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Jens Spahn greift an : Mit Dolch und großem Kaliber

Spahn war in den vorigen Jahren derjenige, der seine Ambitionen auf die Merkel-Nachfolge am deutlichsten gemacht hatte. Bild: dpa

Im Rennen um den CDU-Parteivorsitz liegt Gesundheitsminister Jens Spahn inzwischen deutlich hinter Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz. Ihm bleibt nur eine Chance.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          In den vergangenen Jahren sei zu oft „das Trennende, das Spaltende“ betont worden. Das waren die Worte von Jens Spahn, 38 Jahre alt, Bundesgesundheitsminister, am Nachmittag des vorigen Freitags. Spahn stand in der CDU-Parteizentrale neben Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz. Also neben der Konkurrenz. Alle drei wollen Angela Merkel im CDU-Vorsitz beerben. Und bislang taten alle drei so, als wollten sie dabei nicht zu sehr die Zähne gegen die beiden Mitbewerber fletschen.

          Eckart Lohse
          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Doch damit scheint es nun vorbei. Spahn, der in den Umfragen hinter den beiden anderen liegt, teilte am Mittwoch zum ersten Mal deutlich gegen Kramp-Karrenbauer und Merz aus. Die Attacken waren nur wenig dadurch verdeckt, dass die Namen der beiden anderen von Spahn nicht selbst genannt wurden. Dass sie das Ziel waren, ist gleichwohl unstreitig. Spahn, der offen mit seiner Homosexualität umgeht, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Ich habe aus voller Überzeugung für die Ehe für alle gestimmt. Die Werte, die in einer Ehe gelebt werden, sind im besten Sinne konservativ.“ Seinen Mann habe er im vorigen Dezember geheiratet, sagte der Gesundheitsminister. „Wenn nun unsere Ehe in einem Atemzug mit Inzest oder Polygamie genannt wird, dann trifft mich das persönlich.“

          Doppelschlag gegen Kramp-Karrenbauer

          Das war ein Doppelschlag gegen Kramp-Karrenbauer. Sie hatte vor einigen Jahren einmal gesagt, wenn die Definition der Ehe geöffnet werde hin zu einer „auf Dauer angelegten Verantwortungspartnerschaft zweier erwachsener Menschen“, dann seien andere Forderungen nicht auszuschließen. „Etwa eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen.“ Spahn wirf Kramp-Karrenbauer also erstens – indirekt – eine rückwärtsgewandte gesellschaftspolitische Haltung vor, zweitens – direkt –, dass er und nicht sie der eigentlich konservative Bewerber sei, und schließlich drittens, dass sie ihn persönlich verletzt habe. Kein kleines Kaliber. Noch vor wenigen Tagen hatte sie sich zurückhaltender aber in der Sache entsprechend geäußert. Ehe sei für sie „traditionell“ die Verbindung von Mann und Frau.

          Auch Merz versucht Spahn an mehreren Schwachpunkten zu treffen. Nicht nur, dass der 38-Jährige immer wieder betont, wie wichtig ein Generationenwechsel in der CDU sei. Der 63 Jahre alte Merz ist gerade mal ein Jahr jünger als Angela Merkel. Spahn weist darauf hin, dass er anders mit der Partei umgegangen sei als Merz. „Ich habe allein in den letzten zwei Jahren über 250 Termine vor Ort gemacht und mit vielen Mitgliedern und Wählern diskutiert.“ Das zielt darauf, dass Merz 2009 aus dem Bundestag ausschied und sich seither immer mehr seinen Aufgaben in der Wirtschaft und kaum noch der CDU gewidmet hat.

          Schließlich stieß Spahn den Dolch in eine weitere offene Wunde. Merz hatte kurz vor Merkels Ankündigung, sich zurückzuziehen, einen Artikel mit unterschrieben, in dem Sympathien für eine europäische Arbeitslosenversicherung geäußert wurden. Eine Haltung, die in der Unionsfraktion im Bundestag, der Spahn als einziger der drei Kandidaten angehört, auf entschiedene Ablehnung stößt. Merz hatte sich später etwas ungelenk von diesem Teil des Artikels distanziert. Spahn lehnte nun jeden Ansatz einer Transferunion ab. „Wir brauchen keinen Euro-Finanzminister, keine europäische Arbeitslosenversicherung und schon gar nicht eine Vergemeinschaftung von Schulden.“

          Einer der drei Kandidaten hat die Handschuhe also schon ausgezogen. Spahn war in den vorigen Jahren derjenige, der seine Ambitionen auf die Merkel-Nachfolge am deutlichsten gemacht hatte. Von Kramp-Karrenbauer und Merz war da noch nichts zu sehen. Nun haben ihn beide in den Umfragen deutlich überholt. Die Alternative für die 1001 Delegierten des Hamburger Parteitags, der am 7. Dezember die oder den neuen CDU-Vorsitzenden wählen, scheint aus  der Merkel am nächsten stehenden Annegret Kramp-Karrenbauer und dem deutlichsten Gegenentwurf, Friedrich Merz, zu bestehen. Für Spahn könnten die Mühen der vergangenen Jahre also vergebens gewesen sein, wenn er nicht zu Beginn des Rennens schnell aufholt.

          Die Frage, ob er sich einen Rückzug noch vor der Wahl in Hamburg vorstellen könne, beantwortet er so, dass die Fluchttür noch einen kleinen Spalt offen bleibt. Mit Merkels Ankündigung sei für ihn klar gewesen, dass er antrete. Er traue sich zu, die Partei zu führen, das fühle sich gut und richtig an. Das ist zumindest  kein harter Ausschluss eines Rückzugs. Für den Fall der Niederlage kündigte Spahn an, dass er zwar für die Führung des Teams kandidiere. „Aber ich bleibe auf jeden Fall im Team, weil ich den Erfolg der CDU will.“

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