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Kanzlerin im F.A.Z.-Interview : „Ich folge Donald Trump nicht regelmäßig“

Angela Merkel stellte sich auf der F.A.Z. Kongress den Fragen von Herausgeber Berthold Kohler sowie von Leserinnen und Lesern. Bild: Wolfgang Eilmes

Mit der F.A.Z. verbindet Angela Merkel eine persönliche Geschichte. Zur Jubiläumsfeier der Zeitung bespricht sie mit Herausgeber Berthold Kohler, warum die Welt auch in Zeiten von Trumps Twitter-Tiraden keine schlechtere als früher ist und was sie nach ihrer politischen Karriere vorhat.

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          Angela Merkel (CDU) schätzt die F.A.Z. so sehr, dass sie sie gleich zwei Mal abonniert hat: Das verriet die Bundeskanzlerin am Donnerstag beim ersten Leserkongress, den die F.A.Z. zu ihrem 70. Geburtstag im Kap Europa in Frankfurt ausrichtete. Mindestens ebenso bemerkenswert: Bei der Lektüre nähern sich Merkel und ihr Mann Joachim Sauer der Zeitung nachgerade dialektisch an: „Mein Mann liest die F.A.Z. immer vom Vortag“, erzählte die Kanzlerin im Gespräch mit Herausgeber Berthold Kohler. „Ich lese parallel auf dem iPad schon die vom nächsten Tag. Das Interessante ist: Jeder findet etwas Interessantes.“

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Mit der F.A.Z., den Eindruck musste man am Donnerstag in Frankfurt abermals gewinnen, verbindet Angela Merkel eine lange gemeinsame Geschichte – immerhin sorgte sie 1999, noch als junge Generalsekretärin, mit ihrem Namensbeitrag in der F.A.Z. für die abrupte Ablösung der CDU von Helmut Kohl. Ein Tag, der Merkel in Erinnerung geblieben ist, wie sie erzählte – auch weil die Zeit bis zum Redaktionsschluss damals äußerst knapp war. So habe sie ihren Text nicht sofort den politischen Herausgebern angeboten, sondern dem damaligen Leiter des Berliner Büros der F.A.Z., Karl Feldmeyer.

          „Der war aber beim Mittagessen, es dauerte bis 15 Uhr, bis er wieder zurück war“, erzählte Merkel unter Gelächter im Saal. „Da kam ich echt ins Schwitzen.“ Für besondere Erheiterung sorgte auch Kohlers Aussage, die erste Auskunft aus dem Hauptstadtbüro über Merkels Text habe gelautet: „Ganz interessant, aber nichts Besonderes.“ Der Reporter habe von ihr eben „einfach nichts erwartet“, so Merkels Replik. Darauf Kohler: „Herr Nonnenmacher und ich wussten bei Ihnen damals schon, dass wir bei Ihnen mit allem rechnen müssen“.

          Keine Zeit für gewissenhafte Nachfragen

          Eine bestens aufgelegte Kanzlerin also, die in Frankfurt in einem launigen Gespräch auch abseits der F.A.Z. Interessantes zu berichten wusste – und Erleichterndes. Etwa, dass sie dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump weder auf Twitter noch anderweitig regelmäßig folgt – was abermals für Glucksen im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal sorgte. Trump habe es geschafft, dass alle seine Tweets längst „wie Presseerklärungen behandelt“ würden. „Twitter ist ein offizielles Verlautbarungsmedium geworden“, sagte die Kanzlerin und erzählte dann, wie in der Bundespressekonferenz seinerzeit noch „ein Raunen“ durch den Saal gegangen sei, als Regierungssprecher Steffen Seibert dazu überging, Informationen der Bundesregierung auch auf Twitter zu verkünden. Überhaupt habe sich auch ihr Medienkonsum sehr in Richtung digitale Medien verlagert, berichtete die Kanzlerin, die zwei Mal täglich eine Presseschau von rund 100 Seiten Umfang erhält. Nur die Seite drei lese sie auch in der F.A.Z. am liebsten in Papierform.

          Das sei der größte Unterschied zu früher, sagte Merkel: Das politische Geschäft sei so schnell geworden, dass viele Medien sich oft nicht mehr genügend Zeit für gewissenhafte Nachfragen und die Überprüfung einer Meldung nähmen. „Heute fragt keiner mehr, ob es stimmt, es wird erst mal weiterverbreitet. Und wenn Sie als Politiker eine Falschmeldung nicht sofort dementieren, verbreitet sie sich durch die sozialen Netzwerke in einer Geschwindigkeit, dass man sie nicht mehr einfangen kann.“ Auch die immer kürzeren Konjunkturzyklen von Themen und die sinkende Aufmerksamkeitsspanne macht die Kanzlerin als Problem aus. „Sehr häufig spielen interessante Geschichten tagelang eine große Rolle, danach hat man aber große Mühe, sie weiterzuverfolgen, weil sich das nächste emotionale Ereignis darüberlegt.“

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