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Wahl in Amerika : Obama und die neue Ernsthaftigkeit

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Wo liegt das „wahre Amerika”? Barack Obama könnte die traditionelle Definition verschieben. Bild: picture-alliance/ dpa

Zum Ende des Wahlkampfs beschwören die Republikaner das „wahre Amerika“, wo sie ihr größtes Stimmpotential vermuten. Was dieses wahre Amerika sein soll, ist aber längst nicht mehr klar. Sollte Obama gewinnen, wäre die Verschiebung offensichtlich.

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          In ganz Amerika wird am Dienstag gewählt, aber im „real America“, im wahren Amerika, soll sich entscheiden, wer die Wahl gewinnt. So hat es uns über die letzten Wochen niemand eindringlicher versichert als die republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin, die sich rühmt, aus diesem wahren Amerika zu kommen, und in ihm das Ideal amerikanischen Lebens und Strebens zu erkennen meint.

          Für Sarah Palin ist es der heimelige Ort, an dem jeder noch, fern vom unübersichtlichen Angebot der Metropolen mit ihren verwirrenden Wertesystemen, ethnischen Vermengungen und elitären Bestrebungen, den sicheren, über die Jahrhunderte festgetrampelten Boden des Altvertrauten und Ewiggleichen unter seinen Füßen spüren kann. Palins wahres Amerika ist, um das Kind beim Namen zu nennen, ein weißes Amerika. Sie muss deswegen noch keine Rassistin sein.

          Tiefer liegende Gründe der Wahl

          Wer oder was echt amerikanisch ist, sollte durch Versuche auch an der University of Chicago und San Diego State University ergründet werden. Studenten, die an den aufs Unterbewusstsein gerichteten „implicit association tests“ teilnahmen, hatten ihre liebe Mühe, einen Kandidaten schwarzer Hautfarbe als durch und durch amerikanisch zu empfinden. Barack Obama war ihrem Unterbewusstsein nach weniger amerikanisch als Tony Blair. Und anscheinend ist das keine Wahrnehmung, die nur weißen Amerikanern eigen ist. Von Latinos und asienstämmigen Amerikanern liegen vergleichbare Testergebnisse vor.

          Republikanische Strategen haben immer wieder gern auf solch tief verwurzelten Gefühlen ihre Wahlkämpfe aufgebaut. Im wahren, weißen Amerika, wie sie es zumindest in leicht zu entschlüsselnden Codes propagierten, war der Kandidat mit der nichtweißen Hautfarbe der Andere, der Fremde, der Unamerikanische. Wer John McCain als „real American“ preist, braucht nicht auszuführen, wo der falsche Amerikaner sein Unwesen treibt. Was und wie viel davon weiterhin gilt, wird sich am Wahltag herausstellen.

          Die klügsten Städte wollen den Wandel

          Vieles deutet darauf hin, dass sich das wahre Amerika in einem dramatischen Wandel befindet. Dieser offenbart sich in der stetigen Volkswanderung vom Land in die Stadt und ihr nahes und weites Umfeld, ob Suburbia oder Exurbia. Dort aber ist die vorherrschende Hautfarbe nicht mehr Weiß. In fünfzehn Jahren, so hat das Census Bureau ausgerechnet, wird die Hälfte aller Amerikaner unter achtzehn Jahren einer ethnischen Minderheit angehören. Spätestens im Jahr 2042 werden die Weißen, Hispanics nicht mitgerechnet, in der Unterzahl sein. Es ist also rundheraus selbstzerstörerisch, wenn eine Partei wie die republikanische schwarze Amerikaner abschreibt und Hispanics mit einer starren, hartherzigen Einwanderungspolitik vergrault.

          Den Daten des Census Bureau ist auch zu entnehmen, dass acht der zehn „brainiest cities“, der gescheitesten Städte des Landes, die ihren gut ausgebildeten Bewohnern viel kulturelle Abwechslung und Anregung in einem wirtschaftlich florierenden Ambiente bieten, sich vor vier Jahren John Kerry als Präsidenten wünschten. Dieses Jahr wird erwartet, dass alle zehn mehrheitlich für Obama stimmen. Zudem dürften sich die zehn Bundesstaaten, deren Einwohner eine bessere Ausbildung genießen als jene im Rest des Landes, am Ende der Wahlnacht im Lager der Demokraten wiederfinden. Nur wer an die ungnädig verstaubten Qualitätskategorien einer Sarah Palin glaubt, wird diesen Städten und Staaten absprechen wollen, dem wahren Amerika zuzugehören. Die demographische Entwicklung aber ist auch durch republikanisches Wunschdenken nicht zu stoppen.

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