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Kinderwunsch : „Männer schrecken vor Familiengründung zurück“

  • Aktualisiert am

Familie: Jeder vierte Mann verweigert sich Bild: picture-alliance/ dpa

Erst waren die jungen Akademikerinnen schuld, nun sind es die Männer: Laut einer aktuellen Studie der Bosch-Stiftung scheuen die deutschen Männer davor zurück, eine Familie zu gründen. Jeder vierte will kinderlos bleiben.

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          Die Schuld für die geringe Geburtenrate in Deutschland liegt einer Untersuchung zufolge vor allem beim „starken“ Geschlecht: „Männer schrecken vor der Familiengründung zurück“, erklärte Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, am Mittwoch in Berlin bei der Präsentation einer Studie zur Familienpolitik.

          Demnach will jeder vierte Mann in Deutschland kinderlos bleiben. Bei den Frauen will hingegen jede siebte keinen Nachwuchs, in Ostdeutschland sogar nur jede siebzehnte. Auch bei der gewünschten Anzahl der Kinder unterscheiden sich die Geschlechter: Während Männer sich im rechnerischen Durchschnitt nur noch 1,59 Kinder wünschen, wollen Frauen immerhin 1,75 Kinder. Beide liegen damit aber immer noch über der tatsächlichen Geburtenrate von 1,37 Kindern je Frau. Nirgendwo in Europa ist der Kinderwunsch damit kleiner als in Deutschland.

          „Kinder senken den Status“

          Eine Mehrzahl der Befragten rechne nicht damit, daß ein Kind beziehungsweise ein weiteres Kind die Lebensfreude und -zufriedenheit verbessern würde, und die weitaus meisten erwarteten auch nicht eine Verbesserung ihres Ansehens infolge einer (weiteren) Geburt. Die meisten rechnen für diesen Fall mit einer finanziellen Verschlechterung für sich. „Kinder senken den Status,“ folgerte die Geschäftsführerin der Bosch-Stiftung.

          Auf die Frage, welche Unterstützung für Eltern mit Kindern erwartet werde, nennen die meisten (etwa 90 Prozent) bessere Teilzeitarbeitsmöglichkeiten und flexiblere Arbeitszeiten. Staatliche Geldtransfers werden seltener genannt, wie ein einkommensabhängiger Familienzuschuß oder niedrigere Steuern (85 Prozent) oder Geld für Eltern, die ihre Berufstätigkeit aufgeben, solange die Kinder klein sind (81 Prozent). Was Tagesbetreuung betrifft, so wird sie für Kinder zwischen drei und sechs Jahren ofter (87 Prozent) gewünscht als für Kinder unter drei (79 Prozent). Allerdings sind die Wünsche je nach Familiensituation differenziert: Kinderreiche (drei und mehr Kinder) wünschen sich eher mehr Geld, Ein-Kind-Familien eher eine bessere "Infrastruktur". Hochschulabsolventinnen nennen vor allem "Infrastruktur" und "Zeit" als Bedürfnisse, Frauen ohne Abschluß wünschen Geld.

          Unsicherer Job, unsichere Zukunft

          Als Gründe gegen Kinder nannten von den befragten in Partnerschaft lebenden 20- bis 49-Jährigen ohne Kinderwunsch etwa 60 Prozent, daß sie einen sicheren Arbeitsplatz benötigten. Etwa jeder zweite gebe an, er mach sich zu viele Sorgen darüber, welche Zukunft die eigenen Kinder erwarten, ebenso viele sagte, sie wollten ihren jetzigen Lebensstandard beibehalten. Nur etwa jeder Dritte argumentiert, er oder sie sei zu alt oder die eigene finanzielle Situation erlaube es nicht; etwa jeder Vierte gibt an, es wäre mit der eigenen Berufstätigkeit unvereinbar. Von allen Befragten zwischen 20 und 49 Jahren erwarten 60 Prozent der Männer und 65 Prozent der Frauen, ihre finanzielle Situation würde schlechter.

          Mehr Fürsorge und Sicherheit im Alter erwarten die meisten Deutschen laut Studie nicht dadurch, daß sie selbst ein (weiteres) Kind bekommen: 61 Prozent der Kinderlosen, 78 Prozent der Eltern antworteten „weder besser noch schlechter“; 33 beziehungsweise 15 Prozent rechneten mit einer Verbesserung, sechs beziehungsweise sieben Prozent mit eienr Verschlechterung.

          Mehr Lebensfreude durch Kinderlose

          Bei der Frage nach der Lebensfreude ergibt sich eine Differenzierung zwischen Kinderlosen und Paaren, die schon Kinder haben: Bei Kinderlosen erwarteten immerhin 44 Prozent eine Verbesserung durch eine Geburt in den nächsten drei Jahren, 10 Prozent eine Verschlechterung, 46 Prozent antworteten „weder besser noch schlechter“. Der Weder-Noch-Wert steige bei Eltern mit einem Kind (65 Prozent) und bei Eltern mit zwei oder mehr Kindern (72 Prozent) deutlich, während die Erwartung höherer Lebensfreude entsprechend sinke (23 beziehungsweise 12 Prozent).

          Im europäischen Vergleich fällt auf, daß zwar in den anderen Ländern der Kinderwunsch-Wert höherliegt, etwa in Italien (1,86; 1,92) oder Polen (2,29; 2,33). Zugleich liegt das statistische Geburtenniveau, also die Zahl der Geburten je Frau, noch unter diesem Wert, und zwar nicht nur in Deutschland (1,37), sondern niedriger noch in Italien (1,33) und in Polen (1,23).

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