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Merkel in Afghanistan : Auf Schlimmes vorbereitet

  • -Aktualisiert am

Reise umgeplant: Bundeskanzlerin Merkel nach der Landung in Mazar-e-Sharif Bild: dapd

Eine Reise jenseits der Routine: Einmal im Jahr will Bundeskanzlerin Merkel die Bundeswehrstandorte in Afghanistan besuchen. Doch ein Amoklauf überschattet die Gespräche, und das Wetter verändert nun auch die Route.

          Schneebedeckt die Berge ringsum. Das hätte ein Flug werden sollen. Drei Hubschrauber über dem Norden Afghanistans, einer davon mit Angela Merkel an Bord, im Tiefflug über umkämpftes Gebiet, offen die Maschinen, um den Bordschützen Gelegenheiten zu geben, die Bundeskanzlerin verteidigen zu können.

          Die Gäste und die Kanzlerin waren auf Schlimmes vorbereitet worden. Eiskalt, an den Füßen und am Kopf, solle es sein und laut und unbequem. Früher, so wurde erzählt, hätten die Decken nicht ausgereicht. Schutzweste und Helm seien Pflicht. Eine Stunde etwa sei zu fliegen von Termez in Usbekistan, dort wo die Regierungsmaschine gelandet war, manchmal nur zehn Meter über dem Boden nach Kundus. Dann wieder eine knappe Stunde nach Mazar-i-Sharif und nach diesem Aufenthalt zurück nach Termez.

          Anzugträger in Khaki-Kluft

          Und dann dies: schlechtes Wetter, Schnee gar, in und über Kundus. Wahrscheinlich wäre Frau Merkel noch hineingekommen - nur ob auch wieder hinaus, war überaus ungewiss. Also wurde Kundus gestrichen, und es ging nach „Mazar“, wie die Leute hier zu sagen pflegen, mit dem Transall-Flugzeug.

          Am Mahnmal für die gefallenen Bundeswehrsoldaten

          In „Mazar“ dürfen Bundeswehrmaschinen landen - der Flugplatz liegt mitten auf dem Standort-Gelände mit seinen etwa 7000 Soldaten. In Kundus sollte die Bundeskanzlerin nicht landen - das Rollfeld liegt knapp ein Kilometer außerhalb des Standortes. Zu groß sei das Risiko. Die meisten Anzugträger aus Berlin hatten sich vorsorglich khaki-farben gekleidet.

          Zuerst ein Besuch am Mahnmal

          Es hat schon Tradition, dass der Besuch Frau Merkels in den Bundeswehr-Standorten Afghanistans am sogenannten Ehrenhain beginnt - einem halbkreisförmigen, steinernen Mahnmal zu Ehren der gefallenen Soldaten aus dem Camp. Ringsum die Fahnen der Staaten, die am Isaf-Einsatz beteiligt sind. Sodann ein Lagebericht, in dem der Bundeskanzlerin die aktuellen Gegebenheiten erläutert wurden - es sollte sich um eine vertrauliche Unterrichtung handeln. Später dann sind Begegnungen mit Soldaten geplant - bis hin zum Barbecue. Einen besonderen Anlass, so war es geschildert worden, hatte es für diese Reise Frau Merkels nicht gegeben. Doch hatte sich die Bundeskanzlerin vorgenommen, etwa ein Mal im Jahr deutsche Truppenkontingente in Afghanistan zu besuchen.

          Am Vorabend ihrer Reise war abermals bestätigt worden, weshalb die Sicherheits- und Geheimhaltungsregeln dermaßen streng zu sein haben, sodass stets von einem „überraschenden“ Besuch zu berichten ist. Der mutmaßliche Amoklauf eines amerikanischen Soldaten, der im Süden Afghanistans mehr als ein Dutzend Zivilisten, viele Kinder vor allem, in ihren Privathäusern erschossen hatte, trug zur Verschärfung der Lage bei.

          Auswirkungen auf deutsche Soldaten

          Tatsächlich pflegen sich auch Ereignisse, an denen die deutschen Bundeswehreinheiten nicht beteiligt waren, auf die deutschen Soldaten auszuwirken. Die Vernichtung von Koran-Schriften, welche im Februar in amerikanischen Depots gefunden waren, führten zu heftigen Demonstrationen in der Region Kundus. Der kleine Außenstandort Taloqan, in dem östlich der Stadt Kundus Bundeswehreinheiten stationiert waren, wurde kurz darauf geräumt.

          Für ein paar Stunden das Leben der Soldaten teilen: Angela Merkel in der Kantine im Camp Marmal

          Verteidigungsminister de Maizière hatte alle Mühe zu versichern, Taloqan habe ohnehin verlassen werden sollen. Er sei von den deutschen Soldaten mithin nicht kopflos geräumt worden. Doch sei er, auch das hatte de Maizière zuzugeben, ohnehin nicht zu halten gewesen: zu klein, zu ungünstig in der Ortschaft gelegen.

          Eine ungewöhnliche Übernachtung

          In solch einer Situation spricht viel dafür, den deutschen Soldaten die Aufwartung zu machen - in Kundus und natürlich auch in Mazar-i-Sharif. Es erleichtert solche Reisen auch, dass beide Standorte im Norden Afghanistans liegen - nahe der Grenze zu Usbekistan, dort, wo in Termez ein großer Bundeswehrstandort mit seinen logistischen Aufgaben liegt. Vielfach haben dort im Camp schon Minister übernachtet. Angela Merkel pflegte das nicht zu tun. Alle ihre Auslandsreisen sind - quasi bis an die Ermüdungsgrenze - so kurz gefasst wie irgend möglich. Die deutsche Innenpolitik erfordert ihren Preis. Dieses Mal: Abflug Sonntagabend. Beabsichtigte Rückkehr in Berlin: 25 Stunden später.

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