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Mateen und Breivik : Mörderische Brüder im Geiste

  • -Aktualisiert am

Trauerkränze am Ufer des norwegischen Ortes Utvika, die an das Massaker vom 22. Juli 2011 auf der gegenüberliegenden Insel erinnern. Dort hatte Anders Breivik 69 zumeist junge Menschen erschossen. Bild: dpa

Anders Breivik tötete 2011 in Norwegen 77 Menschen. Omar Mateen erschoss in Orlando 49 Menschen. Der eine ist Rechtsextremist, der andere radikaler Islamist. Sie sind sich unglaublich ähnlich.

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          Wenn sich Omar Mateen und Anders Breivik jemals begegnet wären, sie hätten sich bis aufs Blut gehasst. Der eine will alle Muslime in Europa deportieren lassen, der andere schwört seine Treue der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), die den Islam in seiner radikalsten Missinterpretation mit Gewalt groß machen will.

          Der eine schreibt ein 1500 Seiten langes wirres Manifest über Muslime, die angeblich Norwegerinnen vergewaltigten und die westliche Gesellschaft zerstörten, der andere postet während seiner Tat auf Facebook, dass der Westen unschuldige Frauen und Kinder in den Gebieten des IS ermorde. Breivik und Mateen haben sich menschenverachtenden Ideologien verschrieben, die im krassen Gegensatz zueinander stehen, die absolut unvereinbar sind.

          Und trotzdem verbergen sich hinter der Maske der Ideologie zwei junge Männer, die sich viel ähnlicher sind, als ihnen lieb gewesen wäre.

          Tatort Orlando: In dem Schwulenclub „Pulse“ erschoss Omar Mateen in der Nacht zum 12. Juni 49 Menschen, bevor er selbst von der Polizei getötet wurde.

          „Sie haben ihren Unmut über die Gesellschaft in einer Ideologie verpackt“, sagt die hessische Kriminalpsychologin Karoline Roshdi, „und jede extreme Ideologie kann dafür herhalten.“ An was der 29 Jahre alte Mateen, der von Sondereinsatzkräften der Polizei von Orlando noch in der Nacht seines Massakers erschossen wurde, und der acht Jahre ältere Breivik, der in Norwegen lebenslänglich hinter Gittern sitzt, glaubten oder immer noch glauben, spielt in ihrem Profil eine verschwindend geringe Rolle. Es ist nur ein Produkt ihres Lebenslaufes und ihrer familiären Umstände.

          „Mateen konnte sich der rechten Ideologie wegen seines Lebenslaufes nicht verschreiben“, sagt Roshdi. Er war Muslim, der Sohn afghanischer Einwanderer. Bei Breivik bot sich der Rechtsextremismus an, er passt als blonder, weißer Norweger in das arische Ideal, dass er sich für Europa wünscht.

          Die Treue zum „Islamischen Staat“ oder der Hass gegen „Kulturmarxismus“ wird zur Nebensache. Was zählt, ist, wie es bei Mateen und Breivik soweit kommen konnte, dass sie unter dem Deckmantel der für sich selbst auserkorenen Ideologie ohne Hemmung auf Dutzende Menschen schießen. Zu töten, als wären sie  in einem Computerspiel, sich selbst zu Herren über Leben und Tod erklären. Und hier fangen Mateen und Breivik an, sich zu ähneln.

          Schwierige Elternhäuser

          Breivik wuchs als Sohn einer psychologisch instabilen, an Depressionen leidenden Mutter und eines Diplomaten auf, zu dem er kaum Kontakt hatte. Eine Vaterfigur fehlte ihm, Liebe und Zuneigung wurden ihm von seiner Mutter verwehrt. „Ich wünschte, du wärst tot“, schreit sie Breivik an, als er noch ein kleines Kind ist. Die Familie gerät ins Visier des Jugendamts, Breivik verbringt die Wochenenden bei einer Pflegefamilie, schließlich wird der Fall aber geschlossen. Zu wenige Hinweise liegen vor, die ein Eingreifen des Jugendamtes rechtfertigen würden.

