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Deutschland und Griechenland : Wundersame Beziehungen

Inzwischen Partner: Merkel und Tsipras im Februar 2018 in Brüssel Bild: EPA

Angela Merkel reist nach Athen. Dort trifft sie auf Alexis Tsipras, der einst mit seiner radikalen, gehässigen und beleidigenden Anti-Merkel-Rhetorik Wahlkampf machte. Heute sieht das ganz anders aus.

          Angela Merkel trifft Alexis Tsipras in Athen – vor vier Jahren, als der Athener Rebell wider die angebliche griechische Schuldknechtschaft gerade seine erste Parlamentswahl gewonnen hatte, wäre das noch eine weltweit beachtete Sensation gewesen. Wenn die Kanzlerin an diesem Donnerstag zu ihrem ersten Besuch bei dem griechischen Ministerpräsidenten eintrifft, wird das internationale Interesse aber kaum höher sein als bei anderen Auslandsreisen. Das zeigt auch: Obwohl Griechenlands Überschuldungsproblem nur vertagt anstatt gelöst wurde, hat Athens Dauerkrise viel von ihrer akuten, in ihren dramatischsten Momenten den Bestand des Euros bedrohenden Sprengkraft verloren. Es ist fast Normalität eingekehrt – auch zwischen Merkel und Tsipras.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Das ist angesichts der Vorgeschichte nicht selbstverständlich. Denn es war nicht zuletzt eine radikale, gehässige, zutiefst beleidigende Anti-Merkel-Rhetorik, mit der Tsipras zu seinem ersten Wahlsieg 2015 segelte. Im April 2014, als Merkel in Athen Tsipras’ konservativ-nationalistischen Vorgänger Antonis Samaras besuchte, hatte der damalige panhellenische Oppositionskobold noch gewettert, die Kanzlerin wolle Griechenland in eine deutsche Kolonie verwandeln, sei Europas gefährlichste Politikerin und überziehe Griechenland mit einem „sozialen Holocaust“. Sozialer Holocaust – darunter machte es Tsipras damals nicht, und „Avgi“ (Morgenröte), das Blatt seines „Bündnisses der radikalen Linken“ (Syriza), tat es ihm nach.

          Widerliche Karikaturen mit NS-Gleichsetzungen waren keine Seltenheit. Eine zeigte Merkel als Befehlsempfängerin Hitlers, der aus der Hölle anrief und eine servile Kanzlerin berichten hörte, wie sie die Griechen auspresse bis aufs Blut. Tsipras verteidigte solche Zeichnungen mit einem Verweis auf die Freiheit der Kunst, doch als er in seinem ersten (sowie bisher letzten) Interview mit dieser Zeitung auf solche Geschmacklosigkeiten angesprochen und gefragt wurde, ob er meine, das sei die Art, in der europäische Politiker übereinander witzeln sollten, verstand er keinen Spaß. Er warf den Berichterstatter nach sieben Minuten und fünfzig Sekunden hinaus und beklagte sich hernach über dessen vermeintlich ungebührliches Verhalten.

          Doch dann ging innerhalb von neun Monaten eine umfassende Wandlung in Tsipras vor. Erste Anzeichen für diese Metamorphose wurden schon drei Monate nach seinem Wahlsieg sichtbar, im März 2015, als er zu seinem Antrittsbesuch nach Berlin reiste, zu der vermeintlichen Oberaufseherin über den „sozialen Holocaust“. Im Kanzleramt, unweit des Holocaust-Mahnmals, das Tsipras bei dieser Gelegenheit besuchte, kam er bei der Pressekonferenz auf die Begebenheit mit den Karikaturen in „Avgi“ zurück – nun aber ganz anders als im abgebrochenen Interview mit dieser Zeitung. Das heutige Deutschland habe nichts mit dem „Dritten Reich“ zu tun, versicherte Tsipras und fügte hinzu: „Oft und immer wieder gibt es Satiren und auch Karikaturen, die dem widersprechen. Auch meine Parteizeitung hat etwas Schreckliches veröffentlicht, und ich habe gesagt: So geht das nicht! Das, was ihr hier macht, ist kein Witz!“

          Auch sonst gingen Tsipras und Merkel in ihrer ersten gemeinsamen Pressekonferenz betont höflich miteinander um. Sie sprachen von dem Wunsch, vertrauensvoll zusammenzuarbeiten (Merkel) oder davon, dass Verträge einzuhalten seien (Tsipras). Die Kanzlerin sprang Tsipras sogar bei, als ein Journalist ihm eine kritische, aus zwei Teilen bestehende Frage stellte, deren zweiter Abschnitt sich auf die Drohung eines griechischen Ministers bezog, islamistische Terroristen nach Deutschland zu schicken. Tsipras beantwortete ausführlich den ersten Teil der Frage, in dem es um die angedrohte Pfändung des Goethe-Instituts in Athen ging, um dann zu sagen: „Jetzt zum zweiten Teil der Frage: Was war das noch einmal?“ Bevor der Journalist etwas sagen konnte, sprang die Kanzlerin mit einer Art Rettungsgrätsche dazwischen: „Der zweite Teil der Frage war für mich“, behauptete sie, um dann auf etwas ganz anderes zu antworten. Das ersparte Tsipras eine Aussage, die angesichts der seinerzeit extrem angespannten Beziehungen womöglich den Eklat des Tages hätte liefern können.

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