werden die Biere immer noch auf den Deckeln abgerechnet. Auf der einen Seite des Deckels wird gezählt, auf der anderen zusammengerechnet. Man nennt es auch die „Kölsche Kreditkarte“. Auch wenn das Landgericht Köln mal entschieden hat, dass Bierdeckel nicht als Schuldscheine anzusehen sind. Nach dem Urteil brauchte der Gast, der hatte anschreiben lassen, nicht zu bezahlen. Aber das war noch vor dem Merzschen Bierdeckel. In Wirklichkeit hätte das bestimmt nicht funktioniert mit einer Steuererklärung auf einem Bierdeckel.

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat bei ihrer Bewerbungsrede für den CDU-Parteivorsitz gesagt, Merz solle den Bierdeckel beiseite legen und lieber ein neues Steuersystem im Zeitalter der Digitalisierung entwickeln. Statt Bierdeckel eine App. Aber ein Witzbold hat tatsächlich mal ein Steuererklärungsformular auf einen Bierdeckel drucken lassen. Wäre ein solcher Deckel für Sie interessant, so als Sammlerstück?

          Nein. Ich selbst sammle nur deutsche Bierdeckel und nur solche von Brauereien. 120.000 ungefähr besitze ich, damit bin ich aber bei weitem nicht der größte Sammler. Da gibt es noch ganz andere in unserem Verband. Wir sind mehr als tausend Mitglieder und treffen uns acht Mal im Jahr, um zu tauschen. Der Verband wurde vor sechzig Jahren gegründet, damals ausschließlich von Leuten, die Bierdeckel sammelten. Inzwischen sind auch Mitglieder dabei, die Zapfhahnschilder sammeln, Ansichtskarten oder Kronkorken. Und die Amerikaner sammeln wie verrückt Bierdosen. Die größte Gruppe bei uns ist aber inzwischen die der Etikettensammler. Wer Bierdeckel sammelt, sammelt meistens die von Brauereien. Aber ich kannte auch mal einen Sparkassendirektor im Ruhrgebiet, den auch Sparkassenwerbedeckel interessierten.

          Politiker haben den Bierdeckel schon immer gern genutzt, weil sie wissen, dass sie damit buchstäblich den Wähler am Stammtisch erreichen.

          Ich kenne die Sprüche. „Roter Filz“ bei der SPD, „Das Maß ist voll, die Kassen leer. Wir wollen keine Sozis mehr“ von der CDU. „Dein Bier ist auch unser Bier“ – war auch ein CDU-Deckel. Und Günther Oettinger, als er noch Ministerpräsident in Baden-Württemberg war, ließ auf Wahlkampf-Bierdeckel drucken: „Politik ist auch Ihr Bier.“ Es soll sogar Kandidatinnen gegeben haben, die als „Kühles Blondes“ auf Deckeln für sich warben. Im vergangenen Jahr haben die Kölner Kneipenwirte sich gegen einen AfD-Parteitag gewehrt mit Bierdeckeln, auf denen stand „Kein Kölsch für Nazis“. Klar, man könnte auch Politik-Bierdeckel sammeln. Aber ich kenne keinen, der das tut.

          Nach Ihrem Sparkassen-Beispiel müssten das vielleicht Politiker sein.

          Nicht unbedingt. Es gibt auch Sammler, die sich für Bierdeckel aller Art interessieren, vielleicht auch für die mit Politik drauf. Im Buch der Rekorde stand mal ein Wiener, der wirklich jeden Bierdeckel sammelte, den er kriegen konnte.

          Kann ein Wegwerfartikel wie ein Bierdeckel einen Wert haben?

          Und ob. Mitunter werden Summen bezahlt, die man sich als Rückzahlung vom Finanzamt wünschte. Es gibt da einen bestimmten siebzig Jahre alten Bierdeckel, von dem meines Wissens nach nur noch zwei existieren. Der eine wurde vor einigen Jahren mal für 1500 Euro verkauft, den anderen habe ich in meiner Sammlung. Mal abgesehen vom Geldwert: Wenn man Bierdeckel aus verschiedenen Zeiten nebeneinanderlegt, lässt sich daran viel über die gesellschaftliche Entwicklung ablesen. Löwen zum Beispiel sahen auf Bierdeckeln im Dritten Reich richtig gefährlich aus. Oder wenn wir mal Ritter, Pferd und Drachen im Logo einer Brauerei nehmen: Früher wurden die richtig realistisch dargestellt. In der Nierentisch-Zeit waren sie nur noch Strichmännchen, später dann poppig bunt. Und heute interessieren wir uns wieder für die historischen Abbildungen. Alte Deckel werden als Repro neu aufgelegt.

          Sie vergeben jedes Jahr den Goldenen Bierdeckel. Hätte Merz den nicht auch mal verdient?

          Den ersten bekam damals Peter Frankenfeld. Ein großer Entertainer in den sechziger Jahren mit der Fernsehshow „Musik ist Trumpf“. Der Bierdeckel ist tatsächlich zumindest vergoldet und tausend Euro wert. Er wird an verdiente Sammler verliehen, aber auch an Leute, die den Bierdeckel populär gemacht haben. Insofern wäre Merz eine gute Wahl. Aber er bekommt ihn bestimmt nicht. Verliehen wird er nämlich immer dort, wo eine Brauerei uns den Preis sponsert, in diesem Jahr war es die Einbecker. Stellen Sie sich mal vor, Merz würde bei so etwas mitmachen. Das brächte ihm nur Ärger ein.

          Warum heißt es Bierdeckel?

          Bierdeckel sagen wir, die Bayern sagen Bierfilz oder Bierfuiz, die Franken Bierfilzla, die Schweizer Bierteller. Die Pappe ist ja multifunktional. Man kann sie unter das Glas legen, um das Kondenswasser am Glas aufzufangen, bevor es beim Trinken tropft. Oder auf das Glas wegen der Insekten. Oder man kann sie eben als Notizblatt nutzen. Aber jetzt ist genug geplaudert. Sie werden es mir nicht glauben, aber ich muss zu meinem Steuerberater.

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