https://www.faz.net/-gpf-777s2

Merkel in der Türkei : Eine Bildungsreisende

  • -Aktualisiert am

Städte in Stein gehauen: Bundeskanzlerin Merkel am Montag im Göreme-Nationalpark in der Türkei Bild: dpa

Bundeskanzlerin Merkel nutzt ihre Reise in die Türkei nicht nur, um mit Politikern zu sprechen. Sie will das Land kennenlernen. Bis hinein in seine alten weiten Höhlen.

          4 Min.

          Sonne über Kappadokien, jene Sonne, die das Berliner politische Milieu seit Wochen nicht mehr gesehen hatte. Den Südosten der Türkei, gelegen eine halbe Flugstunde südöstlich von Ankara, hat Angela Merkel an diesem Montag besucht, was dem touristischen Programm ihrer zwei Tage langen Türkei-Reise eine politische Dimension geben sollte. Zehn Jahre nach den Agenda-2010- und Hartz-IV-Zeiten ihres Vorgängers Gerhard Schröder könnten sogar Arbeitsbesuche von Bundeskanzlern einen neuen Gehalt bekommen - wieder bekommen. Schröder hatte es, der Bilder und der Schlagzeilen wegen, über Jahre vermieden, seine Auslandsreisen mit einer Art Freizeitprogramm zu versehen. Die Pyramiden von Gizeh waren - anders wiederum als zu Helmut Kohls Zeiten - ein kommunikatives Tabu für den Bundeskanzler.

          Angela Merkel beginnt, an alte Traditionen anzuknüpfen. Vor Jahren hatte sie, immerhin, schon einmal die Terrakotta-Armee in China besichtigt. Bei ihren Türkei-Reisen, so ist notiert worden, hatte sie stets zwei Orte besucht. Natürlich Ankara, die Hauptstadt. Dazu aber noch Istanbul, wie erläutert zu werden pflegt - nicht bloß der ökonomischen, sondern auch der historisch-religiösen Bedeutung wegen. Also: die Blaue Moschee, die Stätte des Islams. Und in diesem Jahr nun erstmals Kappadokien, mit seinen uralten christlichen Traditionen. Hunderte von Höhlen, in denen - vor der konstantinischen Anerkennung des Christentums als römische Staatsreligion - Christen lebten und ihren Glauben praktizierten.

          Dutzende unterirdische Städte

          Dutzende von Städten habe es damals gegeben - alle unterirdisch. Vier Quadratkilometer, hat der Fremdenführer nun erläutert, habe allein eine dieser Städte gehabt. Sämtliche von ihnen seien mit unterirdischen Gängen verbunden gewesen. Keine Chancen hätten die römischen Besatzungslegionen gehabt, Kontrolle über diesen Landstrich zu erlangen. Der weiche Tuffstein - Überbleibsel von Vulkanen - machte es möglich, riesige Höhlen zu errichten. Und selbst die türkische Ausgabe des japanischen Fuji war für die Bundeskanzlerin und die Delegation zu sehen - schneebeckt, in der Sonne gelegen.

          Empfang mit militärischen Ehren: Ministerpräsident Erdogan und Bundeskanzlerin Merkel am Montag in Ankara

          Es ist weniger ein Besuch hier in der Zentraltürkei, der an die auch christlichen Wurzeln der Türkei erinnern sollte. Das auch. Aber im Mittelpunkt dieses Abstechers stand dann doch das Historische - der Hinweis auf die uralte Geschichte dieser Region. Bis in die Gegenwart hat sie ihre besondere Bedeutung für das Land - touristische scheinen sich langsam auf internationale Standards und Bräuche hin zu entwickeln. Landwirtschaftliche seien schon da, sagt der Führer. Zitronen werden hier hergebracht, tonnenweise dann gelagert in den Höhlen, in denen sie Feuchtigkeit aufnehmen und zu regionalen Besonderheiten werden. Der Weinanbau hier geht sogar auf die Zeit der Phönizier zurück. Kürbis wird angebaut; die Kerne werden dann nach Österreich gebracht - zur Produktion, wie versichert wurde, von Kernöl.

          Besichtigung mit großem Begleittross

          Manches spricht dafür, dass Frau Merkel solche Besuche mittlerweile auch unternimmt, um Gefühl und Gespür für die Besonderheiten von Ländern zu gewinnen, mit deren Staatsführern sie regelmäßig zu verhandeln hat. Sie jedenfalls scheint das so zu sehen. Es verstand sich, dass es nicht eine Besichtigungstour gewöhnlichen Ausmaßes war. Eine Schlange von Anzugträgern, Kameraleuten und Sicherheitsbeauftragten wälzte sich durch das Weltkulturerbe. Und müßig war die Frage eines Spezialisten, ob die deutsche Bundeskanzlerin in irgendeiner Form separiert vom Rest der Hunderten zu fotografieren sei. In einer der vielstöckigen Kirchen krachte derweil ein Teleobjektiv vom oberen in den unteren Stock. Nichts passiert.