          Anders Breivik vor Gericht im norwegischen Skien am 18. März 2016, wo er gegen seine Haftbedingungen klagte.

          Als er 15 Jahre alt ist, sieht Breivik seinen Vater zum letzten Mal. Er hatte sich einer Graffiti-Gang angeschlossen, wurde von der Polizei erwischt. Sein Vater will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Dabei wollte Breivik nur, dass sein Vater „stolz“ auf ihn ist, das sagte er als Kind dessen damaliger Frau. Jahre später telefonieren sie noch einmal, Breivik tischt seinem Vater die Lüge vom großen Erfolg auf, während er eigentlich alleine ist, sein Geld mit dem Verkauf gefälschter Diplome im Internet verdient.

          Auch Mateens Verhältnis zu seinem Vater sei von hohen, perfektionistischen Ansprüchen geprägt gewesen, sagt die frühere Frau des Massenmörders. „Er wollte der perfekte Sohn sein“, sagt Sitora Yusufiy dem „Time Magazine“. Wenn er sie schlug, gestand er später, dass dem Gewaltausbruch ein Streit mit seinem Vater vorangegangen war.

          Dazu spielt Seddique Mateen, der Vater des Schützen, seinem Sohn jahrelang vor, wie wichtig Aufmerksamkeit sei. Er produziert eine eigene Fernsehsendung, in der er auf Dari, einer Sprache, die in Afghanistan gesprochen wird, wirr über die politische Lage in Nahost diskutiert, meist mit sich selbst. Er erklärt sich selbst zur provisorischen Regierung Afghanistans. Nach der Tat seines Sohnes kommentiert er diese in Facebook-Videos. Einige Tage später lädt er Journalisten der „New York Times“ in sein Haus, erklärt sich zum Interview bereit, das über Facebook live übertragen wird.

          Omar Mateen

          Seddique Mateen verurteilt die Taten seines Sohnes, sagt aber, er habe davon nichts gewusst. Dazu betont er immer wieder, sein Sohn Omar sei nicht schwul gewesen. Yusufiy, die frühere erste Ehefrau des Todesschützen, berichtet den Medien derweil von den Grauen einer Ehe, aus der sie nach vier Monaten von ihren Eltern gerettet werden musste. Eine wichtige Rolle habe dabei Mateens Beziehung zu seinem Vater gespielt: „Es war ziemlich viel Druck. Er musste in jedem Aspekt perfekt sein, gebildet, respektvoll, und auf keinen Fall homosexuell,“ sagt Yusufiy.

          Gestörtes Verhältnis zu Homosexualität

          Homosexualität – auch das ist ein Thema, mit dem sich beide Massenmörder wohl lange auseinandersetzen mussten. Breiviks Freunde gingen fest davon aus, dass er schwul sei. Interesse an Frauen habe er nur vorgetäuscht, sagen seine Freunde aus Kindertagen später. Breivik selbst stritt das in seinem Prozess in Oslo vehement ab. Er schminkte sich zwar und hatte sein ganzes Leben keine feste Beziehung zu einer Frau gehabt – aber er sei metrosexuell, nicht homosexuell.

          Seine Mutter sagt, als ihr die Nachricht von den Taten ihres Sohnes übermittelt wird, als erstes: „Das ist fast schlimmer als lesbisch oder schwul zu sein.“

          Auch Mateens Vater wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, sein Sohn sei schwul gewesen. Dabei sagen mehrere Gäste des Nachtclubs „Pulse“, einem angesagten Schwulen- und Lesbenclub in Orlando, sie hätten Mateen seit mehreren Jahren immer wieder dort angetroffen.

          Er habe mit Männern getanzt und gleichzeitig anderen von seiner Frau und seinem Kind erzählt. Über Dating-Apps für Schwule habe er mit mehreren Männern immer mal wieder gechattet. Ob Mateen und Breivik homosexuell sind oder waren, das wird sich kaum beweisen lassen. Dass sie Konflikte mit der eigenen Sexualität hatten, das scheint dagegen klar. Eingestehen wollten sie sich das wohl nicht.

