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Merkels neuer Lady-Look : Eine Radikalkur für die Kandidatin

  • -Aktualisiert am

Juni 2005: Kanzlerkandidatin Bild: F.A.Z: - Foto Helmut Fricke

Niemand zweifelt daran, daß Angela Merkel Kanzlerin wird, und da sie hartnäckig nicht sagt, was sie eigentlich will - außer Kanzlerin werden -, ist man auf nonverbale Zeichen angewiesen. Das Auge wählt mit.

          3 Min.

          Jetzt sieht sie tatsächlich manchmal aus, wie Edmund Stoiber aussehen würde, wenn er eine Frau wäre. Spätestens mit ihrem Auftritt als frisch gekürte Kanzlerkandidatin der CDU hat sich Angela Merkel den Stilvorschriften der politischen Klasse in Deutschland weitgehend assimiliert. Kaum ein Berichterstatter vergaß, den "apricotfarbenen Blazer" zu erwähnen.

          Der SPD-nahe "stern" konstatierte leicht mokant die Ankunft des Merkel-Hauptes bei der sogenannten Endfrisur, die der Berliner Prominenten-Haareschneider Udo Walz seit 2003 durch stufenweise kleine Veränderungen vorbereitet haben soll: Es ist ein sogenannter "Bob". Und das CDU-treue Ostblatt "SuperIllu" unterzog sogar Make-up ("Das pfirsichfarbene Rouge läuft vom Wangenknochen c-förmig zur Schläfe") und Lippenstift ("Ein Tupfer Gloss in der Lippenmitte zieht alle Blicke auf den Mund") einer Detailanalyse.

          Man kann das Interesse an den Metamorphosen der Angela Merkel verdammen, wie es die CDU-Zentrale tut. Doch es gibt nun einmal Gründe. Der erste und wichtigste ist die vorhersagbare Langeweile des Wahlkampfes: Niemand zweifelt daran, daß Angela Merkel im Herbst Kanzlerin wird, und da sie weiterhin hartnäckig nicht sagt, was sie eigentlich will - außer Kanzlerin werden -, ist man um so mehr auf die Lektüre von nonverbalen Zeichen angewiesen, die sie mit ihrem Habitus gibt.

          Dezember 1991
          Dezember 1991 : Bild: F.A.Z. - Barbara Klemm

          Aufmerksamkeit für Merkels Häutungen

          Solche "vestimentären Inszenierungen", wie es die Oldenburger Kulturwissenschaftlerin Karen Ellwanger nennt, gehören spätestens seit den neunziger Jahren zu den gängigen politischen Strategien. Ellwanger erinnert daran, wie sich Gerhard Schröder etwa kurz vor Beginn des Kosovo-Krieges 1999 für die "Gala" mit hochgeschlagenem Mantelkragen fotografieren ließ: "Eine Pose, die eher an Feldherren erinnert."

          Die Aufmerksamkeit für Merkels Häutungen ist zunächst einmal eine Ehre: Sie gehört nun einmal zu den drei bis fünf Politikern in Deutschland, für die sich die Leute wirklich interessieren. Bei Kolleginnen wie Annette Schavan oder Ulla Schmidt würde ein derart radikales Redesign, wie es Merkel durchlaufen hat, wahrscheinlich unbemerkt vonstatten gehen.

          Veränderung wirkt interessanter als Stagnation. Und Angela Merkel hat sich seit 1989 verändert, wie es sonst nur noch Joschka Fischer getan hat. Die ersten bekannten Bilder von der Politikerin des "Demokratischen Aufbruchs" zeigen eine Frau im weltweiten Einheitslook jener begabten Jung-Eierköpfe, die man "Nerds" nennt: schlabbrige T-Shirts und Pullover, die den Einheitswaschgang für alle Farben überstehen. Hosen und Schuhe, die auch nicht drücken, wenn man lange am Computer gesessen oder im Labor rumgestanden hat. Und eine Frisur, die auch der Kommilitone mit der Nagelschere schneiden kann.

          Irgendwo "ostig"

          Als irgendwo "ostig" wurde Merkels Äußeres erst empfunden, weil sie diese Relikte akademisch-unbeholfenen Mode-Desinteresses auch nach ihrem raschen Aufstieg in der Nachwende-CDU beibehielt. Politikern aus den neuen Ländern fiel es generell schwerer, mit dem widersprüchlichen Dresscode parlamentarischer Demokratien umzugehen, den Karen Ellwanger so beschreibt: "Die Deputierten sollen aussehen wie das Volk, es transparent abbilden, weil sie Teil des Volkes sind. Andererseits müssen sie etwas darstellen, das der Essayist Georg Seeßlen ,Mehr-als-Volk' nennt."

          Bei Merkel ging das lange gut, weil die von ihr bekleideten Ministerposten für Umwelt, Jugend etc. in der Ära Kohl vollkommen unwichtig waren. Zudem hatte sie mit Claudia Nolte zeitweise eine Kabinettskollegin, die den Spott noch magnetischer anzog. Erst nach dem Putsch gegen den Übervater Kohl sah man sie sich genauer an. Die berüchtigte Werbung des Autovermieters Sixt für seine Cabrios, die Merkel 2002 mit einer sturmzerzausten Frisur zeigte, wäre 1998 nicht denkbar gewesen (siehe auch: ).

          Nicht ein einzelner Imageguru

          Bei ihrer Erneuerung hat sich Angela Merkel wohl nicht die Kompetenz eines einzelnen Imagegurus gekauft. Wie jeder Mensch, dessen beruflicher Aufstieg die Notwendigkeit eines Kleiderwechsels mit sich bringt, hört sie auf Tips von Nahestehenden. Hier werden immer wieder ihre Pressesprecherin Eva Christiansen und ihre Büroleiterin Beate Baumann genannt. Sie schaut sich auch manches ab in den Milieus mächtiger Frauen wie Liz Mohn, Sabine Christiansen oder Friede Springer, bei denen sie häufig zu Gast ist. Oder sie läßt sich nach Ladenschluß in der Wilmersdorfer Boutique der Modedesignerin Anna von Griesheim beraten. Beim Kleiderkauf folgt sie allerdings dem parteiübergreifenden Megatrend zum Hosenanzug, der Standarduniform deutscher Politikerinnen. Es ist, als fürchte man hierzulande immer noch, mit Begriffen wie "Weiblichkeit" oder - horribile dictu - "Eleganz" in Verbindung gebracht zu werden.

          Zu den auffälligsten Änderungen in Merkels Habitus gehört, daß sie ihre Haare nicht mehr einfach trocknen läßt, sondern fönt oder gar - zumindest vor großen Auftritten - fönen läßt. Das kann dazu führen, daß ihr eine Friseurhand wie neulich vor dem F.A.Z.-Interview einen unerwarteten Seitenscheitel beschert. Ein paar Tage später war der Pony wieder da.

          Mit derartigen Überraschungen muß man auch künftig rechnen. Neuerdings kauft sie nämlich bei "Trippen" in den Hackeschen Höfen in Berlin. Zum Kernsortiment des Ladens mit Filialen in Hamburg und Asien gehören Schuhe mit einer stegartigen Holzsohle, ähnlich denen, die Geishas tragen. Im Mittelalter nannte man solche Fußbekleidung "Trippen". Es lohnt sich also, mal einen Blick auf Merkels Füße zu werfen.

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