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Mahnmal-Eröffnung : Steine auf dem Weg des Gedenkens

  • -Aktualisiert am

Ein Rabbi am Mahnmal Bild: dpa/dpaweb

Am Tag der Eröffnung des Holocaust-Mahnmals schweigen die alten Feinde des Projekts. Der Weg zum Mahnmal war voller Eklats und erregter Auftritte.

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          Was Peter Eisenman seinem Zahnarzt in New York demnächst über seinen Auftrag in Berlin erzählt, das wüßte man gern. Daß nämlich sein Zahnarzt bei Erwähnung der Firma Degussa, die den Graffitischutz für das von Eisenman gestaltete Stelenfeld geliefert hat, an Zahngold denkt, gab Eisenman zur Auflockerung der oft biestigen Stimmung im Kuratorium der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas zum besten.

          Er mußte sich danach vielmals dafür entschuldigen, weil der Scherz in Berlin gar nicht gut ankam. Wie dem Architekten des am Dienstag feierlich eröffneten Mahnmals die Debatten vorkommen, in die er verwickelt wurde, seitdem er im Sommer 1999 durch einen Beschluß des Bundestags diesen Auftrag erhielt, behält er seitdem öfter für sich. Zärtlich-spöttisch bedankte er sich beim „Boss“, dem Vorsitzenden des Stiftungskuratoriums, Thierse, der ihn mehrfach zu seriösem Benehmen gemahnt habe, mit dem er jedoch gern zusammengearbeitet habe.

          Stelen keine Grabmale

          Noch am Vortag der Eröffnung mußte Eisenman Versuche abwehren, sein Bauwerk symbolisch zu verstehen. Die Fragen der internationalen Presse an ihn waren sichtlich von der sprechenden Architektur Daniel Libeskinds geprägt, der den Neubau des außerordentlich erfolgreichen Jüdischen Museums in Berlin entworfen hatte: Nein, die Stelen stellten keine Grabmale dar, nein, daß es 2711 sind, habe keinerlei Bedeutung, nein, er wolle die Opfer nicht demütigen, indem er ihre Namen nicht auf die Stelen schrieb, und so weiter.

          Der Bühnenschriftsteller Rolf Hochhuth warf Eisenman am Montag gar erregt vor, die Namen der Opfer bewußt verschwiegen zu haben - wie die Nazis. Offenbar hatte er nicht gelesen, was in den vergangenen Tagen in vielen Zeitungen ausgiebig dargestellt worden war: Daß in Zusammenarbeit mit der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem deren Namenssammlung aller ermordeten Juden im „Ort der Information“, der Ausstellungshalle unter dem Stelenfeld, zugänglich ist und daß in einem von vier Räumen der Ausstellung unablässig die Namen und Schicksale von 800 Ermordeten genannt und geschildert werden. Als Eisenman und Thierse Hochhuths Informationslücken gefüllt hatten, war dieser es zufrieden, und so geht es inzwischen offenbar vielen, die in den neunziger Jahren vehement für einen anderen Entwurf und gegen Eisenmans abstraktes Kunstwerk gestritten hatten.

          Eklats und erregter Auftritte

          Am Tag der Eröffnung sah es so aus, als seien die alten Feinde des Denkmals inzwischen mit ihm versöhnt. Der Weg dorthin war voller Eklats und erregter Auftritte, die den Beteiligten das Blut in die Wangen trieben, heute jedoch kaum mehr memorabel sind. Die glückliche Fertigstellung des Mahnmals hat selbst alte Gegner nicht noch einmal auf den Plan gerufen, etwa den langjährigen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, mit seiner Abwehr gegen eine „Mahnmalmeile“ oder den Publizisten Rafael Seligmann.

          Noch immer wird aber die Meinung vorgetragen, es sei der große Nachteil des Bauwerks, nur an eine Opfergruppe zu erinnern. Doch ist es inzwischen möglich, darüber ohne Tremolo und Vorwurf zu sprechen und für die Zeit nach der Fertigstellung des Mahnmals Konzeptionen zu erarbeiten. Es werde sich zeigen, sagte etwa der israelische Botschafter in Berlin, Shimon Stein, ob dieses Kunstwerk der richtige Weg des Gedenkens sei.

          „Topographie des Terrors“

          Für Berliner Verhältnisse ist der Eisenman-Bau trotz der 17 Jahre währenden Vorbereitung eine Erfolgsgeschichte. Die eigentlichen Bauarbeiten dauerten nicht einmal zwei Jahre, und weder die umstrittene Aktion von Lea Rosh, die 2001 mit einem Großplakat mit der Aufschrift „Den Holocaust hat es nie gegeben“ um Spenden für das Mahnmal zu werben versuchte, noch der Streit über die Frage, ob ausgerechnet die am Holocaust beteiligte Firma Degussa an der Errichtung des Mahnmals beteiligt sein dürfe, haben den Zeit- und Kostenplan durcheinandergebracht.

          Das ist eine Leistung, denn in Berlin wird längst nicht jede Idee verwirklicht, auch nicht jede gute. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas gehört nun zum Bestand dessen, was in der Stadt gelungen ist. Etwa zur selben Zeit wie der Gedanke, in der neuen Bundeshauptstadt an die jüdischen Opfer der Naziherrschaft zu erinnern, war auch der Plan entstanden, auf dem Grundstück der Gestapo, der SS und des Reichssicherheitshauptamtes die „Topographie des Terrors“ zu zeigen.

          Eine fast sensationelle Neuigkeit

          Inzwischen sind die Treppenhäuser des Architekten Zumthor abgerissen, dessen Entwurf nicht gebaut werden konnte, und als am Montag Andreas Nachama, der Geschäftsführende Direktor der Topographie-Stiftung, sagte, der Wettbewerb für ein neues, schneller und leichter zu bauendes Haus könne womöglich bis zum Ende dieses Jahres fertiggestellt werden, war das eine fast sensationelle Neuigkeit.

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