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Margot Käßmann : Zwischendurch Autogramme

Bild: dpa

Auf dem 33. Evangelischen Kirchentag hat Margot Käßmann ein so prall gefülltes Programm wie kaum ein anderer Teilnehmer. Aus der Rolle als Opfer nach ihrem Rücktritt schlägt sie längst, publizistisches und vielleicht bald wieder kirchenpolitisches Kapital.

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          Sie hat viel vor. Am Donnerstagmorgen eine Bibelarbeit vor Tausenden Bewunderern und dem Bundespräsidenten. Danach eine Lesung aus ihrem neuen Buch „Sehnsucht nach Leben“. Am Nachmittag die Diskussion „Schaffen militärische Interventionen Frieden?“. Von 22.30 bis 23 Uhr „Kerzenmeer, lichte Lieder und besinnliche Stille“ auf der MDR-Bühne am Altmarkt, gefolgt von „Nachtmusik und Nachtgedanken“ in der Kreuzkirche bis 24 Uhr.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Am Freitagvormittag „Kunst und Spiritualität“ im Festspielhaus Hellerau, am Abend „Liturgischer Abend mit Agapemahl“, danach ein Konzert in den Messehallen. Schließlich, am Samstagnachmittag, gibt sie „Impulse“ zum Thema „Liebe, Lust und Leidenschaft - Sexualität und Partnerschaften im Christentum und im Islam“ im Dresdner Kongresszentrum. Und zwischendurch Autogramme.

          Auf dem 33. Evangelischen Kirchentag hat Margot Käßmann ein so prall gefülltes Programm wie kaum ein anderer Teilnehmer. Und sie wird dabei so aufmerksam verfolgt wie kaum ein anderer, eingeschlossen ihren Nachfolger im Amt des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das hat mit dem Satz zu tun, den sie in Dresden in ihrer Neujahrspredigt 2010 sagte und an den sie seither oft erinnert: Nichts sei gut in Afghanistan. Und mit ihrer Kunst, sich eloquent an die Seite der Schwachen zu stellen, sich unter die Verlierer, die Opfer, zu reihen.

          Als ein solches gibt sie sich selbst aus - obwohl sie längst aus dieser Rolle Kapital schlägt, publizistisches und vielleicht bald wieder kirchenpolitisches. Da ist das Menschliche, Biografische: die Wirrnis des Schicksals. Und da sind die anderen: die Politiker, die Medien. Sie werde künftig nicht mehr die Kraft haben, „harsche Kritik“ auszuhalten, wenn sie sich politisch äußere, hatte sie im Frühjahr vorigen Jahres anlässlich ihres Rücktritts wegen Trunkenheit am Steuer geäußert. In ihrer Dresdner Bibelarbeit klagt Margot Käßmann dann, „das Herz ist in der pseudorationalen Mediengesellschaft in Verruf geraten“, „ach so pragmatische Tageszeitungen“ seien für einen Mangel an Visionen in der Gesellschaft mitverantwortlich. Nach jener Neujahrsansprache habe ihr Satz „nichts ist gut in unserem Land, wenn so viele Kinder arm sind“ nie Beachtung gefunden, nur der zu Afghanistan. Da ist er wieder, der Satz - in der Wirtschaft heißt das Branding.

          Die vormalige hannoversche Landesbischöfin plädiert für eine einfache Frömmigkeit: Leute in Nicaragua hätten das Evangelium, so wie sie es verstanden, erzählt. Das sei „präreflektierte Unmittelbarkeit“. Diesen Vorwurf habe ihr auch einmal jemand gemacht, sagt Margot Käßmann - sie finde es aber „eigentlich ganz schön“. Die Theologin berichtete auch, wie sie neulich in Amerika mit dem Dalai Lama über Glück diskutierte, „ein aktuelles Thema“. Einfach, natürlich und zugleich auf Augenhöhe mit einer Weltikone: Auch das ist Margot Käßmann.

          Die Veranstaltung zu militärischen Interventionen liegt etwas abgelegen und ist gleichwohl überfüllt. Nun sagt dort Margot Käßmann, die beste Prävention militärischer Konflikte sei: „Globale Gerechtigkeit für alle!“ Das Publikum ist begeistert. Ebenso, als sie ihr Wort von der „Phantasie für den Frieden“ um die Variante anreichert, es gelte „kreative Formen“ dafür zu finden, „wie wir mit Gewalt umgehen können“. „Religiös motivierte Vermittler“ hätten oft „verrückte Ideen“ zur Lösung von Konflikten.

          Schwieriger wird es für sie, als der Moderator fragt, wie sie sich in der Frage verhalten hätte, in Libyen zu intervenieren, um ein Massaker in Benghasi zu verhindern. Sie sei keine Expertin für Politik, ist die Antwort, sie wolle sich aber „eher schuldig machen“, wenn sie sich gegen eine Intervention entscheide, als wenn sie sich dafür entscheide. Der Grüne Tom Koenigs, ehemaliger UN-Sonderbotschafter für Afghanistan, bekommt mehr Applaus, als er sagt, er wolle lieber für eine missglückte Hilfeleistung kritisiert werden als für eine unterlassene. Margot Käßmann sagt, wer sich für Gewaltlosigkeit entscheide, sei „letztlich der größere Held“. Nachsatz: „Aber nicht jeder Mensch ist ein Held.“

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