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Till Fähnders (fäh.)

Verschollenes Passagierflugzeug : Blackbox

Suchoperation der amerikanischen Kriegsmarine: Von der Boeing 777 fehlt weiterhin jede Spur. Bild: REUTERS

Das Verschwinden der Malaysia-Airlines-Maschine wirft immer mehr Fragen auf. Wie kann es möglich sein, dass in unserer angeblich überkontrollierten Welt ein Flugzeug so lange verschollen bleibt?

          Jede Flugreise beginnt mit dem Hinweis, dass sämtliche Telefone und elektrischen Geräte ausgeschaltet werden müssen. Der Innenraum eines Flugzeugs ist eine der letzten handyfreien Zonen in unserem vollvernetzten Leben. Viele schneiden das digitale Band, über das wir ständig mit neuen Feeds, Tweets und Statusmeldungen versorgt werden, zunächst nur widerwillig durch. Doch dann empfindet mancher es als durchaus angenehm, nicht ständig auf einen kleinen Bildschirm stieren zu „müssen“.

          Angeschnallt im Passagiersitz, ist der Mensch plötzlich von den Fesseln der Massenkommunikation befreit. Keine Anrufe von Freunden, keine E-Mails von Kollegen, die umgehend beantwortet werden sollen. Stattdessen ein Buch, ein Film, eventuell die Arbeit an einem Text, der bislang wegen mangelnder Konzentrationsfähigkeit liegengeblieben war. Und es kommt noch besser: Auch die Geheimdienste, die uns angeblich überall und jederzeit hinterherschnüffeln, haben es nicht mehr ganz so leicht. Denn wo es keine Kommunikation gibt, kann sie auch nicht abgehört werden. Das Flugzeug wird zum „Panic Room“ einer überreizten und paranoiden Seele.

          Ein technisches Phänomen

          Im Lichte des Flugs MH370 bekommt diese Abkopplung vom Netz wie aus heiterem Himmel plötzlich eine bedrohliche, beängstigende Dimension. Wie kann es sein, dass in unserer angeblich so überkontrollierten Welt ein Flugzeug mehr als eine Woche lang verschwunden bleibt? Scheinbar spurlos, in einem Bermudadreieck der Lüfte, ohne dass Dutzende Schiffe, Flugzeuge und Hubschrauber, die aus aller Herren Ländern geschickt wurden, auch nur einen brauchbaren Hinweis gefunden hätten?

          Überspitzt gesagt: Wo ist eigentlich die NSA, wenn man sie braucht? Und hat nicht jeder der 239 Menschen an Bord, die wenigen Kleinkinder ausgenommen, mindestens ein Handy in der Tasche? Klar, die wurden ja zu Beginn des Fluges abgeschaltet. Aber wie chinesische Angehörige berichteten, ertönt unter den Nummern mancher Passagiere immer noch ein Freizeichen. Wie kann das sein? Ein technisches Phänomen, sagen die Fachleute. Aber warum lassen sich weder diese Mobiltelefone noch die Blackbox oder irgendetwas anderes in dem Flugzeug orten? Die Antwort fällt schwer: weil jemand es nicht will. Und weil es sie eben doch noch gibt, die weißen Flecken auf der Landkarte der weltweiten Mobilfunknetze, die digitalen schwarzen Löcher.


          Flug MH370 von Malaysia Airlines


            Was ist passiert?

            Der Flug MH370 von Malaysia Airlines verschwand auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking am 8. März 2014 um 2.40 Uhr Ortszeit vom Radar. Bislang sind weder das Flugzeug noch Überreste der Maschine entdeckt worden

            In welchem Zustand befand sich das Flugzeug?

            Die Boeing 777-200ER („Extended Range“) wird von vielen Fluggesellschaften für Langstreckenflüge genutzt und ist ein äußerst zuverlässiges Flugzeug. Die Maschine mit der Kennung 9M-MRO war nach Angaben von Malaysia Airlines im Hangar in Kuala Lumpur am 23. Februar 2014 zuletzt gewartet worden. Mechaniker hätten beim sogenannten A-Check keinerlei Probleme an der Maschine entdeckt. Der nächste Check sei erst am 19. Juni 2014 fällig gewesen. Die Maschine war 2002 ausgeliefert worden und hatte gut 53.000 Flugstunden hinter sich. Am 9. August 2012 kollidierte das Flugzeug mit einem Airbus A340, woraufhin die rechte Tragflächenspitze abriss. (dpa)

            Wie viele Menschen waren an Bord?

            Von den 239 Menschen an Bord waren 227 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder. Die meisten der Passagiere stammen aus China (152), weitere Opfer aus Malaysia (38, davon gesamte Besatzung), Indonesien (7), Australien (6), Indien (5), Frankreich (4), den Vereinigten Staaten (3), Iran (2), Kanada (2), Neuseeland (2), Ukraine (2), Taiwan (1), Niederlande (1), und Russland (1). Die Identität einer Person ist ungeklärt. Ein Passagier war mit einem chinesischen Pass an Bord, dessen Inhaber allerdings den Pass weder als gestohlen gemeldet noch seine Heimat, die Provinz Fujian, verlassen hatte. Zwei Iraner, die mit gestohlenen Pässen eines Österreichers und eines Italieners an Bord gekommen waren, wurden zunächst verdächtigt, Terroristen zu sein. Sie suchten aber wohl nach Asyl in Europa und gehörten offenbar keiner terroristischen Organisation an.

            Welche Ursachen kann das Verschwinden haben?

