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Medien : Wenn Nähe die Sicht versperrt

  • -Aktualisiert am

Journalismus in Zeiten der „spin-doctors": Medienfachleute fürchten eine Amerikanisierung der politischen Kommunikation in Deutschland.

          Der Amerikaner Erik Kirschbaum arbeitet seit zehn Jahren für die Reuters Nachrichten Agentur in Deutschland. Und noch immer wundert er sich, wie nah an den Politikern Journalisten in Deutschland sind und wie wenig sie dennoch von dem schreiben, was die wissen. „Die bringen die Sachen nicht, weil dann keiner mehr mit ihnen redet." Auch dass Interviews in Deutschland nachträglich vom Gesprächspartner gegengelesen und damit oft entschärft werden, wäre in Amerika undenkbar.

          Dort gelte das gesprochene Wort. Kirschbaum bestätigte, was die Politologin Barbara Pfetsch vom Berliner Wissenschaftszentrum schon in ihrem Eingangsreferat als Hauptunterschied zwischen deutscher und amerikanischer Politikvermittlung ausgemacht hatte: in Amerika gelten klare Regeln, an die sich Politiker und Journalisten halten können, in Deutschland bestimmt Informalität diese Beziehung. In Amerika wird die Öffentlichkeit durch die Medien in den Entscheidungsprozess eingebunden, während in Deutschland die Medien vor allem die Aufgabe erfüllen „im Nachhinein symbolisch zu legitimieren, was schon beschlossen ist".

          Druck wird zunehmen

          Die Geschäftsgrundlage der politischen Kommunikation sei in beiden Ländern eben unterschiedlich. Doch der Druck auf die Politikvermittler, so Pfetsch, werde auch in Deutschland zunehmen. Mit dem Ergebnis einer professionalisierten politischen Öffentlichkeitsarbeit durch Medienprofis, den sogenannten „spin-doctors". Eine solche Amerikanisierung der deutschen Medienlandschaft würde er sehr begrüßen, meinte Kirschbaum. Politik würde dann nicht mehr in den Hinterzimmern der Parteien gemacht, sondern endlich im öffentlichen Rahmen. Als Beispiel nannte er die letzte Landtagswahl in Niedersachsen, die als eine Art Vorwahlen für die folgende Bundestagswahl die spannendsten Wahlen gewesen seien, die er in Deutschland miterlebt hat.

          Doch Kirschbaum und Pfetsch redeten, als ob die Entwicklung der letzten Jahre an ihnen vorrüber gegangen sei. Und auch für die anderen Podiumsteilnehmer schien der entscheidende Faktor die Professionalität der Beteiligten zu sein: Der Pressesprecher des Arbeitsministeriums, Klaus Vater, warf den Journalisten vor, unsauber zu arbeiten, ein Professor der Freien Universität Berlin stellte den „civic journalism" vor - eine Art Selbstverpflichtung amerikanischer Journalisten, einem höheren ethischen Standard zu folgen - und zuletzt plädierte Cecilie Rohwedder vom Wall Street Journal dafür, den „mündigen Bürger" nicht zu vergessen. Der wisse oft mehr, als ihm zugetraut werde. Was fehlt sei ein „öffentlicher Diskurs über das, was alle Beteiligten machen", sagte Pfetsch und Klaus Vater sprach davon, dass man die „traditionellen Werte im Journalismus hochhalten" müsse.

          Weniger Konfrontation - mehr Konsens

          Fast beiläufig hatte der Pressesprecher der amerikanischen Botschaft, die als Mitveranstalter der Tagung fungierte, in seiner Begrüßung auf zwei Themen hingewiesen: auf die zunehmende Technisierung der Informationsgesellschaft einerseits, und die Kommerzialisierung des Journalismus andererseits. Doch weder die Implikationen des Internets auf die politische Kommunikation, noch der kommerzielle Druck, Nachrichten immer schneller und billiger zu produzieren, wurde von der deutschen Seite in die Diskussion aufgenommen. Was der amerikanischen Medienkritiker Robert McChesney vor wenigen Tagen bei einer ähnlichen Veranstaltung noch als Monster und Gefahr für die Demokratie gegeißelt wurde - der kommerzielle Journalismus moderner Prägung nämlich - wirkte bei der Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung auch in seiner amerikanischen Prägung als durchaus domestizierbar. Vielleicht war auf diesem Gebiet die Amerikansisierung auch einfach schon weiter fortgeschritten - eine Haupforderung des „civic journalism" lautet nämlich: „weniger Konfrontation und mehr Konsens".

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