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Merkels Telefone : Du sollst kein Handy haben neben mir

„Auf langsam steht sie nicht“: Angela Merkel Bild: REUTERS

Bundesminister und die Kanzlerin verfügen über besonders gesicherte Mobiltelefone für geschütztes Mailen und verschlüsselte Telefonate. Aber die Geräte sind kaum alltagstauglich. Deshalb greift mancher zum Privathandy – und macht sich verwundbar.

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          Eigentlich darf eine Bundeskanzlerin kein handelsübliches Handy benutzen. Zu leicht ließe sich nämlich ihr Bewegungsprofil anlegen, ließe sich Schadsoftware aufspielen, könnten Daten abgegriffen werden. Das Gleiche gilt für Bundesminister und Regierungsmitarbeiter. Deshalb hat die Bundesregierung besonders gesicherte Geräte angeschafft. Aber damit gab es immer wieder Probleme. So konnte man mit ihnen entweder sicher mailen und surfen oder aber sicher telefonieren – nur nicht beides mit demselben Gerät.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Die Telefone Simko 1 und 2 auf Basis eines HTC-Smartphones bieten nur sicheres Mailen und Surfen an. Sie sind vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zugelassen, man darf mit ihnen also Daten der Geheimhaltungsstufe VS-NfD („Verschlusssache - Nur für den Dienstgebrauch“) verarbeiten. Doch sicher SMS verschicken und telefonieren kann man mit ihnen nicht. Dafür hat die Bundesregierung Nokia-Geräte mit dem System Symbian 3 angeschafft. Beide Modelle bereiten im Alltag offenbar immer wieder Ärger.

          „Das Zeug ist nervig“

          Aus Regierungskreisen ist zu hören, dass die Simko-Geräte in der Handhabung sperrig und langsam seien. „Das Zeug ist nervig“, heißt es. Auch die Nokias mit Sprachverschlüsselung sind angeblich unpraktisch. Aus technischen Gründen hören die Gesprächspartner einander immer mit zeitlicher Verzögerung. Die Geräte sind so unbeliebt, dass manche Ministerien sie zwar bestellt, aber nicht an ihre Mitarbeiter ausgegeben haben sollen. Weil man sie in der Praxis für untauglich hielt, seien die Geräte irgendwo eingelagert worden, heißt es. „Ich habe noch nie einen Minister gesehen, der solch ein Telefon benutzt hat“, sagt jemand aus Regierungskreisen. Und auch die Kanzlerin führt dem Vernehmen nach jede Menge Telefonate über ein Alltagshandy – es soll sich um ein inzwischen veraltetes Nokia zum Aufschieben handeln. „Was sie mag, sind einfache Sachen“, sagt einer, der sie kennt. „Auf langsam steht sie nicht.“

          Weil all die sicheren Geräte so unpraktisch sind, benutzen viele Minister ihre eigenen Smartphones. Vizekanzler und Wirtschaftsminister Philipp Rösler gab das im Mai auf seiner Reise ins Silicon Valley unumwunden zu: „Jeder weiß, dass wir unsere privaten Telefone benutzen, obwohl es verboten ist.“ In der Verschlusssachenanweisung des Bundesinnenministeriums heißt es: „Personen, die zum Zugang zu Verschlusssachen ermächtigt sind“, sei der Betrieb „privater Informationstechnik“ – Mobiltelefone eingeschlossen - „am Arbeitsplatz grundsätzlich untersagt“. Die Geheimschutzbeauftragten können Ausnahmen festlegen.

          Im Bundesinnenministerium arbeitet man schon seit einiger Zeit daran, die gesicherten Regierungstelefone weiterzuentwickeln. Neue Smartphones sollen alle Funktionen in einem Gerät vereinen. Deshalb hat das Bundesbeschaffungsamt zwei Rahmenverträge geschlossen. Die Telekom entwickelt das Simko 3 auf Basis des Samsung Galaxy S3. Und ein zweites Modell entstand durch Kombination eines Blackberry Z10 mit der Sicherheitssoftware „Secusuite for Blackberry 10“ der Düsseldorfer Firma Secusmart. Erst Anfang dieses Monats erteilte das BSI für dieses Gerät eine vorläufige Zulassung für sichere Sprach- und Datenübertragung. Ob es in der Praxis große Verbesserungen bringt, ist offen.

          Unsichtbare SMS

          Die Verschlüsselungsfunktion basiert auf einem Kryptochip, der auf einer Micro-SD-Karte sitzt. Eigentlich handelt es sich um zwei Geräte in einem: Das System ist in einen persönlichen ungesicherten und einen geschäftlichen geschützten Bereich geteilt. Der erste kann zum Twittern, für Youtube, Facebook und andere Apps genutzt werden, der zweite für den sicheren Transport von Mails und SMS, die Ablage vertraulicher Daten (Kontakte, Kalender, Mail-Anhänge) und für verschlüsselte Telefongespräche. Der Nachteil aller gesicherten Telefone bleibt: Verschlüsselt sprechen kann man nur, wenn auch der Gesprächspartner ein solches Gerät besitzt. Mit Kanzleramtschef Ronald Pofalla kann Merkel geheim telefonieren, mit dem Unionsfraktionsvorsitzenden Volker Kauder nicht.

          Das Mobiltelefon der Kanzlerin, das die Amerikaner im Visier hatten, war nach Angaben des BSI nicht als abhörsicher eingestuft und damit wohl so anfällig wie jedes gewöhnliche Handy. Seit der Einführung digitaler Mobilfunknetze können Telefonate zwar nicht mehr ohne weiteres belauscht werden. Aber auch die zweite Netzgeneration, die GSM-Netze, gelten schon als löchrig. So kann man Handys mit sogenannten Imsi-Catchern dazu verleiten, sich in manipulierte Funkzellen einzubuchen, und sie dann abhören. Der Aufwand ist überschaubar. Eine andere Möglichkeit ist, unsichtbare SMS zu schicken und damit Überwachungssoftware auf das Handy zu schleusen.

          Ein ähnliches Schicksal wie das der ungeliebten, behäbigen Regierungstelefone, die jetzt irgendwo lagern, steht vielleicht auch den „gehärteten iPads“ der Bundesministerien bevor. „Sie müssen erst einen sechsstelligen Code eingeben, dann Benutzername und Passwort, dann noch einen Zahlencode, den Sie mit einem Token generieren“, sagt einer, der solche Tablets benutzt hat. „Und schon nach ein paar Minuten Inaktivität werden Sie wieder vom System abgemeldet.“

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