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Massenmord in Nizza : Dem Kraken folgt der einsame Wolf

Ein Polizist sichert die Einschüsse in der Frontscheibe des Lastwagens als Beweise. Bild: dpa

Der Albtraum des islamistischen Terrorismus vervielfältigt sich. Die Staaten Europas müssen die Rekrutierung junger Männer für den Dschihad unterbinden. Und genau darauf achten, wem sie ihre Türen öffnen. Ein Kommentar.

          Weit über die Grenzen Frankreichs hinaus ist man froh gewesen, dass die Fußball-Europameisterschaft nicht von einem Terroranschlag getroffen wurde, wie er vielfach befürchtet worden war. Doch die Erleichterung nahm ein jähes Ende. Sie wich dem Entsetzen über Ausmaß und Brutalität der Tat von Nizza, vor allem aber über das Gefühl der Ausgeliefertseins und der Schutzlosigkeit, das sie verbreitet, verbreiten sollte.

          Wenn es stimmt, dass der Massenmord auf der Uferpromenade das Werk eines einzelnen, politisch motivierten Täters gewesen ist, der zuvor nur als Kleinkrimineller aufgefallen war, dann vervielfältigt sich der terroristische Albtraum. Dann müssen die freien Gesellschaften nicht nur mit der Bedrohung durch den Kraken „Islamischer Staat“ und seine bis nach Europa reichende Arme zu leben lernen. Diese Tentakel lassen sich, und schon das gelingt nicht immer, aufspüren, verfolgen und abschneiden. Der „einsame Wolf“ aber, der aus rasender Wut, zu Ehren Allahs oder zum eigenen Ruhm unter Missachtung auch des eigenen Lebens möglichst viele Menschen umbringen will, ist noch viel schwerer vor der Tat zu entdecken und von ihr abzuhalten. Die Sicherheitsdienste schauen auf diesen „Graswurzel-Terrorismus“ schon lange mit Sorge.

          Jetzt weiß jeder, dass ein Lastwagen genügt, um einen Nationalfeiertag in einen Tag des Schocks und der Trauer zu verwandeln. Möglicherweise hätte man die Amokfahrt verhindern können, wenn die Promenade mit einem Betonwall geschützt worden wäre wie die „Grüne Zone“ in Bagdad. Doch die einzigen, die wollen können, dass offene Gesellschaften sich einmauern, wenn sie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit feiern, sind die Terroristen.

          Die Mordtat von Nizza sollte den Westen nicht zu dem Fehlschluss verleiten, dass er sich jetzt ganz der Heimatfront widmen müsse und dass der Kampf gegen den IS in Arabien und Afrika nachrangige Bedeutung habe. Denn der IS liefert seinen Anhängern in aller Welt nicht nur den ideologischen Überbau. Er wird bis zum letzten Atemzug auch Kämpfer in den verhassten Westen schicken – und Hassprediger. Nicht erst seit der Tat von Nizza wissen die Drahtzieher des IS, dass es in den Städten Europas genügend junge Männer ausländischer Herkunft gibt, die für den Weltkrieg der Islamisten mobilisierbar sind, und das offenbar auch ohne direkten Kontakt. Diese Rekrutierung zu unterbinden ist die zentrale Aufgabe, die der Westen im Ringen mit dem Totalitarismus aus dem Morgenland bewältigen muss. Sie ist aber auch die schwierigste. Man hat es mit Menschen zu tun, die schon in westlichen Ländern geboren wurden, die trotz ihrer französischen oder deutschen Pässe aber in diesen Gesellschaften und Systemen nicht heimisch geworden sind. Doch wie will man verlässlich und im Rahmen der Gesetze all jene herausfiltern, die gefährdet sind, zu Gefährdern zu werden? Ein Übersehener und ein Zündschlüssel genügen, um ein Massaker anzurichten.

          Um so wichtiger ist es, dass Staaten genau darauf achten, wem sie ihre Türen öffnen. Der Verfassungsschutz machte im Flüchtlingsstrom des vergangenen Jahres 17 Personen aus, die im Auftrag des IS nach Europa gereist seien. Die Zahl der Migranten, bei denen wegen fehlender Perspektiven die Enttäuschung über den Westen programmiert ist, wird jedoch um ein Vielfaches höher sein. Wer aber zornige junge Männer aus der islamischen Welt in großer Zahl aufnimmt, muss wissen, dass einige von ihnen den Tod (mit-)bringen können, vielleicht auch erst in der nächsten Generation.

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