          „Die eigene Homosexualität wird so verdrängt, und in einen Hass gegen Homosexuelle umgewandelt“, sagt Roshdi. Somit hasst sich der Täter auch irgendwann selber, „das wird mit der Zeit drängender und kocht immer weiter in ihm hoch.“ Das könnte bei Mateen der Fall gewesen sein – nicht zufällig eröffnete er das Feuer auf einen Schwulenclub. Auch soll er sich vor seiner Tat über andere Schwulenclubs als potentielle Anschlagsziele informiert haben.

          Grenzenloser Narzissmus

          Dazu kommt ein gestörtes Empfinden von Männlichkeit, dass sich als grenzenloser Narzissmus zeigt. „Breivik hatte dieses grandiose Bild von sich selbst, gemischt mit einem mickrigen Selbstbewusstsein,“ sagt Asne Seierstad, eine norwegische Journalistin. Sie hat ein Buch über Brevik und seine Tat geschrieben.

          Sein Äußeres war ihm so wichtig, dass er sich bei einer Schönheitsoperation die Nase korrigieren lies. Er schrieb in seinem Manifest von Prostituierten, die man sich gönnen solle, bevor man den Anschlag letztlich verübt. Eine Freundin suchte er sich über ein Internetportal, in dem osteuropäische Frauen ihre Kontaktdaten gegen Geld anbieten – auch daraus wurde nichts.

          Ebenso lächelt Mateen auf seinen Handybildern selbstverliebt in die Kamera. Er nahm Steroide zu sich, in seiner Wohnung in Florida liegen schwere Gewichte in der Ecke. Sein Aussehen, dass sich wie bei Breivik über die Jahre immer wieder veränderte, war Mateen wichtig. Darin spiegelt sich der aggressive Wunsch nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, der beiden oft verwehrt blieb.

          Täter brauchen Bestätigung von anderen

          Bestätigung von anderen braucht eigentlich jeder. „Der Umschlag zum bösen Narzissmus geschieht allerdings, wenn der Täter immer mehr Bestätigung braucht. Das ist schwer zu kompensieren, wenn es nicht dazu kommt,“ sagt Roshdi. Die Täter fühlen sich wie „vom Thron gestürzt“, verfallen „Gewalt- und Grandiositätsphantasien“.

          Einblicke in diese Phantasien gewährt Breiviks Tagebuch und sein Manifest, in der er sein Massaker an jungen Sozialdemokraten – viele von ihnen aus Einwandererfamilien – rechtfertigte. Er überlegte lange, wie und wo er seine Tat verüben sollte, spielte mit dem Gedanken, eine Journalistenkonferenz zu bombardieren, entschied sich dann aber für das Regierungsviertel in Oslo und das Sommercamp der jungen Sozialdemokraten auf der Insel Utoya. Mateen soll mit dem Gedanken gespielt haben, seine Tat in dem Vergnügungspark Disneyland zu verüben. Mehrmals hatte er den Park innerhalb einiger Monate besucht, und zwar nicht aus touristischem Interesse, wie das FBI sagt.

          Unerfüllter Traum von Beliebtheit

          Beide haben ihre Tat lange und intensiv vorbereitet. „Breivik hat etwa eineinhalb Jahre geplant,“ sagt Asne Seierstad. „Einer von uns“ heißt ihr Bestseller, der tiefe Einblicke in die Psyche des Täters gewährt und die genaue Planung Breiviks beschreibt. Der Titel steht stellvertretend für Breiviks grenzenlosen Wunsch nach Anerkennung, der ihm sein Leben lang verwehrt blieb.

          Das Buchcover von Asne Seierstads „Einer von uns“ – der „Geschichte eines Massenmörders“.

