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Mateen und Breivik : Mörderische Brüder im Geiste

  • -Aktualisiert am

Ebenso ist Breiviks Leben gezeichnet von Zurückweisung und Versagen: Aus einer Graffiti-Gang, der er sich als Jugendlicher angeschlossen hatte, wurde er rausgeschmissen. Seine Karriere in der rechten Freiheitspartei Norwegens scheiterte daran, dass er von der Parteispitze nie auch nur für einen Listenplatz nominiert wurde. Aus seinen Geschäftsideen wurde nichts. Sogar in der Internetwelt des Computerspiels „World of Warcraft“, in der er sich mehrere Jahre verschanzte, wurde er von seinen Mitspielern ausgeschlossen und übergangen. Sie mochten ihn nicht, er war zu herrisch.

Dabei waren Breivik und Mateen anscheinend weder dumm noch ohne Talent. Früh schon fiel Breivik als Telefonverkäufer seinen Vorgesetzten auf, war geschickt im Verkauf, wurde schnell zum Teamleiter befördert. Als Mateen 2006 ein Trainingsprogramm im Strafvollzug begann, sprachen ihm seine Vorgesetzten schon bald ihr Lob aus. Er erfülle die Anforderungen, aus ihm würde ein „guter Vollzugsbeamter“ werden, stand laut der Zeitung „Sun Sentinel“ in seiner Personalakte.

Fünf Monate später wurde Mateen von dem Programm ausgeschlossen. Wieso, ist nicht bekannt.

Sucht nach Ruhm

Den beiden Massenmördern ging es nicht in erster Linie darum, den Zweck ihrer Ideologien, die sie sich hauptsächlich über das Internet selbst zusammengereimt haben, zu erfüllen. Es ging ihnen darum, überhaupt irgendeinen Zweck zu erfüllen – irgendetwas zu tun, dass ihnen Anerkennung bringt, die Schlagzeile verschafft, den Eintrag ins Geschichtsbuch garantiert.

„Wie viele Menschen muss ich töten, um berühmt zu werden?“ Das habe Breivik im Gerichtssaal während seines Prozesses gefragt, sagt Asne Seierstad. „Er wusste, was er tut.“  Sein Ziel war es, in alle Medien zu kommen. Genau wie Mateen, der sogar während seiner Tat bei einem lokalen Nachrichtensender anrief, um davon zu berichten; Er kontaktierte noch während seines Mordens selbst die Polizei und suchte im „Pulse“ auf Facebook nach ersten Pressemeldungen über das gerade von ihm verübte Massaker.

„Dabei genügt es, im Nachgang positiv vom IS wahrgenommen zu werden“, sagt Roshdi. „Alles Negative kommt nicht an sie ran, weil sie sich als Vorreiter sehen.“ Auch „Breivik sah sich sebst als Retter, als guter Mensch, als einer, der sich opferte“, sagt Seierstad. Er bezeichnete sich als Tempelritter, Vorreiter einer Bewegung, die bis 2083 Europa von den Muslimen befreien und den Westen wieder zu alter Größe bringen würde. Die Menschen, die er tötete, sah er nicht als Menschen, sondern als Feinde. Er sei schließlich im Krieg – ob gegen Muslime oder gegen Amerika, darauf kommt es nicht an.

Berühmt werden, das ist Mateen und Breivik auf die wohl grausamste Art und Weise gelungen. Auf der weltweiten Rangliste der tödlichsten von einem einzigen Menschen verübten Attentate rangiert Breivik mit 77 Opfern auf Platz eins, Mateen mit 49 Opfern auf Platz drei. Neben Breivik wird Mateen nur übertrumpft von einem Polizisten, der 1982 in Südkorea 56 Menschen erschoss. Ein schauriger Triumph.

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