            Bisher wurden mehrere Theorien aufgestellt: 1. Das Flugzeug ist durch einen terroristischen Anschlag zerstört worden. Dagegen spricht die Tatsache, dass vom Pentagon bei der weltweiten Satellitenüberwachung des Luftraums keine Lichtblitze registriert worden, die auf eine Explosion hindeuten. 2. Einer der Piloten wollte Selbstmord begehen. Dagegen sprechen die Änderung der Flugroute und der über mehrere Stunden fortgeführte Flug. 3. Die Maschine verunglückte durch einen technischen Fehler. Dagegen sprechen ebenfalls der Kurswechsel und die weitere Flugzeit. 4. Die Maschine verunglückte in schweren Turbulenzen. Dagegen sprechen das gute Wetter und die weitere Flugzeit. 5. Das Flugzeug wurde entführt und ist über dem Ozean verunglückte. Auch für diese These gibt es keine Anhaltspunkte.

            Wie kann ein Flugzeug einfach verschwinden?

            Welche Technik an Bord moderner Verkehrsflugzeuge Daten aufzeichnet und kommuniziert, haben wir in einem Artikel zusammengefasst.

            Wie groß ist der Schaden für die Airline?

            Dem „Handelsblatt“ zufolge bestätigte die Allianz-Versicherung, dass sie ein Konsortium aus verschiedenen Versicherern von Malaysia Airlines anführt. Die Versicherungssumme belaufe sich unbestätigten Angaben zufolge auf insgesamt rund 100 Millionen Dollar (etwa 72 Millionen Euro), es sei aber unklar, welchen Anteil daran die Allianz trage. In der Luftfahrtversicherung ist es demnach üblich, die Versicherungssummen an Fluggesellschaften und Angehörige von Insassen im Schadensfall früh auszuzahlen. Die Auszahlung an die Fluggesellschaft sowie an die Angehörigen der insgesamt 239 Insassen der Maschine von Malaysia Airlines wurde bereits im März 2014 abgeschlossen. Der Schaden für Malaysia Airlines ist kaum zu beziffern. Auf Flug MH370 folgte der übver der Ukraine abgeschossene Flug MH17. Die doppelte Katastrophe könnte die ohnehin angeschlagene Fluggesellschaft endgültig in die Knie zwingen. (AFP)

          Es gibt nur weniges, was wir über die Vorgänge an Bord der „Triple Seven“ wissen. Eines davon ist, dass jemand auf dem Flugzeug mit Absicht alle verfügbaren Kommunikationsmittel abgeschaltet hat, die eine Identifizierung und Ortung des Flugzeugs möglich gemacht hätten. Zuerst das „Aircraft Communications Addressing and Reporting System“ (ACARS). Off. Erst 14 Minuten später den „Transponder“. Ebenfalls off. Erst dann kam der letzte, im Nachhinein in seiner Normalität so unheimlich wirkende Funkspruch: „Alles klar, gute Nacht.“

          Dabei sind von Beginn an von den Behörden Fehler gemacht worden. Angefangen damit, dass sich zwei Menschen mit gestohlenen Pässen an Bord schmuggeln konnten. Doch wie sich herausstellte, haben sie mit dem ungeklärten Verbleib des Flugzeugs wohl nichts zu tun. Denn auch das zeigt das Verschwinden des Flugzeugs MH370: dass das digitale Zeitalter eines der Verschwörungstheorien ist. Keine Spekulation ist zu abstrus, als dass sie nicht irgendjemand aufgestellt hätte, keine Wahrheit so gesichert, als dass sie nicht von irgendjemandem angezweifelt würde. Dabei gibt es das in Wirklichkeit natürlich nicht: spurlos.

          Keine Daten über Ort, Identität oder Route

          Die zivile Luftfahrtbehörde in Malaysia hat das Flugzeug noch so lange auf dem Radar gehabt, bis es in den vietnamesischen Luftraum einflog. Am Ende registrierte ein Satellit noch sogenannte Pings. Sie enthalten aber keine Daten über Ort, Identität oder Route des Flugzeugs.

          Ein Hoffnungsschimmer? Man weiß nur, wie weit das Flugzeug zu diesem Zeitpunkt von dem Satelliten entfernt geflogen ist und wie lange noch nach der letzten Kontaktaufnahme, nämlich etwa sechseinhalb Stunden. Zudem kann man berechnen, wie weit das Flugzeug mit seiner Tankfüllung noch gekommen sein könnte. Das Ergebnis ist ein zweigeteiltes Gebiet, das sich von Nordthailand über einen Bogen bis an die Grenzen von Kasachstan und Turkmenistan erstreckt. Der andere Bogen läuft im Süden von Indonesien weit in den Indischen Ozean hinein.

          Irgendwo dort, auf dem „tiefen und abgelegenen Ozean“, wie der malaysische Verkehrsminister treffend formulierte, muss MH370 sich verstecken. Auf dem Meeresboden. Oder in den Bergen, den Wäldern Zentralasiens: viele, viele „schwarze Löcher“. Manche halten es zwar für unwahrscheinlich, dass das Flugzeug in den Norden gelenkt worden sein könnte. Über Land müsste es doch von einem der Radargeräte erfasst worden sein, von China, Indien, Pakistan, die über moderne Technik zur Überwachung ihres Luftraums verfügen sollten. Aber angesichts der vielen Mysterien um diesen Flug lässt sich auch das nicht ausschließen. Jeder wird daran denken, wenn er das nächste Mal sein Handy ausschaltet.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

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