          Der unerfüllte Traum von Beliebtheit, den Breivik trotz seines kontinuierlichen Scheiterns stets weiterträumte, wird irgendwann zum verzweifelten Schrei nach Aufmerksamkeit und Ruhm. Es sind Motive, die auch hinter Mateens Tat stehen. Er wollte wohl Polizist werden, auf mehreren Bildern zeigt er sich in T-Shirts mit dem Logo des New York Police Department. Mehrmals soll er versucht haben, einen Platz an verschiedenen Polizeischulen zu bekommen, scheiterte dabei immer wieder. Die letzte Zurückweisung erfuhr Mateen ein Jahr vor seiner Tat, als er sich für die Polizeiakademie des Indian River State College bewarb. Eine Zusage hat er nie bekommen.

          Ebenso ist Breiviks Leben gezeichnet von Zurückweisung und Versagen: Aus einer Graffiti-Gang, der er sich als Jugendlicher angeschlossen hatte, wurde er rausgeschmissen. Seine Karriere in der rechten Freiheitspartei Norwegens scheiterte daran, dass er von der Parteispitze nie auch nur für einen Listenplatz nominiert wurde. Aus seinen Geschäftsideen wurde nichts. Sogar in der Internetwelt des Computerspiels „World of Warcraft“, in der er sich mehrere Jahre verschanzte, wurde er von seinen Mitspielern ausgeschlossen und übergangen. Sie mochten ihn nicht, er war zu herrisch.

          Dabei waren Breivik und Mateen anscheinend weder dumm noch ohne Talent. Früh schon fiel Breivik als Telefonverkäufer seinen Vorgesetzten auf, war geschickt im Verkauf, wurde schnell zum Teamleiter befördert. Als Mateen 2006 ein Trainingsprogramm im Strafvollzug begann, sprachen ihm seine Vorgesetzten schon bald ihr Lob aus. Er erfülle die Anforderungen, aus ihm würde ein „guter Vollzugsbeamter“ werden, stand laut der Zeitung „Sun Sentinel“ in seiner Personalakte.

          Fünf Monate später wurde Mateen von dem Programm ausgeschlossen. Wieso, ist nicht bekannt.

          Sucht nach Ruhm

          Den beiden Massenmördern ging es nicht in erster Linie darum, den Zweck ihrer Ideologien, die sie sich hauptsächlich über das Internet selbst zusammengereimt haben, zu erfüllen. Es ging ihnen darum, überhaupt irgendeinen Zweck zu erfüllen – irgendetwas zu tun, dass ihnen Anerkennung bringt, die Schlagzeile verschafft, den Eintrag ins Geschichtsbuch garantiert.

          „Wie viele Menschen muss ich töten, um berühmt zu werden?“ Das habe Breivik im Gerichtssaal während seines Prozesses gefragt, sagt Asne Seierstad. „Er wusste, was er tut.“  Sein Ziel war es, in alle Medien zu kommen. Genau wie Mateen, der sogar während seiner Tat bei einem lokalen Nachrichtensender anrief, um davon zu berichten; Er kontaktierte noch während seines Mordens selbst die Polizei und suchte im „Pulse“ auf Facebook nach ersten Pressemeldungen über das gerade von ihm verübte Massaker.

          „Dabei genügt es, im Nachgang positiv vom IS wahrgenommen zu werden“, sagt Roshdi. „Alles Negative kommt nicht an sie ran, weil sie sich als Vorreiter sehen.“ Auch „Breivik sah sich sebst als Retter, als guter Mensch, als einer, der sich opferte“, sagt Seierstad. Er bezeichnete sich als Tempelritter, Vorreiter einer Bewegung, die bis 2083 Europa von den Muslimen befreien und den Westen wieder zu alter Größe bringen würde. Die Menschen, die er tötete, sah er nicht als Menschen, sondern als Feinde. Er sei schließlich im Krieg – ob gegen Muslime oder gegen Amerika, darauf kommt es nicht an.

          Berühmt werden, das ist Mateen und Breivik auf die wohl grausamste Art und Weise gelungen. Auf der weltweiten Rangliste der tödlichsten von einem einzigen Menschen verübten Attentate rangiert Breivik mit 77 Opfern auf Platz eins, Mateen mit 49 Opfern auf Platz drei. Neben Breivik wird Mateen nur übertrumpft von einem Polizisten, der 1982 in Südkorea 56 Menschen erschoss. Ein schauriger Triumph.

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