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Gastbeitrag zu Atomwaffen : Das dritte Nuklearzeitalter

  • -Aktualisiert am

Sterben ohne Chance aufs Entkommen: 18.000 Meter hohe pilzförmige Rauchwolke über der Stadt Nagasaki Bild: dpa

Die nukleare Weltordnung schien nach dem Ende des Kalten Krieges in einen relativ stabilen Zustand übergegangen zu sein. Doch dem ist nicht so. Der Schuldige an der neuerlichen Erschütterung ist klar: Russland. Ein Gastbeitrag.

          12 Min.

          Die Einteilung historischer Zeiträume in Epochen ist ein schwieriges Unterfangen, nicht zuletzt, weil sie von den Zeitgenossen nur selten als neue Zeitalter erkannt werden. Dass mit den Explosionen in Hiroshima und Nagasaki eine Ära beginnen sollte, in der Kernwaffen zu einer zentralen Machtwährung im Ost-West-Konflikt aufsteigen, hatte 1945 wohl kaum jemand geahnt. Stattdessen galten Kernwaffen bei den amerikanischen Militärs eher als eine vielfach verstärkte Artillerie, mit der sich „more bang for the buck“ – also mehr Zerstörung fürs Geld – erzielen lasse. Erst mit der Kuba-Krise im Jahr 1962 begriffen die Akteure in Washington und Moskau, dass der Einsatz von Atomwaffen das Ende der Menschheit bedeuten könnte. Die Logik der nuklearen Abschreckung nahm Gestalt an: Kein noch so großer Gewinn, den sich ein Aggressor erhoffen könnte, würde den unermesslichen Schaden ausgleichen können, der ihm durch die nukleare Vergeltung des Gegners zugefügt würde. In einem Atomkrieg könne es keine Sieger, sondern nur Verlierer geben.

          Karl-Heinz Kamp ist Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin.
          Karl-Heinz Kamp ist Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin. : Bild: Bundesakademie für Sicherheitspolitik

          Damit gewannen die nuklearen Arsenale auf beiden Seiten die Fähigkeit, durch wechselseitige Abschreckung mäßigend auf die politischen Entscheidungen in Ost und West zu wirken. Sie veränderten das Kosten-Nutzen-Kalkül eines potentiellen Angreifers, indem sie ihm die Gefahren seines Handelns drastisch vor Augen führten. Der Nichtgebrauch von Kernwaffen wurde somit zum erklärten Ziel beider Supermächte. Gleichzeitig musste ein Kernwaffeneinsatz – und hier liegt eines der grundlegenden Dilemmas – eine reale Möglichkeit darstellen, um einen glaubwürdigen politischen Abschreckungseffekt erzielen zu können. Das bedeutet, dass Kernwaffen einsetzbar sein müssen, um nicht eingesetzt zu werden. Dieser immanente Widerspruch im Konzept der nuklearen Abschreckung ist seit je der Öffentlichkeit nur schwer zu vermitteln.

          Allerdings verhinderte die wechselseitig gesicherte nukleare Zerstörung nicht nur den nuklearen Schlagabtausch, sondern auch einen konventionellen Krieg zwischen den beiden Blöcken. Da jede militärische Auseinandersetzung immer die Gefahr des Aufschaukelns hin zum Atomkrieg bedeutet hätte, war der Zwang zur Zurückhaltung im Krisenfall offensichtlich: Wer als Erster schießt, stirbt als Zweiter. Stattdessen führte man Stellvertreterkriege oder trug den Systemgegensatz über den Rüstungswettlauf aus. Sobald eine Krise aber nukleares Eskalationspotential bot, regierte die Vorsicht. Die westlichen Nichtreaktionen auf den Mauerbau in Berlin oder auf die Niederschlagung des Aufstands in der ČSSR sind konkrete Beispiele.

          Kein nuklearer Holocaust

          Einige Beobachter glaubten sogar ein „nukleares Tabu“ zu erkennen, das sich in den Ost-West-Beziehungen zunehmend etablieren würde. Je länger Kernwaffen nicht zum Einsatz kämen, desto größer würde der Widerwille auf beiden Seiten, die nukleare Schwelle jemals zu überschreiten und die nukleare Büchse der Pandora überhaupt zu öffnen. Ein Gebrauch von Kernwaffen würde damit im Verlauf der Zeit faktisch unmöglich. Andere taten solche Überlegungen allerdings als akademische Fingerübungen ab. In extremen Krisen würden Entscheidungsträger sich vielmehr nach ihrer eigenen Wahrnehmung und den unmittelbaren Zwängen richten und weniger nach langjährigen Verhaltensweisen.

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