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Letzte CDU-Regionalkonferenz : Drei Wessis in Berlin

Eine Regionalkonferenz nach der anderen: Hier die Kandidaten Merz, Kramp-Karrenbauer und Spahn bei ihrem Auftritt in Berlin am 30. November. Bild: EPA

Bei der letzten von insgesamt acht Regionalkonferenzen der CDU dreht sich wenig um den Austragungsort Berlin, nur über Clankriminalität wird gesprochen. Der Underdog schneidet diesmal besser ab als bisher.

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          Berlin – das ist die Stadt, von der aus die eine Frau und die beiden Männer in Zukunft die CDU und dann auch das Land führen wollen. Berlin ist zugleich der Ort, an dem sie an diesem Freitagabend zum letzten Mal vor der Wahl des Vorsitzenden auf dem CDU-Parteitag in einer Woche aufeinandertreffen – zum achten Mal innerhalb von vierzehn Tagen. Ein Heimspiel ist das Finale in der Hauptstadt allerdings für keinen der drei. Schon die Herkunft spricht dagegen. Alle drei stammen aus dem tiefen Westen der Republik. Jens Spahn ist in Borken im Münsterland zuhause, 542 Kilometer entfernt von Berlin. Die Heimat von Friedrich Merz, Arnsberg im Sauerland, ist genauso weit entfernt. Und Annegret Kramp-Karrenbauer bringt es mit ihrem Geburts- und Wohnort Püttlingen im Saarland sogar auf 730 Kilometer.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Auch sonst sind die drei in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von Berlin. Alle drei sind römisch-katholisch, in Berlin sind das neun Prozent der Einwohner. Die Protestanten bringen es auch nur auf 16 Prozent, die Mehrheit der Berliner ist konfessionslos. Eine CDU-Hochburg ist Berlin nicht, die Partei liegt in der rot-rot-grün regierten Hauptstadt hinter den Grünen und der Linkspartei mit nur rund 18 Prozent in den Umfragen auf dem dritten Platz. Berlin tickt links, die CDU hat es hier schwer, auch wenn die SPD derzeit noch schlechter dasteht.

          Jens Spahn ist wohl der Kandidat, der am ehesten zu Berlin einen Draht hat. Schließlich sitzt der Gesundheitsminister schon seit 2002, also seit 16 Jahren, im Bundestag - damals war der heute 38 Jahre alte Politiker noch wirklich jung, nämlich 22. Die erste Fraktionssitzung, an der er als Abgeordneter teilnahm, war jene, in der sich Angela Merkel zur Fraktionsvorsitzenden wählen ließ – und Friedrich Merz, der in scheinbar aussichtsloser Position gar nicht mehr angetreten war, den Kampf um die Nachfolge von Helmut Kohl verlor. Spahn hat eine Wohnung in Berlin, er lebt seit langem in einer Partnerschaft mit einem Journalisten, seit einem Jahr sind die beiden verheiratet. Das ist in Berlin, das auch Hauptstadt der Homosexuellen ist, eine ziemlich normale Sache, wenn auch Schwule in den stark muslimisch geprägten Bezirken öfters in der Öffentlichkeit angefeindet werden, was Spahn schon beklagt hat.

          Clankriminalität ist das große Thema

          Dass Spahn sich über die Großstadthipster aufregte, die in Berlins Mitte in Cafés wie selbstverständlich nur noch Englisch reden, hat ihm manche hämische Kritik in der multikulturellen Stadt eingebracht. Es zeigt aber, dass er in Berlin irgendwie zuhause ist – Merz und Kamp-Karrenbauer wären gar nicht auf die Idee, einen solchen Streit vom Zaun zu brechen. Spahn gibt am Freitagabend den digitalen Modernisierer, erwähnt Telemedizin und autonomes Fahren als Chancen der Zukunft. Er lobt die Polizisten, die in Berlin einen schweren Job machen, gerade mit den gefährlichen Clans, er erwähnt Vollverschleierung und Ehrenmord in islamischen Parallelgesellschaften, zu denen man Nein sagen müsste. Und beim Thema Wohnungsnot setzt er sich dafür ein, dass auch das Tempelhofer Feld bebaut werden müsse. Das war es mit den Hauptstadtthemen. Dennoch: Spahn, so scheint es, bekommt in Berlin mehr Beifall als auf den bisherigen Regionalkonferenzen.

          Merz hat auch Berlin-Erfahrung. Der Kandidat, der schon als Gymnasiast in die CDU eintrat und als Student der Rechtswissenschaft Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung war, saß zwar zunächst fünf Jahre im Europaparlament, bis er 1994 erst fünf Jahre in Bonn Bundestagsabgeordneter war. Doch dann war er zehn Jahre Abgeordneter in Berlin. Merz steht dennoch wohl am stärksten für die alte westdeutsche Männer-CDU, seine Mitgliedschaften reichen von der Katholischen Studentenverbindung KDStV Bavaria Bonn über den Rotary Club Arnsberg bis zur Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Merz redet über innere Sicherheit. „Wir können nicht zulassen, dass Clans ganze Straßenzüge beherrschen und die Polizei sich nicht mehr in ganze Viertel traut.“ Das gibt Beifall, wenn auch der zweite Teil des Satzes etwas übertrieben scheint. Hier im Hotel Estrel, das an der Sonnenallee im Bezirk Neukölln liegt, in dem Clankriminalität ein großes Problem ist, könnte Merz darüber einiges mehr sagen. Aber Merz redet schnell weiter, über Europa und die Welt, das macht er wie immer rhetorisch gut. Erst auf Nachfrage sagt er, dass man vor allem die Lehrer in den Schulen gegen aggressives Verhalten „stärken und schützen“ müsse.

          Annegret Kramp-Karrenbauer war anders als Spahn und Merz nur für ein gutes halbes Jahr Bundestagsabgeordnete. Das war 1998, als sie für den früheren Umweltminister Klaus Töpfer ins Parlament nachrückte, doch damals tagten die Abgeordneten noch in Bonn. Als Ministerpräsidentin flog sie natürlich immer wieder nach Berlin – doch erst seitdem sie dieses Amt im Februar aufgab, um Generalsekretärin zu werden, ist Berlin der Mittelpunkt zumindest ihres Arbeitslebens. Am Freitag sagt sie, Berlin sei es immer gut gegangen, „wenn die CDU die Führung gehabt hat“. Warum die Partei heute in der Hauptstadt so schwach ist, dazu sagt sie nichts. Natürlich erwähnt auch AKK die arabischen Großclans, „die durch die Straßen marodieren“. Denen beizukommen sei „einzig und allein eine Sache des Vollzugs“. Das sage sie als ehemalige Innenministerin, was sie im Saarland als erste Frau in Deutschland war. Als sie damals 2001 zum ersten Mal an einer Innenministerkonferenz teilgenommen habe, habe auf der Tagesordnung das Thema „Umgang mit kriminellen Großclans in Berlin“ gestanden. So lange gebe es das Problem schon. Nötig sei mehr polizeiliche Repression. Kramp-Karrenbauer erwähnt als einzige zumindest kurz, dass gerade in Berlin und Brandenburg viele Menschen in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen Wandel erlebt hätten, der viele Biographien völlig durchgerüttelt hätten. Doch das spielt an diesem Abend weiter kein Rolle.

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