https://www.faz.net/-gpf-9hiap

CDU-Parteivorsitz : Nach Merkel ist nicht vor Merkel

  • -Aktualisiert am

Ein Wettstreit, der die Partei befruchtet hat: Annegret Kramp-Karrenbauer mit Friedrich Merz und Jens Spahn (l.) Bild: Reuters

Selbst wenn Friedrich Merz in der CDU keine prominente Rolle mehr spielen sollte, hat er seiner Partei einen großen Dienst erwiesen.

          Das Phantastische an den Momenten der Freiheit besteht darin, nicht zu wissen, wie sie enden. In der CDU war in den zurückliegenden sechs Wochen oft zu hören, wie befreiend es sei, zumindest für eine Weile das enge Korsett einer – schon wieder fast zwei Jahrzehnte währenden – Führung nicht zu spüren, alles sagen zu dürfen, ohne dass es gleich als Stellungnahme für oder gegen die Vorsitzende Angela Merkel ausgelegt wird.

          Doch Freiheit ist nur etwas für starke Charaktere. Wer sich auf sie einlässt, muss bereit sein, das zu akzeptieren, was sie mit sich bringt. Nach der Entscheidung auf dem Hamburger Parteitag, die außerordentlich knapp zugunsten von Annegret Kramp-Karrenbauer ausging, können jedoch Zweifel aufkommen, ob alle Unterstützer des unterlegenen Friedrich Merz bereit sind, dessen Niederlage zu akzeptieren und weiter konstruktiv mitzutun. Dramatisch werden jetzt im Lager der Merz-Unterstützer die Reaktionen beschrieben, die Enttäuschung, die Gefahr von Austritten.

          Merz selbst wirkte nicht geknickt, als er die CDU in Hamburg nach seiner Niederlage aufforderte, die neue Vorsitzende zu unterstützen. Als er sagte, obwohl er gerne gewonnen hätte, habe es ihm „großen Spaß“ gemacht, da schaute er entspannt. Wollte Friedrich Merz wirklich mit aller Kraft CDU-Vorsitzender und später Kanzler werden? War er bereit, all die Härten zu ertragen, die solche Ämter mit sich bringen? Wäre er in der Lage, zwischen Wahlkreisauftritten und Brüsseler EU-Nächten nicht aufzustecken, sondern auch die zehnte Niederlage hinzunehmen, um im elften Anlauf einen kleinen Erfolg einzufahren? So sieht Kanzleralltag aus.

          In seinem politischen Leben, das bis 2009 dauerte, bevor er jetzt wiederauftauchte, hat er diesen Beweis noch nicht erbracht. Selbst 2002, als Angela Merkel nach seinem Posten des Fraktionsvorsitzenden griff, ist er nicht gegen sie angetreten. Allerdings hatte damals auch der Mann, der ihn in diesen Tagen als den Besten „für das Land“ empfahl, gesagt, er solle es erst gar nicht gegen Merkel versuchen. Wolfgang Schäuble war das, die prominenteste der treibenden Kräfte hinter der Kandidatur von Merz.

          Obwohl Merz auf dem Parteitag sagte, er wolle weiter mithelfen, bewarb er sich nach seiner Niederlage nicht um einen Posten im Führungsteam. Er blieb nicht einmal bis zum Ende des Parteitages, bis alle miteinander die Nationalhymne sangen. Aber wer weiß: Vielleicht überrascht er die CDU und Deutschland ja ein zweites Mal und lässt sich doch noch einbinden.

          Der Partei könnte das nützen, denn manches von dem, wofür Friedrich Merz steht, ist in der CDU nicht ausreichend präsent. Aber selbst wenn er es nicht tut, hat Friedrich Merz seiner Partei einen großen Dienst erwiesen. Mit seiner Kandidatur hat er die unterschiedlichen Weltbilder in der Christlich Demokratischen Union so deutlich, wie das längst fällig war, aufgedeckt. Der Befund ist allerdings schmerzhaft. Es geht nicht um inhaltliche Dinge wie etwas mehr oder etwas weniger Steuern. Es geht nicht darum, für oder gegen die europäische Einigung, für oder gegen das atlantische Bündnis zu sein, für oder gegen gesteuerte Zuwanderung, für oder gegen die Homo-Ehe.

