https://www.faz.net/-gpf-9g7ms
Bildbeschreibung einblenden

Rückzug als Parteivorsitzende : Merkels Monster

Bild: AFP

Als die Bundeskanzlerin ihren Abschied als CDU-Vorsitzende ankündigte, hat sie einen monströsen Rucksack abgeschnallt. Die Last darin: der Konflikt über ihre Migrationspolitik. Was passiert jetzt mit dem Rucksack – und mit der Partei?

          9 Min.

          Im Jahr 2015 kam ein Film über eine kleine Frau mit einem großen Rucksack in die deutschen Kinos. „Wild – der große Trip“. Reese Witherspoon spielt darin Cheryl Strayed, die sich ohne Training und Erfahrung allein auf einen mörderischen, tausend Meilen langen Fußmarsch durch Wüsten und Gebirge macht, den Pacific Crest Trail. Ihr Rucksack ist riesig, und er ist so schwer, dass sie ihn nur vom Boden bringt, wenn sie sich auf alle viere dreht und hochstemmt. Mit dieser Last kommt sie nur quälend langsam vorwärts. Und sie hat Schmerzen. Doch sie gibt nicht auf. Eines Tages trifft sie in einem Camp einen Wanderer wieder, der sie unterwegs überholt hat. Der stellt sie den anderen vor: „Das ist Cheryl. Und das ist Monster.“

          Auch sie hat wie Angela Merkel mehr als ein Päckchen zu tragen: Reese Witherspoon als einsame Wanderin in der amerikanischen Wildnis.
          Volker Zastrow

          Correspondent at large.

          Monster ist der Rucksack. Angela Merkel hat Monster diese Woche abgeschnallt. In diesem Bild wäre der Parteivorsitz der Rucksack. Doch die Last darin ist der Konflikt über die Entscheidungen der Kanzlerin in der Migrationspolitik vor drei Jahren. Er lässt sich nicht beilegen, nicht nur wegen der Unbeugsamkeit von Merkels Gegnern, sondern auch, weil Merkel selbst nicht bereit war, ihnen über das von ihr selbst bestimmte Maß hinaus entgegenzukommen oder gar nachzugeben. Die Standpunkte haben sich längst ins Unversöhnliche verfestigt und damit zugleich eine an Besessenheit grenzende Fixierung der deutschen Innenpolitik auf ein einziges Thema bewirkt. Die verzerrt und verengt zwangsläufig den Blick. Was nicht das eine und die Mutter von allem ist, scheint stets vergleichsweise unwichtig. Der Normalzustand der Politik ist exaltiert, das deutlich erweiterte Feld politischer Akteure durchzieht ein Selbstgefühl nervöser Wachsamkeit. In Wirklichkeit handelt es sich um eine düstere Form von Zerstreuung.

          Testen Sie unsere Angebote.
          Jetzt weiterlesen

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

          FAZ.NET komplett

          : Neu

          F.A.Z. Woche digital

          F.A.Z. + F.A.S. – Adventsangebot

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          Abschied vom Kollegen: Feuerwehrleute am Samstag vor Beginn der Trauerfeier in der Pfarrkirche St. Ägidius in Neusäß

          Gewalttat in Augsburg : Mal wieder junge Männer

          Nach dem Tod eines Feuerwehrmannes auf dem Königsplatz in Augsburg stellen sich viele Fragen: Sind junge Migranten heute gewaltbereiter als früher? Und woran starb das Opfer?

          Nach Wahlsieg : Die Heldengeschichten der Tories

          Nach dem Sieg in der Unterhauswahl will Boris Johnson die Bürokratie stärker auf seine Politik ausrichten, munkelt man – in Westminster löst das Unruhe aus. Wer zum Erfolg des Premiers entscheidend beigetragen hat, ist hingegen glasklar.