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Merkels Abschiedsrede : Zu Tränen gerührt

Zusammenführen und zusammen führen: Merkel wirbt auf ihrer letzten Rede als CDU-Parteivorsitzende für Zusammenhalt. Bild: Daniel Pilar

Nach ihrer letzten Rede als Parteivorsitzende feiert die CDU Angela Merkel – selbst die sonst eher nüchterne Kanzlerin ist ergriffen. Und sie gibt eine mehr als nur versteckte Wahlempfehlung an die Delegierten ab.

          Am Ende ist sogar die sonst so nüchterne Angela Merkel ergriffen. „Es war mir eine große Freude, die CDU zu führen, es war mir eine Ehre“, sagt sie zum Ende ihrer Rede auf dem Parteitag in Hamburg, ihrer letzten als Parteivorsitzende. Und sie hat noch nicht ganz ausgesprochen, da springen die Delegierten schon auf und feiern die Frau, die die Partei mehr als 18 Jahre geführt und geprägt hat, mit minutenlangen Ovationen.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Immer wieder muss Merkel aufstehen und ans Podium treten, sie winkt, sie dankt, sie senkt beschwichtigend die Hände, aber die Delegierten hören einfach nicht auf mit dem Klatschen. Merkel wirkt gerührt, in ihren Augen glitzert es verdächtig. Vorbei die Zeiten, in denen sie vielen in der CDU gar nicht schnell genug weg sein konnte. In Hamburg feiert die Partei ihre „Chefin“ auf eindrucksvolle Weise – und selbst viele, die die Kanzlerin nicht nur wegen ihrer Flüchtlingspolitik oft auf das Schärfste kritisiert haben, verspüren jetzt offenkundig einen dicken Kloß im Hals.

          Merkel wünscht sich Zusammenhalt

          Es ist ein vorgezogenes politisches Vermächtnis, das Merkel in ihrer Rede vor den Delegierten in Hamburg ausbreitet – selbstironisch und nahbar, in weiten Teilen dann aber doch wieder typisch sachlich und distanziert. Sie erzählt von ihrem Anfang als Parteivorsitzende auf dem Parteitag 2000 in Essen, als viele das Motto „Zur Sache“ als Beleg für ihre „knochentrockene“ Art gesehen hätten. Genauso wie das Motto des diesjährigen Parteitags, „Zusammenführen. Und zusammen führen.“

          „Wieder typisch Merkel: Wo steht hier Deutschland, von Zukunft, von Werten, von Sicherheit? Nirgends“, sagt die scheidende Vorsitzende unter dem Gelächter des Saals. Doch der Zusammenhalt sei ihr großer Wunsch auch für die Zukunft, sagt Merkel – wohin andauernder Streit führe, hätten CDU und CSU zuletzt doch „bitter erfahren“. Sie wisse, dass sie ihrer Partei mit ihrem zurückhaltenden Stil in den 18 Jahren vieles zugemutet habe, gesteht Merkel dann unter dem Applaus der Delegierten. „Ich weiß, dass ich Eure Nerven sehr auf die Probe gestellt habe.“ Aber die CDU sei heute eine andere als im Jahr 2000 – „und das ist gut so“.

          „Wir haben die Kraft, Trends zu brechen“

          Über die Wahl am Nachmittag, über die sie am Donnerstagabend beim Presseempfang noch gesagt hatte, sie habe sich „absolute Neutralität“ auferlegt, sagt Merkel wenig. Dann macht sie aber doch zwei Äußerungen, bei denen nicht nur viele Delegierten aufgemerkt haben dürften, sondern auch Friedrich Merz und Jens Spahn. So erwähnt sie explizit den 40-Prozent-Sieg von Annegret Kramp-Karrenbauer bei der Landtagswahl im Saarland 2017, der ein Zeichen der Stärke gewesen sei.

          Angela Merkel bekam von Parteifreund Volker Bouffier einen Taktstock von Kent Nagano geschenkt.

          „Wir haben die Kraft, Trends zu brechen, Wahlen zu gewinnen, wenn wir geschlossen und entschlossen gemeinsam kämpfen.“ Man muss kein griechisches Orakel sein, um das als Wahlempfehlung an die Delegierten zu interpretieren. Auch, dass die scheidende CDU-Vorsitzende an mehreren Stellen sagt, die Partei dürfe sich nicht mit der Vergangenheit beschäftigen, sondern müsse nach vorne blicken, mochte mancher als Zeichen an die Anhänger von Friedrich Merz sehen, von dem sich viele eine Rückkehr zu jenen konservativen Werten versprechen, die Merkel in ihren 18 Jahren als Vorsitzende sukzessive geschleift hat.

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