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Nach Merkels Zitteranfall : Die Frage nach dem Gesundheitszustand

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Angela Merkel hat diese Voraussetzungen, so wie sie Helmut Kohl hatte, der 16 Jahre als Kanzler durchhielt. Die Umstände machen einen gesunden Lebenswandel schwer. Wenig freie Zeit, wenig Schlaf, viel sitzen, viel reisen. Regelmäßige gesunde Ernährung erfordert zusätzliche Disziplin, von der ja durch den Job schon genug verbraucht wird. Zwar gibt es Erleichterungen beim Reisen wie den Zugriff auf Hubschrauber und Flugzeuge. In letzteren gibt es für die Kanzlerin sogar ein Bett. Die Strapazen häufiger und oft auch langer Flüge macht das allerdings nicht wett. Und ein Bürostuhl in einem Konferenzraum in Brüssel ist eben auch nur ein Stuhl. Die Nacht auf ihm zuzubringen und dabei zum wiederholten Mal die unvereinbaren Positionen über die europäische Finanz- oder Flüchtlingspolitik auszutauschen ist das Gegenteil eines Fitnessprogramms.

Nun sind Bundeskanzler nicht die einzigen, die anstrengende Vielfliegerjobs haben. Aber das, was sie normalerweise zu ihrem Nutzen tun, sich ständig von Medien begleiten zu lassen, wird in Momenten der körperlichen Schwäche zum Nachteil. Es ist nicht bekannt, ob die Kanzlerin schon in Situationen ohne Kamerabegleitung Zitteranfälle hatte. Aber natürlich wissen Merkel und ihre Mitarbeiter, dass zwei davon, die in kurzer Zeit in der Öffentlichkeit stattfinden, ausreichen, um Mutmaßungen auszulösen.

„Eine Krankheit ist etwas zutiefst Privates.“

Mancher Spitzenpolitiker hat schon vor laufenden Kameras einen Schwächeanfall erlitten, Franz Müntefering etwa, der einstige SPD-Vorsitzende, CSU-Mann Horst Seehofer ebenfalls. Bleiben es Ausnahmen, sind sie meistens schnell vergessen. Schließlich erleben viele Menschen, allemal in einem gewissen Alter, so etwas. Schwieriger wird es, wenn es sich nicht um einen kurzen, situationsbedingten Zwischenfall handelt, der leicht mit Überanstrengung oder Flüssigkeitsmangel in großer Hitze zu erklären ist, sondern um eine Erkrankung.

Mit solchen gehen Politiker unterschiedlich um. Viele von ihnen haben schon in Interviews über ihre Krankheit gesprochen. Zurückhaltend und nur im Rahmen dessen, was er offenbar in seiner Position für unvermeidbar hielt, berichtete der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier über seinen Krebs. Der FDP-Politiker Jimmy Schulz gab kürzlich dem „Spiegel“ ein langes Interview zu seiner Krebserkrankung, in der er über seinen bevorstehenden Tod sprach.

Es ist für Spitzenpolitiker nicht nur die Frage, ob sie öffentlich über eine Erkrankung sprechen, sondern auch, zu welchem Zeitpunkt. Die sozialdemokratische Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, gab der „Zeit“ im vorigen Jahr ausführlich Auskunft über ihre Multiple Sklerose. Sie hatte nach der Diagnose 1995 elf Jahre gewartet, bis sie damit an die Öffentlichkeit ging. Ihr Arzt habe ihr geraten: „Behalt das erst mal im ganz engen Kreis. Irgendwann kommt der Tag, an dem du das Gefühl hast, die innere Stärke zu besitzen, das auch überzeugend nach außen tragen zu können.“ Sie sei ihm heute noch dankbar für den Ratschlag. „Eine Krankheit ist etwas zutiefst Privates, auch bei Politikern.“

Einerseits ist das unbestreitbar. Andererseits ist ein Spitzenpolitiker immer auch ein Amtsinhaber. Nicht nur die Frage nach dem Zustand einer Kanzlerin ist erlaubt, sondern auch die, was passiert, wenn sie die Amtsgeschäfte für eine vorübergehende Zeit nicht führen kann. Das Grundgesetz sagt dazu knapp, dass der Kanzler einen Bundesminister zu seinem Stellvertreter ernennt. Im Falle der jetzigen Regierung ist das der sozialdemokratische Finanzminister Olaf Scholz. Er würde Merkel vertreten. Für die Frage, wer nächster Kanzler würde, wenn der gegenwärtige nicht ins Amt zurückkehren könnte, bedeutet das nichts. Für diesen Fall müsste ein neuer Kanzler gewählt werden.

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