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Macron in Frankfurt : Der Mensch lebt nicht nur von Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit

Gut gelaunte Europäer: Macron und Merkel in Frankfurt Bild: Reuters

Emmanuel Macron plädiert in Frankfurt für eine erneuerte Souveränität Europas – und trägt Angela Merkel eine wichtige Rolle an.

          3 Min.

          Für seinen ersten Besuch als französischer Präsident in Frankfurt hat es Emmanuel Macron an die Goethe-Universität gezogen. Der 39 Jahre alte Staatschef hatte in jungen Jahren mit einer Universitätskarriere geliebäugelt, noch immer schätzt er den Austausch mit Studenten besonders. In seinem Präsidentschaftswahlkampf mit dem Alleinstellungsmerkmal des überzeugten Europäers markierte sein Auftritt an der Humboldt-Universität in Berlin zum Jahresbeginn eine wichtige Etappe auf dem Weg in den Elysée-Palast. Noch entscheidender für seine Amtszeit als Präsident dürfte aber die Europa-Rede an der Sorbonne-Universität in Paris gewesen sein, die er vor genau zwei Wochen hielt. Für die Zukunft der Europäischen Union erkannte er am 26. September „nur Horizonte, keine roten Linien“.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Für die Neugründung des europäischen Projekts für die Jugend sei die Universität „zweifelsohne ein idealer Ort“, sagte die Präsidentin der Goethe-Universität, Brigitta Wolff, am Dienstag gleich zum Auftakt. Macron war verspätet eingetroffen, weil er am Frankfurter Römer noch spontan Schaulustigen die Hand geschüttelt und sich ausgetauscht hatte. Wolff begrüßte die Idee Macrons, dass bis 2024 die Hälfte der Altersgruppe bis 25 Jahre mindestens sechs Monate in einem anderen europäischen Land verbracht haben sollte. „Frankreich hat immer die Rolle gespielt, europäische Ideen zu unterbreiten und dann einen Kompromiss mit Deutschland zu suchen“, erläuterte Macron. „Wir brauchen Visionen“, sagte der Präsident. Die Debatte in Frankfurt, das hatte der Elysée-Palast vorweggeschickt, erfolgte in einem „Schlüsselmoment“. Von der Rezeption seiner Ideen in Deutschland hängt für Macron viel ab. Tatsächlich verfolgt der Präsident gebannt, wie die deutsche Öffentlichkeit seine „Initiative für Europa“ aufnimmt.

          Kultur und Wissen als Fundament Europas

          Im mit Studenten aus allen Fachrichtungen gefüllten Festsaal der Goethe-Universität ließ Macron sich von dem Islamforscher Gilles Kepel und dem früheren grünen Europaabgeordneten Daniel Cohn-Bendit einhegen. Für letzteren reiste der Präsident sogar früher als offiziell angekündigt an den Main. Schon am Vormittag fand er sich im Café „Metropol“ zu Dreharbeiten zu einem von Cohn-Bendit produzierten Film über den Mai 1968 ein. Als Erbe der Achtundsechziger fühlt sich der 1977 geborene Macron nicht, aber ihn fasziniert sichtlich die Leichtigkeit, mit der Cohn-Bendit von der französischen in die deutsche Sprache und Kultur wechselt. Für ihn bildet die gegenseitige Sprachkenntnis die beste Grundlage europäischen Zusammenhalts. „Den besten Zement in der EU bilden immer noch die Kultur und das Wissen. Statt die Sprachenvielfalt zu beklagen, sollten wir sie als Chance begreifen“, hatte er an der Sorbonne gesagt. In Frankfurt wiederholte er, dass freie Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit allein Europa nicht zusammenhalten vermögen, auch wenn sie bereits eine Herausforderung bildeten. „Die Debatte über einen Haushalt für die Eurozone ist zweitrangig“, sagte er. Viel wichtiger sei es, zu einer echten europäischen Souveränität zusammenzufinden. „Deshalb müssen wir uns die Frage stellen, was wir gemeinsam machen wollen“, sagte er. „Wir müssen nicht zum Arzt gehen, weil wir eine Vision haben“, so Macron. Er wolle die Debatte jetzt in Deutschland führen und lade Angela Merkel ein, in Frankreich Debatten über die Zukunft Europas zu organisieren. Am späten Nachmittag blieb Macron Zeit zu einem persönlichen Austausch mit der Bundeskanzlerin, mit der er am Abend die Frankfurter Buchmesse eröffnete.

          „Wir brauchen Visionen“: Emmanuel Macron an der Goethe-Universität in Frankfurt

          An der Universität zeigte Macron, wie sehr ihn der islamistische Terrorismus beschäftigt. Er gestand Fehler in der Vergangenheit ein, da es an einer europäischen Strategie für den Nahen und Mittleren Osten gefehlt habe. „Wir haben uns durch die Unfähigkeit ausgezeichnet, unsere Nachbarschaft zu dieser Region anders als in neokonservativen Kategorien zu denken“, sagte Macron. Auch wenn Deutschland und Frankreich sich nicht am Irak-Krieg beteiligt hätten, seien sie ohne alternatives Denkmuster geblieben. Das will Macron künftig ändern und eine europäische Sicherheitskultur entstehen lassen. Den Libyen-Krieg bezeichnete er als Fehler. „Wir verwalten heute die Folgen einer Militärintervention, die ohne politische Vision geführt wurde“, sagte er. Durch diese fehlgeleitete Politik sei eine Terrororganisation wie der „Islamische Staat“ (IS) erstarkt.

          Voll des Lobes für Angela Merkel

          Die Herausforderung liege heute aber vor allem darin, jedem Kind in Europa einen Horizont aufzuzeigen, der es nicht für die IS-Propaganda empfänglich werden lasse. „Ein glückliches Kind mit Bildungschancen wird sich nicht dem IS anschließen“, sagte der Präsident. Macron sprach von einer Malaise, einem Unbehagen an der europäischen Zivilisation, welches das Phänomen des Terrorismus erkläre, aber auch populistische Tendenzen des Rückzugs in nationale Gewissheiten. Deshalb habe er in Frankreich angefangen, die Bildungschancen für Kinder aus sozial benachteiligten Schichten zu verbessern.

          Für die Bundeskanzlerin hielt er Lob bereit. Unter ihrer Führung habe es ein deutsches Aggiornamento in der Verteidigungspolitik gegeben. Der deutsche Einsatz in Mali sei eine wichtige Unterstützung. Selbstverständlich gebe es unterschiedliche militärische Traditionen, aber beide Länder hätten sich weit angenähert. In der Flüchtlingspolitik hielt sich Macron bedeckt. Er wolle die Vereinbarung zwischen CDU und CSU nicht kommentieren. Aber es sei notwendig, sich in der Asylpolitik besser abzustimmen. Frankreich verpflichte sich, 10000 Flüchtlinge mit Asylanspruch aufzunehmen. „Ich lehne es ab, wenn gesagt wird, wir wollen keine Ausländer aufnehmen. Ich werde vor denjenigen nicht zurückweichen, die Hass verbreiten“, sagte er. Aber zugleich sei es nicht verantwortungsvoll, allen die Tür zu öffnen, „denn viele haben keinen Anspruch auf Asyl“.

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