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Vorwahlen in Iowa : Die Jugend will den Wechsel

  • -Aktualisiert am

Die Jugend wählte Obama Bild: AFP

Vor allem junge, enthusiasmierte Wähler haben Barack Obama zu seinem Sieg in Iowa verholfen - ein epochemachendes Ereignis. Obama hat auch bei den nächsten Vorwahlen in New Hampshire gute Aussichten. Hillary Clintons Einpeitscher haben dagegen versagt. Bei den Republikanern wird Mike Huckabee seinen Wahlerfolg kaum wiederholen können.

          Man konnte es gleich erkennen in Iowa, dort, wo sich Demokraten und Republikaner für ihre Vorwahl versammelten, etwa in der Universtitätsstadt Ames, rund 30 Kilometer nördlich der Hauptstadt Des Moines. Die Masse der Teilnehmer an den ersten Vorwahlen bei den Demokraten war jünger und größer als bei den Republikanern. Sie war enthusiasmiert, aufgepeitscht, und wählte trotz der eisigen Temperaturen, bei denen man an einem Winterabend lieber daheimbleiben würde als sich in Turnhallen, Feuerwachen und Veteranenheime zu begeben.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Den Befund des Augenscheins bestätigten später auch die Wahlergebnisse und die Wählerbefragungen der Meinungsforscher. Bei den Demokraten lag die Beteiligung am „Caucus“ - wie die Vorwahl hier genannt wird - so hoch wie noch nie: Etwa 232.000 Wähler gaben nicht bloß ihre Stimme ab für einen der acht Kandidaten, sie stellten sich nach Art der ur- und basisdemokratischen Parteiversammlung zunächst in Gruppen von Unterstützern bestimmter Kandidaten zusammen. Erwartet hatte man 120.000 bis allenfalls 150.000 Wähler. Die Republikaner konnten dagegen wesentlich weniger Wähler mobilisieren, obwohl der Wahlprozess bei den Versammlungen im Wesentlichen einer gewöhnlichen Wahl entspricht und mithin weniger zeitraubend ist, kamen nur etwa 120.000 Interessierte.

          Demokratischer Dreikampf

          In der Aula einer Schule von Ames zeichnete sich das Ergebnis bei den Demokraten schon im Kleinen ab: Alles lief auf einen Dreikampf hinaus. Die meisten Unterstützer fanden sich im Lager des 45 Jahre alten schwarzen Senators aus Illinois, Barack Obama, und dort waren es sehr viele junge Leute, die zum ersten Mal an der Vorwahl teilnahmen. Auch das Lager des früheren Senators aus North Carolina John Edwards war ansehnlich. Viele seiner Anhänger hatten ihm schon bei den Vorwahlen vor vier Jahren einen zweiten Platz hinter John Kerry verschafft. Das reichte 2004 schließlich, um zum Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten nominiert zu werden.

          Nicht so stark wie erhofft konnten die Einpeitscher für die New Yorker Senatorin und einstige „First Lady“ Hillary Clinton auftrumpfen. Vor allem war deutlich, dass von den wenigen Wählern, die sich zunächst für abgeschlagene Kandidaten wie die Senatoren Joseph Biden (Delaware) und Christopher Dodd (Connecticut) oder den Gouverneur von New Mexico, Bill Richardson, ausgesprochen hatten, weit mehr nach dem ersten Meinungsbild zu Obama und Edwards überliefen als zu Frau Clinton.

          Für Obama ist der Sieg in Iowa ein epochemachendes Ereignis, denn er hat auch bei den nächsten Vorwahlen in New Hampshire am Dienstag gute Aussichten. Er hat zudem als „African American“ in einem zu 95 Prozent weiß geprägten Agrarstaat gewonnen, dort, wo bislang kein Schwarzer in irgendein öffentliches Amt gewählt worden ist. Für Obama haben vor allem die jungen Wähler gestimmt und eben auch die jungen Frauen, die seinem Ruf nach einem Wechsel, nach einer Überwindung der lähmenden politischen Polarisierung zwischen Republikanern und Demokraten folgten. (Siehe auch: Video: Obama gewinnt in Iowa Vorwahl der Demokraten)

          Empfiehlt sich Edwards wieder als Vizepräsident?

          Die Frau unter den Kandidaten bevorzugten vor allem ältere Wähler der Demokraten, zumal die älteren weiblichen Wähler über 60 Jahre. John Edwards, der Zweitplazierte, hat in Iowa seine Position als populistischer Vertreter des „armen“ Amerikas gefestigt. Sollte er in New Hampshire ebenfalls stark abschneiden, könnte er sich abermals als „running mate“ für das Amt des Vizepräsidenten empfehlen.

          Der republikanische Wahlsieger Mike Huckabee, 52 Jahre alter einstiger Gouverneur von Arkansas, bringt aus Iowa für einen möglichen zweiten Sieg wesentlich weniger Schwung und Dynamik mit nach New Hampshire als Obama. Für Huckabee, den Liebling der „Wertkonservativen“ stimmten die im Mittleren Westen unter den Republikanern eben dominierenden Wähler der evangelikalen Christen, die bei der zweiten Vorauswahl in New Hampshire aber wesentlich weniger Gewicht haben. Dort gibt es unter den Republikanern viele Libertäre, die Steuern und staatliche Vorschriften mehr hassen als alles andere. Nicht umsonst heißt das Motto des Staates „Live Free Or Die“ (Frei leben oder sterben).

          Keine Atempause

          Bei den Republikanern könnte Mitt Romney mit einem Sieg den begrenzten Schaden von Iowa wieder gutmachen; die Wähler in New Hampshire kennen ihn als Gouverneur im südlichen Nachbarstaat Massachusetts zwischen Januar 2003 und Januar 2007. Sowohl der frühere Senator von Tennessee Fred Thompson wie auch der von manchen schon abgeschriebene Senator John McCain aus Arizona haben mit einem etwa gleichstarken Ergebnis in Iowa auf dem dritten und vierten Rang ihre Chancen auf die Nominierung bewahrt; McCain dürfte in New Hampshire aber deutlich besser abschneiden als Thompson.

          Der in Iowa mit achtbaren elf Prozent fünftplazierte erzlibertäre texanische Abgeordnete Ron Paul, der als einziger Republikaner den sofortigen Abzug aus dem Irak fordert und in New Hampshire ein starkes Wahlkampfteam hat, könnte für eine weitere Überraschung gut sein. Der frühere New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani aber, der Iowa faktisch ausgelassen hat und von den Wählern mit gerade einmal zwei Prozent dort schwer abgestraft wurde, kann sich in New Hampshire keinen zweiten Patzer leisten, will er nicht abgeschlagen zurückfallen.

          Nach dem „Wintersturm“ von Iowa wird eine Atempause nicht gewährt. Die meisten Kandidaten kamen schon in der Nacht zum Freitag in New Hampshire an. Dort gibt es noch mehr Schnee als in Iowa, doch nach der Herrschaft einer bitterkalten Winterfront soll es zum Wochenende hin wenigstens milder werden. Wer vom Tauwetter profitiert, wird sich am Dienstag zeigen.

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