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Mahnmal-Eröffnung : Chronik eines Mahnmals

Es war ein langer und steiniger Weg zum Holocaust-Mahnmal in Berlin. Bereits vor 17 Jahre, am 24. August 1988, entstand die Idee in einer Podiumsdiskussion im alten West-Berlin. Eine Chronik der Entstehung.

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          Die Idee für das am Dienstag der Öffentlichkeit übergebene „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, im Laufe einer 17 Jahre währenden Gedenkdebatte auch „Holocaust-Mahnmal“ genannt, entsteht am 24. August 1988 in einer Podiumsdiskussion im alten West-Berlin.

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          In jener Veranstaltung, die sich mit der Gestaltung des an den damaligen Mauerstreifen grenzenden Prinz-Albrecht-Geländes beschäftigt, fordert die Journalistin Lea Rosh, an diesem „Ort der Täter“ als „weithin sichtbares Zeichen“ ein Mahnmal für die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden zu errichten.

          Ein geeigneter Platz

          Der 1936 in Berlin geborenen Publizistin erscheint diese Fläche vor allen anderen geeignet, weil von hier aus, von der Zentrale der Geheimen Staatspolizei und vom Reichssicherheitshauptamt, von SD und SS der Völkermord an den Juden Europas geplant und organisiert wurde. Ihr Vorschlag mündet in eine Unterschriftensammlung und der Gründung der Bürgerinitiative „Perspektive Berlin“, deren Vorsitzende Lea Rosh ist.

          Am 7. November 1989 wird aus der „Perspektive Berlin“ ein „Förderkreis zur Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas“. Dem Förderkreis steht Lea Rosh vor, im Kuratorium sitzen unter anderen der damalige Daimler-Benz-Vorstandsvorsitzende Edzard Reuter, der Schriftsteller Siegfried Lenz und der Historiker Eberhard Jäckel. Der Förderkreis wirbt erfolgreich in Anzeigen und bei Politikern wie Bundeskanzler Kohl, die für das Vorhaben entscheidend sind, für den Bau des Denkmals.

          Der angemessene Ort

          Im Januar 1990 verwirft der Förderkreis den Plan, das Mahnmal im ehemaligen Viertel von SS, SD und Gestapo zu bauen. Als neuer Standort werden die ehemaligen Ministergärten südlich des Brandenburger Tores vorgeschlagen. Dort, wo bis 1945 die Dienstvilla von Hitlers Propagandaminister Goebbels stand, soll das Mahnmal entstehen. Gleichzeitig mit der Suche nach einem angemessenen Ort des Gedenkens entwickelt sich in den folgenden vier Jahren unter den Opfergruppen des NS-Regimes ein heftiger Streit über die Widmung der Erinnerungsstätte.

          Während der Zentralrat der Sinti und Roma eine Einbeziehung der Zigeuner in das Mahnmal fordert, besteht der Förderkreis, unterstützt vom Zentralrat der Juden in Deutschland, auf einer Gedenkstätte allein für die ermordeten Juden Europas. In dem Streit stellt sich Bundeskanzler Kohl am 14. September 1993 auf die Seite des Förderkreises und des Zentralrates der Juden.

          Die architektonischen Gestaltung

          Schwieriger noch als die Entscheidung über Ort und Zueignung des Denkmals erweist sich die Suche nach der architektonischen Gestaltung. Am 18. April 1994 loben Bundesregierung, das Land Berlin und der Förderkreis einen künstlerischen Wettbewerb aus. Die Kosten werden auf 16 Millionen Mark geschätzt, von denen die Hälfte aus Spenden der deutschen Bevölkerung gedeckt werden soll. Bis zum Ende der Ausschreibungsfrist im Oktober sind 528 Arbeiten von Architekten und Bildhauern eingegangen, darunter Entwürfe, die ein Riesenrad mit Güterwaggons oder einen Davidstern von 120 Metern Durchmesser vorschlagen oder gar einen Davidstern mit einem Hakenkreuz in der Mitte.

          Aus den eingereichten Entwürfen wählt das Preisgericht am 16. März 1995 zwei Arbeiten als gleichwertig aus. Der Architekt Simon Ungers schlägt ein 85 mal 85 Meter großes Quadrat von vier Stahlträgern vor, in die die Namen der Vernichtungslager spiegelbildlich eingestanzt sind, so daß das einfallende Sonnenlicht sie sichtbar macht. Der Entwurf einer Berliner Künstlergruppe um Christine Jackob-Marks sieht eine elf Meter hohe, 20000 Quadratmeter große schiefe Ebene aus Beton vor, in die sämtliche Namen der von den Nationalsozialisten ermordeten Juden eingraviert werden sollen. Der bald als „Grabplatte“ gescholtene Entwurf wird vom Berliner Senat und dem Förderkreis favorisiert, weil „er die Opfer aus der Anonymität“ hole. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Bubis, geißelt den Entwurf hingegen in scharfer Form: „Geschmackloser geht es nicht.“

          Neuer Wettbewerb

          Auch Kohl lehnt den Entwurf nach einem Gespräch mit Berlins Regierendem Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) am 30. Juni 1995 als „nicht akzeptabel“ ab. Nach etlichen Diskussionen und mehreren Kolloquien wird im Juni 1997 ein neuer Wettbewerb eingeleitet. Am 15. November 1997 werden vier Entwürfe ausgewählt, darunter der Entwurf eines Stelenfelds des amerikanschen Architekten Peter Eisenman und des Bildhauers Richard Serra, der Kohl am besten gefällt.

          Auf Wunsch Kohls muß der Entwurf jedoch stark überarbeitet und die Zahl der Stelen auf 2711 verringert werden. Serra verläßt daraufhin das Projekt. Zugleich rufen im Februar 1998 zahlreiche Intellektuelle wie Marion Gräfin Dönhoff und Günter Grass in einem offenen Brief zum Verzicht auf das Mahnmal an. Dieser Forderung schließt sich indirekt der Regierende Bürgermeister Diepgen in einem Gespräch mit dieser Zeitung am 19. März 1998 an. Die Entwürfe hätten ihn nicht davon überzeugt, „daß es möglich ist, sich mit diesem Grauen künstlerisch auseinanderzusetzen“.

          Baubeginn 2003

          Im Zentrum der Hauptstadt dürfe zudem keine „Mahnmalmeile“ entstehen. Mit dieser Haltung stellt sich Diepgen mitten im Bundestagswahlkampf offen gegen Kohl. Am 24. August 1998 teilt Diepgen dem Bundeskanzler in einem Gespräch mit, daß er Eisenmans Entwurf nicht zustimmen könne. Beide beschließen, die Entscheidung über die Gestaltung des Mahnmals bis nach der Bundestagswahl zu verschieben. Am 25. Juni 1999 beschließt der Bundestag das Denkmal nach dem überarbeiteten Entwurf (“Eisenman II“) zu errichten.

          Auch sollte das Denkmal um einen Ort der Information ergänzt werden, den der neue Staatsminister für Kultur, Michael Naumann (SPD) vorgeschlagen hatte. Am 4. April 2003 beginnen die Bauarbeiten, für die der Bundestag im November 2000 mehr als 27 Millionen Euro bewilligt hatte.

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