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Friedrich Merz : Dieser Kandidat passt nicht auf einen Bierdeckel

  • -Aktualisiert am

Bereit für das Wagnis: Friedrich Merz am Mittwoch auf dem Weg zur Pressekonferenz in Berlin Bild: EPA

Friedrich Merz zeigt sich bei einem großen Auftritt in Berlin. Viele in der Partei verbinden Hoffnungen mit ihm. Würde er ihr neuer Vorsitzender - es wäre ein Streich.

          Der Kanzler wird von den Abgeordneten des Deutschen Bundestages gewählt. So steht es im Grundgesetz. Wäre es anders, wäre die Zahl der Kameras und Journalisten im Saal der Bundespressekonferenz in Berlin ausschlaggebend, dann hieße der Bundeskanzler seit Mittwoch, 14.30 Uhr, Friedrich Merz, geboren 1955 im sauerländischen Brilon, CDU-Mitglied seit 1972, verheiratet, drei Kinder, römisch katholisch und Enkel des ehemaligen Bürgermeisters seiner Geburtsstadt. Ein westdeutscher Volljurist, Rechtsanwalt, Manager – und Politiker. Letzteres war er und will er wieder werden. Deswegen trat er in Berlin auf und hatte eine Zuhörerschar und Kamerabegleitung wie sonst nur Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer alljährlichen Sommerpressekonferenz.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Allerdings hatte Merz nur zwanzig Minuten Zeit mitgebracht, viel weniger als Merkel es zu tun pflegt, die für eine Stunde und mehr bleibt. Aber er ist ja auch nicht Kanzler. Er bewerbe sich als Nachfolger Merkels um den Vorsitz der CDU, sagte Merz. Klar, der Kanzlerposten ist ja auch noch für drei Jahre besetzt, falls Merkels Plan aufgeht, zunächst nur den Parteivorsitz niederzulegen. Aber wirklich wundern würde man sich nicht, hätte Merz auch den Gedanken ans Kanzleramt im Gepäck auf seiner Reise nach Berlin. Im Gegenteil.

          Das wäre ein Streich: Merkel Kanzlerin und Merz CDU-Vorsitzender. Ausgerechnet jenes Paar, das in der CDU seit dem Jahr 2002 als Beispiel für missglückte Zusammenarbeit gilt, so wie Schröder und Lafontaine in der SPD. Der groß gewachsene Merz war mit Mitte 30 auf dem Weg nach oben gewesen in der Politik. Von 1989 bis 1994 saß er im Europaparlament, worauf diejenigen verweisen, die es gut mit ihm meinen und verhindern wollen, dass der als konservativer Wirtschaftsmann geltende Merz in das Licht gerückt werden könnte, nicht pro-europäisch genug zu sein. Er selbst bezeichnete sich bei seinem Auftritt als „wirklich überzeugten Europäer“, der es als „größte Herausforderung“ ansehe, die Eurozone zusammenzuhalten. Außerdem sei er ebenso überzeugter Transatlantiker. Beides ist nicht zu bestreiten und mindestens für einen CDU-Vorsitzenden, mehr aber noch für einen Vielleicht-mal-Kanzler eine wichtige Qualifikation.

          Nach der Zeit im Europaparlament wurde Merz in den Bundestag gewählt. Als 1998 Helmut Kohls Kanzlerschaft endete, war Merz stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Zwei Jahre später kam es zum parallelen Aufstieg von ihm und Angela Merkel. Er wurde Fraktionsvorsitzender in der Nachfolge von Wolfgang Schäuble, mit dem er bis heute befreundet ist. In der Opposition, in der die CDU sich damals befand, ist der Fraktionsvorsitz eines der wenigen wichtigen Ämter, das eine Partei zu vergeben hat, vielleicht das wichtigste. Der andere Posten von Gewicht ist der Parteivorsitz. Auf diesen wurde ebenfalls im Jahr 2000 Merkel gewählt. Beide waren jung und durften als Anwärter auf die nächste Kanzlerschaft gelten, sobald die CDU sie wieder zu vergeben hätte. Doch als es dem Unionskandidaten Edmund Stoiber, CSU, im Jahr 2002 nicht gelang, den Sozialdemokraten Schröder vom Thron zu stoßen, griff Merkel auch nach dem Fraktionsvorsitz und konnte sich gegen Merz durchsetzen. Am Mittwoch sagte Merz, die Entscheidung, beide Ämter in eine Hand zu führen, sei damals richtig gewesen, die „Umstände“ hätten ihm allerdings nicht gefallen. Er berichtete, dass er in den zurückliegenden Jahren gelegentlich mit Merkel gesprochen habe, stellt das Verhältnis als ordentlich dar, ohne den Versuch, es zu verklären. Das gebe es im Leben, dass zwei Menschen nicht richtig zusammenpassten. Merkel hatte am Montag die Trennung von Parteivorsitz und Kanzleramt als „Wagnis“ bezeichnet, Merz sagte nun, er sei bereit, sich auf dieses Wagnis einzulassen.

          Merz dürfte bewusst sein, dass sein Anspruch, für „Aufbruch und Erneuerung“ zu sorgen, in nächster Zeit häufiger vor in einem Atemzug mit seinem Lebensalter von 62 Jahren genannt werden dürfte. Das ist nicht automatisch ein Problem, denn laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ist der prozentual größte Anteil von Wahlberechtigten mit einer Präferenz für die Unionsparteien älter als 55 Jahre. Dennoch sagte Merz, man brauche mehr junge Menschen in der Politik. Er gestand ein, dass die heute Zwanzigjährigen ihn, der 2009 ganz aus der Politik ausschied, nicht mehr kennen, zeigte sich aber optimistisch, dass die Dreißigjährigen sich erinnerten. Auch mehr Frauen will Merz für die Politik – was in seinem Fall heißt: für die CDU – gewinnen. Das hat auch die scheidende Vorsitzende Merkel stets gefordert und ihre Generalsekretärin, die sich wie Merz um den Vorsitz bewirbt, ebenso. Die Mehrheit der CDU-Wähler ist schließlich weiblich.

          Mit Merz verbinden sich in der CDU Hoffnungen. Der eine spricht von einem „Messias-Mythos“, ein anderer nennt ihn den „James Dean“ der deutschen Politik, der „früh genug gestorben“ sei, um einen „Heldenstatus“ zu erlangen.

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