          Zwar unterscheiden sich der Fast-Gewinner Merz und die Fast-Verliererin Kramp-Karrenbauer in mancherlei inhaltlichen Fragen. In den meisten aber nicht fundamental. Letztlich sind beide zwei liberale, auf einigen Feldern gemäßigt konservative, westdeutsche Unionspolitiker mit einem ähnlichen Wertekanon. Kramp-Karrenbauer wird der CDU nicht schaden, und Merz hätte das auch nicht getan. Wenn er sich denn ins Geschirr hätte nehmen lassen.

          Erbfolge geregelt: Angela Merkel, Annegret Kramp-Karrenbauer am Ende des Parteitags in Hamburg

          Es geht um das Weltbild der Unterstützer der beiden, in der Partei wie in der Wählerschaft. Angela Merkel stand – bei allem Kritikwürdigen, das sie vor allem in den vorigen Jahren im Umgang mit den großen Flüchtlingsströmen gemacht haben mag – für einen beherzten Schritt der bürgerlichen Volkspartei in Richtung Moderne. Moderne Familienpolitik, moderne Energiepolitik, um nur zwei Beispiele zu nennen. Dabei muss modern gar nicht „gut“ und „richtig“ heißen, das entscheidet jeder für sich. Es heißt eben nur ganz wertneutral: dem Zeitgeist entsprechend. Für die einen ist der Begriff ein Schimpfwort, für andere die Beschreibung ihres Lebens, das sie gerne so leben, wie sie es leben.

          Kein Unfall, sondern die neue Wirklichkeit

          Für Merz ist es nicht ohne Tragik, dass er von seinen Fans als Projektionsfläche für das Gegenteil genutzt wurde, auch weil er das mit sich machen ließ oder vielmehr kräftig daran mitwirkte. Also nahmen viele Friedrich Merz, einen westdeutschen Mann, dessen hoffnungsvolle politische Zeit schon 2002 vorzeitig geendet hatte, als Bild für die gute alte Zeit. Die Zeit vor Merkel. Die Zeit, bevor eine Frau ganz selbstverständlich die Geschicke der CDU und des Landes lenkte und mithin für alle Entwicklungen in die Pflicht genommen werden konnte. Die Zeit, in der zumindest für einen Teil der Merz-Anhänger die Welt noch die alte zu sein schien.

          Nun müssen sie erkennen, dass das, was sie für einen vorübergehenden Unfall hielten – die Merkel-Jahre eben –, die neue Wirklichkeit beherrscht. Auch ohne Merkel. Aber keine Partei ist so sehr bereit, die Wirklichkeit anzuerkennen, wie die CDU.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Carola Rackete erneut vernommen Video-Seite öffnen

          Prüfung einer Anklage : Carola Rackete erneut vernommen

          Die deutsche Kapitänin Rackete ist nochmal in ein Gerichtsgebäude im sizilianischen Agrigento verhört worden. Es geht um die Frage, ob sie wegen Begünstigung der illegalen Einwanderung angeklagt werden soll.

          Topmeldungen

          Müssen sich auf Reformen einigen: Luigi Di Maio und Matteo Salvini im Februar in Rom

          Italiens Regierung : Salvini droht mit vorgezogenen Wahlen – mal wieder

          Italiens Innenminister steht wegen der Affäre um mögliche Parteispenden aus Russland unter Druck – und bedrängt nun seinen Koalitionspartner. Es sei noch genügend Zeit, das Parlament aufzulösen und nach der Sommerpause neu zu wählen.

          Bayern München : Die klare Botschaft des Manuel Neuer

          Dortmund hat kräftig aufgerüstet. Die Bayern indes kommen auf dem Transfermarkt nicht so richtig voran. Torwart Manuel Neuer sieht das gelassen – und verrät, welches besondere Ziel die Münchner antreibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.