          Führung durch die Tokali-Kirche im Göreme-Nationalpark mit dem türkischen Minister für Kultur, Ömer Celik (links)

          Ob nun der Besuch in Kappadokien oder jener am Sonntagabend bei der Bundeswehreinheit in Kahramanmaras als erstes feststand, war so gesehen eine Frage minderen Gewichts. Manches spricht dafür, dass der Truppenbesuch eine abgeleitete Bedeutung hatte. Seit Ende Januar gehen dort gut 300 Soldaten ihrer Pflicht nach, die Türkei im Rahmen des Nato-Vertrages gegen mögliche Angriffe - von wem auch immer - aus syrischem Staatsgebiet zu unterstützen. Der Besuch bei der Bundeswehreinheit war schon wegen der örtlichen Nähe erforderlich, obwohl der Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière erst am Tag zuvor dort gewesen war. Es fügte sich, dass Frau Merkel den Soldaten versicherte, es werde - wirklich - nicht nun täglich ein deutsches Regierungsmitglied dort erscheinen.

          Gespür für die syrische Grenze bekommen

          Besichtigung also einer Patriot-Abschuss-Rampe - einer von zwölf. Noch ist keine abgeschossen worden. „Gottseidank“, vermerkte ein Truppenbediensteter. Seit vier Wochen bauen sie die Station auf - in einer alten türkischen Kaserne, die zum Abriss freigegeben worden war. Es heißt, die sanitären Anlagen ließen zu wünschen übrig, und von entsprechenden Schicksalen der Soldaten wird gesprochen. Demnächst sollen die gelieferten Nahrungsmittel auf ihre Tauglichkeit für die Deutschen hin überprüft werden, und falls die deutschen Standards nicht eingehalten würden, müsse alles mit Containern herbeigeführt werden. Ein Gespür für die Nähe zur syrischen Grenze mag Frau Merkel bekommen haben wollen. Aleppo war nicht weit.

          Später Besuch: Bundeskanzlerin Merkel am Sonntagabend bei der Bundeswehreinheit im türkischen Kahramanmaras

          Das Politische und Ökonomische durfte nicht in den Hintergrund geraten. Empfang für Frau Merkel am Montag beim türkischen Staatspräsidenten Gül. Natürlich auch Unterredungen mit türkischen Wirtschaftsführern und eine Rede zur Förderung des schon florierenden Handelsaustauschs. Ein Gespräch - und am Abend dann noch ein Essen - mit dem Ministerpräsidenten Erdogan, der in deutschen Regierungskreisen als ein Mann kräftiger Worte gilt. Die beiden sehen sich regelmäßig, und die Gespräche mögen dazu geführt haben, dass die Bundeskanzlerin sich langsam von der Wortwahl von der privilegierten Partnerschaft entfernt, die an die Stelle eines vollständigen Beitritts der Türkei zur Europäischen Union treten sollte.

          Stolze Türkei unter europäischem Joch?

          Ihre Zweifel und Bedenken dagegen freilich hält Frau Merkel aufrecht. Nicht einmal so sehr mit den religiösen Angelegenheiten pflegt sie ihre Position zu begründen. Die Rolle der Gewerkschaften in der Türkei und das, was im weitesten Sinne als politische Kultur zu bezeichnen ist, kommen hinzu. Fragen und Zweifel zudem, ob die Türkei, das stolze Land, unter die Fittiche der Europäischen Union und ihrer Kommission begeben würde, in all den Details der Politik, wie das eben seit Jahren die althergebrachten Mitglieder Westeuropas tun. Der seit Jahren währende Streit, wie Zypern zu behandeln sei, pflegt immer wieder neu die Verhandlungen zu blockieren. Ein Besuch des Atatürk-Mausoleums war ebenso Pflicht. „In Gedenken an den Gründer der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, und in Anerkennung unserer tiefen Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern und ihren Bürgerinnen und Bürgern“, schrieb Frau Merkel in das Gedenkbuch.

          In einer anschließenden Pressekonferenz sagte der türkische Ministerpräsident Erdogan dann aber dennoch, dass er sich mehr Unterstützung seines Landes für einen EU-Beitritt wünsche. Darum habe er die Bundeskanzlerin persönlich gebeten. Und um seiner Bitte Nachdruck zu verleihen, hob er auf die engen wirtschaftlichen Beziehungen beider Staaten ab: In der Türkei seien inzwischen etwa 5000 deutsche Firmen vertreten, die mehr als 350.000 Leute Menschen beschäftigten. Und schließlich gebe es auch in Deutschland türkische Investoren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hat nach dem Diesel-Urteil von Kassel was zu knabbern: Frankfurts Verkehrsdezernent Oesterling (links)

          Streit um Diesel-Fahrverbote : Letzte Mahnung für Frankfurt

          Im Streit um Diesel-Fahrverbote kann sich die Stadt Frankfurt bewähren. Angesichts des endlosen Wirrwarrs könnte man das Vertrauen in einen Staat verlieren, der erst gar nicht und dann sehr zäh auf den Dieselskandal reagierte.
          Wer sich Bildungsurlaub in den Kalender schreiben will, muss einiges beachten, bevor es losgehen kann.

          Die Karrierefrage : Lohnt sich Bildungsurlaub?

          Was haben Social-Media-Training und Klangmeditationen gemeinsam? Für beides gibt es eine ganze Woche frei. Bloß: die Regeln sind schwer zu durchschauen.

          Roxette-Sängerin Fredriksson : Die bessere Hälfte

          Es ist eine seltene musikalische Gabe, heftige Gefühle zu verstärken und gleichzeitig ein wenig über sie hinwegzuhelfen: Zum Tod der begnadeten Marie Fredriksson.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.