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Veränderung der Kanzlerin : Merkels neue Freiheit

  • -Aktualisiert am

Angela Merkel bei ihrer Ankunft in Brüssel im November 2018 Bild: Reuters

Ob mit Macron in Frankreich, vor dem EU-Parlament oder tobenden „Wutbürgern“ in Chemnitz gegenüber – Merkel wirkt befreit. Und sie hat eine Entscheidung getroffen. Ein Kommentar.

          Es ist nicht so, als gäbe es eine neue Merkel. Eine, die seit der Ankündigung zum Rückzug plötzlich mit flammenden Reden Herzen erobert. Und doch klingt im gewohnten Merkel-Ton etwas Ungewohntes mit: Leidenschaft, Kampfgeist, sogar ein Hauch von Pathos.

          Während die Partei sich von Merkel befreit, befreit Merkel sich von der Partei. Auf den Regionalkonferenzen distanzieren sich die Kandidaten Merz, Spahn und Kramp-Karrenbauer eifrig von der Kanzlerin. Während sie ihre Profile schärfen, schärft auch Merkel das ihre. „Nationalismus und Egoismus dürfen nie wieder eine Chance in Europa haben“, rief sie vergangene Woche einem begeisterten EU-Parlament zu. Und als sie von den 1,5 Millionen Flüchtlingen sprach, die Deutschland „in einer dramatischen Situation“ aufgenommen habe, da legte sie beide Hände aufs Herz: „Glauben Sie eigentlich, dass das etwas ist, was uns in die Handlungsunfähigkeit bringen kann?“ Der tosende Beifall übertönte den Protest der Rechtspopulisten im Parlament. Deren Gezeter zeige übrigens, sagte Merkel dann noch lächelnd, dass sie den Kern getroffen habe.

          Im eigenen Parlament erntete Merkel viele Lacher für ihre Spitze gegen Alice Weidel, die zuvor in der Generaldebatte die eigene Spendenaffäre ausgebreitet hatte. Das Schöne an freiheitlichen Debatten sei, sagte Merkel wie beiläufig, während sie ihr Manuskript ordnete, „dass jeder über das spricht, was er für das Land für wichtig hält“. Was Merkel für wichtig hält, daran bestand nach ihrer Rede kein Zweifel mehr. Es ging ihr um den ganz großen historischen Kontext. Sie sagte, mit Macron in Compiègne, das sei „bewegend“ gewesen. Nun müssten wir zeigen, dass wir aus der Vergangenheit gelernt hätten.

          Bild der Vergangenheit

          Die Lehre aus dem Jahr 2015 sei, „dass wir uns nicht abkoppeln können vom Leid anderer“. Deutsches Interesse versteht sie so: „Das heißt immer auch, für die anderen mitzudenken!“ Wer Merkel so mit der Faust auf das Pult schlagen sah, merkte: Ihr geht es nicht um links und rechts, liberal und konservativ, sondern ganz grundlegend um richtig und falsch. Oder wie sie es ausdrückte: Entweder man gehöre zu denen, die nur an sich dächten – „das ist Nationalismus in reinster Form“. Oder man gehöre zu den wahren Patrioten, die andere miteinbezögen. „Da gibt es auch keine Kompromisse.“

          So hatten die Bundestagsabgeordneten Merkel noch nie erlebt, die bis auf die AfD allesamt begeistert Beifall klatschten, als seien auch sie schon Menschen der Geschichte, die den Nachkommen bezeugen: Damals, als Millionen Flüchtlinge vor Deutschlands Toren um Sicherheit baten, da standen sie auf der richtigen Seite. Es sei das Schöne an der heutigen Zeit, sagte Merkel, „dass es wieder richtige Gegensätze gibt“. Das kleinmütige Gerede davon, was man hätte besser und anders machen können – es gehört für Merkel schon den Alltagsmühen der Vergangenheit an.

          Die Kanzlerin baut an dem Bild, das sich die Geschichte von ihr machen soll. Ihre offenen Arme und das Lächeln sollen in Erinnerung bleiben. Merkel muss nicht mehr werben, versöhnen, Reue demonstrieren: Sie hat den Platz geräumt. Die CDU wird ihrer Wege gehen, und das werden andere Wege sein als unter Merkel, egal welcher der drei Kandidaten Vorsitzender wird. So kann sich die Partei einerseits erneuern, andererseits wehmütig von Merkel Abschied nehmen.

          Entscheidung getroffen

          Zwischen den Reden in Straßburg und Berlin hatte Merkel auch ein Rendezvous mit dem unangenehmen Teil ihres Erbes: den wütenden Bürgern von Chemnitz. Die Ressentiments schossen ihr nur so entgegen beim Bürgerdialog, und das waren bloß die Ressentiments derer, die einigermaßen beherrscht und höflich drinnen saßen. Draußen fegte der Merkel-muss-weg-Sturm durch die Straßen.

          „Wir schaffen das nicht!“, „Sie haben Deutschland gespalten!“, „Wann treten Sie zurück!“ – so schallte es ihr entgegen. Stoisch erklärte die Kanzlerin immer wieder, wie sie ihren Satz „Wir schaffen das“ damals meinte: Als Ansporn in einer Zeit der Herausforderung. Ihr einziger Fehler, erklärte Merkel, habe darin bestanden, nicht schon vor 2015 den Flüchtlingen in Jordanien und im Libanon geholfen zu haben. Zwar mit freundlichem Gesicht, aber doch unerbittlich zog sie auch in diesem Fall die Linie zwischen richtig und falsch.

          „Es gibt hier Menschen, die haben Sorgen, dass vielleicht zu viele Flüchtlinge hier sind. Und es gibt Menschen, die haben offene Vorurteile gegen Menschen, die einfach anders aussehen.“ Das gespaltene Land, von dem ein Chemnitzer sprach, an diesem Abend und in dem Saal wurde es greifbar. Aber Merkel hat sich damit abgefunden. Ja, sagte sie, sie wisse, dass ihr Gesicht „für viele Menschen polarisierend wirkt“. Doch in einer Welt der Gegensätze, wie Merkel sie zeichnet, kann es nicht ein Gesicht für alle geben. Merkel hat sich entschieden. Sie konnte sich entscheiden, weil sie keine Wahlen mehr gewinnen muss. So frei war sie noch nie.

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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