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Kramp-Karrenbauer gewählt : Sie hat die CDU gepackt

Von nun an, führt sie die CDU: Annegret Kramp-Karrenbauer Bild: EPA

Nach einem echten Wahl-Krimi hat Annegret Kramp-Karrenbauer in Hamburg eindrucksvoll bewiesen, dass sie siegen kann – und dass sie den Wünschen der CDU am Ende eher entspricht als Friedrich Merz.

          Als der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther um kurz vor 17 Uhr das Ergebnis der Stichwahl verkündet, bricht im Lager von Annegret Kramp-Karrenbauer frenetischer Jubel aus. 517 Stimmen für „AKK“, 482 für Merz – es ist die Generalsekretärin aus dem Saarland, die die CDU als Vorsitzende in die Post-Merkel-Ära führen wird. Kramp-Karrenbauer kann es selbst noch kaum fassen, ungläubig legt sie die Hand vor den Mund, unter „Annegret, Annegret“-Sprechchören geht sie hinauf auf die Bühne. Eine der ersten Gratulantinnen ist Angela Merkel, die ihre Wunschkandidatin, wie es immer hieß, herzlich umarmt.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          „Ja, ich nehme die Wahl an“, sagt Kramp-Karrenbauer dann, als sie schließlich am Podium steht und ihren Kontrahenten Friedrich Merz und Jens Spahn für einen „fairen“ Kampf dankt. Und: „Ich würde mich sehr freuen, wenn sowohl Jens Spahn als auch Friedrich Merz gemeinsam an dieser Aufgabe mitarbeiten.“ Kurz darauf bittet sie beide noch einmal zu ihr auf die Bühne, so wichtig ist ihr dieses symbolische Signal: Sie hat nicht gegen Spahn und Merz gewonnen, sondern will beide auch künftig eng in der Parteiführung einbinden.

          Kramp-Karrenbauer vor einer schwierigen Aufgabe

          Spahn kündigt noch auf der Bühne an, für das Präsidium zu kandidieren, Merz spricht hingegen nur vage von „Mitarbeit“, bittet darum, Spahn zu wählen – und seine kurze Wiederkehr auf die politische Bühne ist mit dem Moment seiner Niederlage offenbar wieder Geschichte. Ein schneller Rückzug, der manchem Delegierten, der Merz seine Stimme gegeben hat, sicher bitter aufstößt – aber Kramp-Karrenbauer erleichtern dürfte. Bei ihrer schwierigen Aufgabe, die Partei in der Post-Merkel-Ära zu einen, dürfte sie damit trotz ihres engen Vorsprungs von nur etwa vier Prozentpunkten deutlich weniger Störfeuer zu erwarten haben.

          In Hamburg beweist die Saarländerin nach einem echten Wahl-Krimi so noch einmal eindrucksvoll, dass sie siegen kann. Denn noch nach dem ersten Wahlgang waren in der saarländischen Delegation manchem die Gesichtszüge entgleist. 450 Stimmen für „AKK“, also 45 Prozent, aber auch 392 Stimmen (39 Prozent) für Merz. Das hieß, dass die Generalsekretärin im zweiten Wahlgang die Stimmen von weiteren 50 Delegierten brauchen würde – also ein Drittel der Stimmen, die zuvor Jens Spahn bekommen hatte.

          Das werde nichts mehr, befürchtete mancher AKK-Anhänger da noch. Doch am Ende bewahrheitete sich die Vermutung, die mancher schon am Donnerstagabend geäußert hatte: dass viele, die Spahn im ersten Wahlgang – auch wegen seiner Jugendlichkeit – ihre Stimme geben würden, deshalb nicht zwingend auch Merz-Wähler seien und im zweiten Wahlgang eher zu Kramp-Karrenbauer umschwenken würden. 

          Überraschend zahm

          Schon bei den Bewerbungsreden hatte Kramp-Karrenbauer am Nachmittag mehr Beifall erhalten als Merz, dessen Auftritt von etlichen als überraschend zahm empfunden wurde. „Er ist halt ein Intellektueller“, sagte ein Delegierter, als der Applaus verhallt war – und meinte das offenbar nicht unbedingt positiv. „Er hätte mal das Jackett ausziehen müssen wie Gerhard Schröder damals“, fand ein anderer.

          Annegret Kramp-Karrenbauer nach ihrer Wahl zur Parteivorsitzenden mit ihren Mitbewerbern Jens Spahn und Friedrich Merz

          Und in der Tat: Verglichen mit den Vorschusslorbeeren, die Merz von vielen auch in der Abteilung Attacke erhalten hatte, war sein Auftritt eher verhalten. Kramp-Karrenbauer versuchte in ihrer energischen Rede hingegen erkennbar, sich als künftige Parteivorsitzende der Basis zu geben, die als langjährige erfahrene Landespolitikerin mit mehr als 18 Jahren Regierungserfahrung nicht nur mit allen politischen Wassern gewaschen ist, sondern auch Wahlen mit 40 Prozent gewinnen kann. 

          Viel war vor der Wahl darüber spekuliert worden, welche Motive bei den Delegierten am Ende den Ausschlag geben würden: der Wunsch nach einer konservativen Wende nach der Merkel-Ära? Die Hoffnung auf eine integrative Kraft an der Spitze, die eine Partei, die sich in den letzten 18 Jahren an Merkel abgearbeitet und trotzdem mit ihr gewandelt hat, wieder einen kann?

          Letzteres, die größere Integrationskraft, war den Delegierten offenbar wichtiger – und womöglich auch die ganz pragmatische Überlegung, dass Merkels Kanzlerschaft mit Kramp-Karrenbauer nicht ganz so abrupt enden werde wie vielleicht mit Merz. Nach Angela Merkel, die die CDU erst am Ende ihrer 18 Jahre an der Parteispitze beim Herzen gepackt hat, hat eine lange unterschätzte Saarländerin die Seele der Christdemokraten erobert.

          Und Merkel wird es womöglich mit einiger Genugtuung registriert haben, dass Wolfgang Schäuble ihre Pläne nicht durchkreuzen konnte. Auch nicht am Ende ihrer politischen Karriere.

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