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Mali-Krise : Hollandes Françafrique

Frankreich treibt eine Intervention in Mali voran, will sich aber im Hintergrund halten. Die Erwartungen an Berlin sind groß.

          3 Min.

          Seit dem Machtwechsel gibt sich Frankreich als geläuterte Kolonialmacht. Francois Hollande beschwört das Ende des als „Françafrique“ verrufenen Beziehungsgeflechtes aus Privilegien, Protektion und Korruption. Die hehren Vorsätze hindern Frankreich jedoch nicht, sich als Ordnungsmacht im früheren Kolonialreich zu behaupten. Die sozialistische Staatsführung in Paris treibt eine Militärintervention in Mali voran, als sei Frankreich wie eh und je zum Gendarmen in Afrika berufen.

          Dabei erprobt Hollande neue Wege, französische Sicherheitsinteressen im „afrikanischen Hinterhof“ zu wahren. Hollande kann mit größerer Gelassenheit als Nicolas Sarkozy gestalten, steht er als Neuling doch nicht unter Druck, Fehleinschätzungen zur „Arabellion“ wettmachen zu müssen. Hinzu kommt, dass das französisch-britische Verhältnis seit dem Libyen-Abenteuer merklich abgekühlt ist, und Hollande zur Befriedung und Stabilisierung Malis anders als sein Vorgänger nicht auf eine französisch-britische Interessengemeinschaft setzen kann.

          Kontinuität herrscht hingegen in der französisch-amerikanischen Beziehung. Seit dem Attentat auf den amerikanischen Botschafter in Bengasi unterstützt Washington das französische Drängen, gegen das Rückzugsgebiet der Terroristen im Norden Malis vorzugehen. Ähnlich wie bei der Libyen-Operation will Washington nicht führen, könnte aber Drohnen zur Verfügung stellen. Das entspricht den Erwartungen Frankreichs, das sich dieses Mal in der Rolle der grauen Eminenz gefällt, die aus dem Hintergrund schaltet und waltet.

          Die Sahara-Region in Nordwestafrika

          Hollande behagt es nicht, Frankreich in der Öffentlichkeit als militärische Führungsmacht zu exponieren. Die Regierung macht möglichst wenig Aufheben von der militärischen Planung für die bevorstehende Intervention, obwohl sie diese federführend leitet. In der in Paris ausgeheckten Aufgabenverteilung fällt es der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) zu, hinreichend Truppen für einen militärischen Einsatz aufzutreiben, an denen sich die französische Armee nicht beteiligen soll. Die von Frankreich ausgearbeitete, am 12. Oktober verabschiedete UN-Resolution sieht eine Frist von 45 Tagen vor, binnen derer nach einer Verhandlungslösung gesucht wird. Paris will gleichzeitig die militärischen Einsatzpläne ausarbeiten und die Vorbereitungen so schnell wie möglich abschließen. Die französische Armeeführung treibt zur Eile. Der Einsatz müsse rechtzeitig vor Beginn der Regenzeit Ende März 2013 begonnen haben, heißt es in Paris.

          EU soll aktiv beteiligt werden

          Obwohl Hollande den Franzosen weiszumachen versucht, dass bei ihm afrikanische Diktatoren verpönt sind, hat er enge Kontakte etwa zu Idriss Deby geknüpft, der seit 1991 im Tschad herrscht. Deby verdankt seine lange Amtszeit militärischer Hilfe der früheren Kolonialmacht. Das macht ihn zu einem typischen Repräsentanten der „Francafrique“, deren Ende Hollande eigentlich verkündete. Doch Ende Oktober will er Deby in Paris empfangen, weil er über gut ausgebildete, im Wüstenkampf erfahrene Truppen verfügt.

          Andere „schwarze Schafe“ unter den afrikanischen Staatschefs finden dank der Mali-Planungen zurück nach Paris. Der Präsident Burkina Fasos, Blaise Compaoré, wurde gar zum „Vermittler“ der Ecowas bestimmt. Hollande will auch die algerische Staatsführung überzeugen, dass eine Militärintervention gegen die Dschihadisten im Norden Malis notwendig ist. Präsident Bouteflika aber wirft Paris vor, dass es durch die militärische Hilfe zum Sturz des Gaddafi-Regimes erst die Kräfte freigesetzt hat, die es jetzt bekämpfen will. Der Zugang zu den libyschen Waffenarsenalen habe den Terroristen und Tuareg ermöglicht, den Norden Malis zu erobern. Paris hofft, dass Algier das militärische Eingreifen wenigstens dulden und Hilfe bei der Aufklärung leisten wird. Ein Besuch Hollandes in Algier Anfang Dezember soll den Durchbruch bringen.

          Bei der neuen Lastenverteilung will Frankreich nicht nur die afrikanischen Staaten, sondern auch Europa stärker einbinden. Hollande strebt an, die EU aktiv an der logistischen und planerischen Gestaltung der Militärintervention zu beteiligen. Als Vorbild gilt ihm die EU-geführte Operation Atalanta zu Bekämpfung der Piraterie vor der Küste Somalias.

          Das Argument Frankreichs, nur 1200 Kilometer vom europäischen Kontinent entfernt kein „zweites Afghanistan“ entstehen zu lassen, ist nicht von der Hand zu weisen. Sollte der Norden Malis zu einem sicheren Rückzugsgebiet und zu einem leicht erreichbaren Ausbildungslager für junge Dschihadisten aus Europa werden, wären die Sicherheitsinteressen aller EU-Staaten bedroht. Anders als vor dem Libyen-Einsatz können sich die EU-Staaten nicht vom Vorgehen des französischen Präsidenten überrumpelt fühlen. Die an Deutschland gerichteten Erwartungen sind besonders groß, nachdem die Bundesregierung sich zum Libyeneinsatz enthalten hatte. Allerdings sollte Hollande daran erinnert werden, dass sein Ruf nach europäischer Unterstützung noch überzeugender wäre, wenn er der „Francafrique“ wirklich entsagen würde.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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