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Merkels Kanzlerkandidatur : Aufhören verboten

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Den freiwilligen Rückzug eines Kanzlers gab es noch nie: Angela Merkel beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung. Bild: dpa

Noch hat sich Angela Merkel nicht entschieden, ob sie für eine vierte Amtszeit kandidieren wird. Einen freiwilligen Verzicht auf eine Wiederwahl gab es bisher noch nie. Denn Rückzug gehört nicht zur Stellenbeschreibung von Bundeskanzlern.

          Der Satz glich einem Bandwurm. Er ist schwer zu lesen. Vor allem ist er in der Vergangenheitsform gehalten. Ob er eine verkappte Botschaft Angela Merkels für die Journalisten enthielt, wird sich erweisen. „Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich als Bundeskanzlerin in einer sehr anspruchsvollen Zeit zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Kabinett, aber auch mit den Ministerpräsidenten der Länder, mit den Kommunen wie auch mit vielen Nichtregierungsorganisationen und vielen Ehrenamtlichen nach bestem Wissen und Gewissen zusammengearbeitet habe.“

          Noch eine Formel interpretationsfähiger Art folgte. „Es war eine herausfordernde Zeit. Es wird auch eine herausfordernde Zeit bleiben, aber ich stehe zu den Grundentscheidungen, die wir getroffen haben.“ Es gebe noch zu tun.

          Klar sei aber, dass „wir auch schon viel erreicht haben“. Ende Juli war das, auf ihrer Sommerpressekonferenz. Für den derzeit unerwarteten Fall der Fälle könnte Merkel solche Sätze aufs Neue vortragen – dereinst beim Abschied.

          Zwei Varianten werden von Parteigängern Angela Merkels präsentiert, wie später einmal die Kanzlerschaft der CDU-Vorsitzenden enden könnte. Merkel werde das Schicksal ihrer Vorgänger zu teilen haben, sagen die einen voraus – nennen wir sie die hundertprozentigen Merkel-Anhänger. Heißt: Sie wird so lange im Kanzleramt bleiben (wollen), bis der Wähler, die Partei oder auch der Koalitionspartner sie von der Macht verdrängt.

          Nein, sagen die anderen: Angela Merkel sei nicht nur der erste weibliche Bundeskanzler, der erste auch, der sich auf unterschiedliche Koalitionen habe stützen können, sondern habe auch als erster die Weitsicht, das Amt freiwillig zu verlassen und seine Nachfolge zu regeln. Die das prognostizieren, sollten hundertfünfzigprozentige Merkel-Freunde genannt werden.

          Nie da gewesen

          Den ganz und gar freiwilligen Rücktritt eines Bundeskanzlers oder auch nur dessen freiwilligen Verzicht auf eine Wiederkandidatur gab es noch nie. Konrad Adenauer wurde 1963 von der CDU und dem Koalitionspartner FDP zum Verzicht gezwungen. Ludwig Erhard (CDU) wurde 1966 Opfer eines Koalitionswechsels.

          Kurt Georg Kiesinger verlor 1969 die Bundestagswahl. Willy Brandt (SPD) trat 1974 wegen der Guillaume-Spionageaffäre zurück. Helmut Schmidt (SPD) teilte Erhards Schicksal. Helmut Kohl (CDU) und Gerhard Schröder (SPD) verließen das Kanzleramt nach verlorenen Bundestagswahlen – 1998 der eine, 2005 der andere.

          Allenfalls das Ausscheiden Brandts und Schröders kann als Ausnahme von der Regel interpretiert werden. Brandt hätte die Guillaume-Krise durchstehen können. Schröder hätte die Bundestagswahl nicht unbedingt vorziehen müssen.

          Bundeskanzler sind Machtmenschen besonderer Art. Sie müssen es sein, um das Amt zu erlangen und darin zu bestehen. Selbstzweifel dürfen sie nicht zu erkennen geben, selbst dann nicht, wenn sie von ihnen geplagt werden.

          Den Aufstieg haben sie gelernt. Der Verzicht gehört nicht zu ihrem Repertoire. Meist sehen sie sich vor neuen Aufgaben, die nur sie allein bewältigen können. Kohl etwa hätte 1998 verzichten können; Wolfgang Schäuble stand bereit.

          Kohl aber glaubte, nur unter seiner Führung könne die D-Mark durch die Einführung des Euros abgelöst werden. Selbst Schröder kämpfte beim Wähler wie ein Wilder um die Unterstützung für seine innerparteilich umstrittene Agenda-2010-Reformpolitik. Ein Verzicht hätte wie ein Verrat an eigenen Grundsätzen ausgesehen. Kanzler wollen das nicht.

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