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Wahlkampf in Amerika : Feuerpause in der Schlammschlacht

  • -Aktualisiert am

Die Präsidentschaftskandidaten Barack Obama (links) und John McCain buhlen in einem TV-Duell um die Wählergunst Bild: dpa

Obama und McCain geben sich derzeit wieder Mühe, einander mit Respekt zu begegnen. Aber in beiden Parteien gibt es Leute, die weiter scharfe Angriffe führen. Die eigene Basis weiß so etwas zu schätzen - aber Wechselwähler sind so leicht zu verprellen.

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          Bis zu welchem Grad hat Negativwerbung einen positiven Effekt? Wieviel Schlamm - von dem bekanntlich immer etwas hängen bleibt - kann man auf den politischen Gegner schleudern, ohne sich selbst beim Werfen zu arg zu besudeln? Solche Fragen schienen sich die Präsidentschaftskandidaten John McCain und Barack Obama sowie deren Wahlkampfteams am Wochenende zu stellen. Dabei schien bei McCain und in dessen Lager die Suche nach Antworten eine Umkehr zu bewirken. Der Republikaner und seine Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin waren es, die in den vergangenen Wochen Obama als verlogen und gefährlich hingestellt hatten.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Bei mehreren Wahlkampfveranstaltungen nahm McCain jetzt seinen Herausforderer Obama ausdrücklich gegen wütende Angriffe und auch Unterstellungen seiner Anhänger in Schutz. Obama sei ein „anständiger Familienvater“ und „ehrenwerter Bürger“, mit welchem er zwar tiefe Meinungsverschiedenheiten in grundlegenden Fragen habe, den er aber respektiere, versicherte McCain. Immer häufiger waren zuvor bei McCains Wahlkampfveranstaltungen Zornesausbrüche eingefleischter Republikaner laut geworden, die Obama von einer offen mit ihm sympathisierenden linksliberalen Presse verhätschelt sehen, während zugleich legitime Fragen über Obamas politische Vergangenheit und seine radikalen Weggefährten nicht gestellt würden.

          Wechselwähler entscheiden die Wahl

          In Milwaukee etwa flehte der konservative schwarze Radiomoderator James T. Harris McCain an, nicht länger über „die finsteren Gestalten“ zu schweigen, mit welchen Obama sich umgeben habe. Das war eine Anspielung auf Jeremiah Wright, Obamas immer temperamentvollen und manchmal offen antiamerikanischen Pastor, dessen Kirche Obama und seine Familie zwei Jahrzehnte lang besucht hatten, ehe der Kandidat sich aus wahltaktischen Gründen im Mai von ihm distanzierte und schließlich sogar aus dessen Kirche austrat. Doch McCain hat gegen den Rat wichtiger Wahlkampfberater entschieden, dass Wright in der Wahlkampagne gegen Obama nicht erwähnt wird, weil der persönliche Glaube seines Herausforderers nicht zum Gegenstand des Wahlkampfes werden solle.

          Manches spricht dafür, dass McCain mit dieser Vorgabe richtig lag. Nach Überzeugung des renommierten Meinungsforschers John Zogby und anderer Beobachter hat die vor allem von Frau Palin betriebene Negativkampagne der vergangenen Wochen bei den wahlentscheidenden Wechselwählern der politischen Mitte nicht die erwünschte Wirkung gezeigt. Obama scheint nach Umfrageergebnissen im Gegenteil gerade bei diesen Wählern wachsende Zustimmung zu finden, weil sie eher ihm als McCain zutrauen, einen Ausweg aus der Finanz- und Wirtschaftskrise zu finden.

          Obamas Wahlkampfteam scheint seinerseits den von McCains einseitig ausgerufenen (befristeten?) Waffenstillstand ebenfalls einzuhalten und hält sich etwa mit Angriffen gegen Sarah Palin wegen deren Amtsgebaren als Gouverneurin von Alaska zurück. Ein überparteilicher Parlamentsausschuss hatte am Wochenende in Anchorage das Ergebnis der Untersuchung zu den Hintergründen der Entlassung des Sicherheitsbevollmächtigten von Alaska, Walt Monegan, vom 11. Juli durch Gouverneurin Palin vorgelegt. Der Ausschuss kommt zwar zu dem Schluss, Frau Palin habe ihr Amt missbraucht, um Druck auf Monegan auszuüben; die Entlassung des Beamten selbst sei aber rechtens gewesen. Vor allem Frau Palins Mann Todd hatte bei Monegan darauf gedrungen, dass der Polizist Mike Wooten, der ehemalige Schwager Frau Palins, der 2005 in einen Scheidungs- und Sorgerechtsstreit mit Frau Palins Schwester Molly McCann verwickelt war, wegen angeblicher Morddrohung, Trunkenheit im Dienst und Wilderei entlassen werde. Wooten ist bis heute als Streifenpolizist im Dienst.

          Fehlende Motivation zum Endkampf

          Es kann derweil aber als sicher gelten, dass in beiden politischen Lagern Einzelne trotz des informellen Waffenstillstands die heftigen Angriffe fortsetzen werden. McCains Anhänger werden weiter an Obamas „Affäre“ mit dem einstigen radikalen Antivietnam-Aktivisten Bill Ayers und vielleicht auch an jene mit Pastor Jeremiah Wright erinnern. Zudem werden sie die Machenschaften oder Nachlässigkeiten der Obama nahestehenden „Association of Community Organizations for Reform Now“ (Acorn) anprangern. Die Organisation, die sich vor allem um die Registrierung neuer Wähler für die Demokraten bemüht, hat Obama im Vorwahlkampf unterstützt, während Obamas Wahlkampagne ihrerseits an Acorn mehr als 800.000 Dollar gespendet hat.

          Inzwischen ermitteln die Behörden in neun Bundesstaaten wegen des Verdachts der betrügerischen Wählerregistrierung gegen Acorn, weil die Organisation fiktive Wähler mit falschen Namen registriert haben soll. In Nevada etwa waren auf Anträgen zur Neuaufnahme in die Wählerregister die Namen von Spielern des Football-Teams der „Dallas Cowboys“ aus Texas gefunden worden. In Indiana hieß ein von Acron registrierter erfundener Wähler Jimmy Johns, das ist in Wahrheit der Name eines Schnellrestaurants. Am Wahltag, so befürchten Republikaner, könnten Personen dann unter Vorspiegelung einer falschen Identität in verschiedenen Wahlkreisen mehrfach ihre Stimme für Obama abgeben.

          Umgekehrt dürften Obamas Wahlkampfteam, das keine enge Verbindung zu Acorn und schon gar keine Kenntnis von den betrügerischen Vorgängen haben will, sowie die verschiedenen Organisationen aus dem Umfeld der Demokratischen Partei immer wieder an Sarah Palins Amtsmissbrauch und an John McCains angebliche Steuergeschenke für die Öl- und Gaskonzerne erinnern. In einer bis an die Grenze der Verachtung polarisierten politischen Landschaft mag zwar zu viel Negativwerbung bei den unentschlossenen Wechselwählern schaden. Aber zu wenig Negativwerbung kann im eigenen Lager Schaden anrichten, weil es den besonders überzeugten Anhängern dann an Motivation zum Endkampf fehlt.

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