https://www.faz.net/-gpf-wgfa

Vorwahlen in Amerika : Die Ersten der Nation

  • -Aktualisiert am

Amerikanischer Wahlkampf auf dem Land Bild: F.A.Z. - Matthias Rüb

Am Donnerstag beginnen im amerikanischen Bundesstaat Iowa die Vorwahlen. Der Weg ins Weiße Haus führt über Städtchen wie Marshalltown. Was man dort von Einwanderern hält, hat deshalb großes Gewicht.

          Zwischen Des Moines, der Hauptstadt des Bundesstaates Iowa, und Marshalltown, etwa 80 Kilometer nordöstlich gelegen, kommt - nichts. Nur Felder, Weiden und die dazugehörigen Farmhäuser mit ihren Silos. Wo Mais angebaut wurde, ragen die kniehoch abgemähten Stengel aus der Schneedecke. Die abgeernteten Soja- und Getreidefelder sind weiße Teppiche, die im milchigen Sonnenlicht glänzen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Die braunen und schwarzen Rinder stehen in stoischer Ruhe in der Eiseskälte und blasen Nebelwölkchen aus den Nüstern. 88 Prozent der Gesamtfläche Iowas von knapp 145.000 Quadratkilometern werden landwirtschaftlich genutzt. 19 Prozent der amerikanischen Maisproduktion und 16 Prozent aller amerikanischen Sojabohnen kommen hierher. In Iowa leben heute knapp drei Millionen Menschen und 16,6 Millionen Mastschweine.

          Städte wie Marshalltown mit seinen 26.000 Einwohnern versorgen die Nation mit Schinken. Jedes dritte Pfund verarbeiteten und verpackten Schweinefleischs, das die Amerikaner verzehren oder exportieren, kommt aus einer Fabrik in Iowa. Auch Marshalltown hat eine fleischverarbeitende Fabrik, sie gehört zum Konzern „Swift & Company“. Mehr als 2000 Menschen arbeiten in dem fensterlosen grauen Koloss mit rauchenden Schloten im Schichtbetrieb. „Swift & Company“ ist der größte Arbeitgeber am Ort.

          Mit Bussen von Städtchen zu Städtchen

          Und der Motor einer gesellschaftlichen und demographischen Veränderung seit gut einem Jahrzehnt. Ihr hat Marshalltown in den vergangenen Wochen nicht weniger als 24 Besuche von Präsidentschaftskandidaten zu verdanken. An diesem Donnerstag beginnt in Iowa der Reigen der Vorwahlen, an deren Ende beide Parteien einen Kandidaten oder eine Kandidatin gekürt haben werden, der oder die am 4. November die Präsidentschaftswahlen gewinnen soll. Wer die allerersten Vorwahlen in Iowa gewinnt oder wenigstens die Erwartungen erfüllt, landet im nationalen Scheinwerferlicht. Wer in Iowa weit hinter den Erwartungen zurückbleibt, hat das Rennen praktisch schon mit dem Startschuss verloren.

          Deshalb reisen die Kandidaten der Demokraten wie der Republikaner seit Wochen durch den topfebenen Staat im Mittleren Westen. Sie fahren mit Bussen von Städtchen zu Städtchen, trotzen Eis und Schnee, schütteln Hände und herzen Kinder, werben in Supermärkten und Schnellrestaurants um Vertrauen, halten in Feuerwachen und Veteranenheimen ihre Reden. Deren gestanzte Inhalte erkennt man rasch wieder, denn gerade an den letzten Tagen vor den Wahlen darf kein Fehler unterlaufen: Abweichungen vom Manuskript sind jetzt besonders riskant.

          Marshalltown - eigentlich ein verschlafenes Nest

          Der Weg ins Weiße Haus führt über Städtchen wie Marshalltown. Von den drei Millionen Einwohnern Iowas, wo gerade einmal jeder Hundertste Amerikaner wohnt, werden am Donnerstagabend kaum mehr als acht Prozent zu ihrem „Caucus“ gehen. Das sind die Parteiversammlungen, bei denen die beiden Parteien das erste „amtliche“ Stimmungsbild im Wahljahr erstellen. Die Republikaner rechnen mit 85.000 bis 90.000 Teilnehmern, die Demokraten hoffen auf 150.000. Es zählt also jede Stimme, um von der als „Erste der Nation“ titulierten Abstimmung in Iowa auf dem langen Weg bis zu den eigentlichen Präsidentschaftswahlen am 4. November maximal zu profitieren.

          Bis November wird Marshalltown längst wieder das verschlafene Nest im Herzen Iowas sein, das es eben ist, doch dieser Tage haben die Sorgen und Meinungen der Leute hier Gewicht. Berdette Bryngelson lebt seit mehr als einem halben Jahrhundert hier, und er erzählt mit glänzenden Augen, wie damals, 1980 war das, der Kandidat Ronald Reagan nach Marshalltown gekommen ist - und zwar in sein Hotel „The Tallcorn Towers“, also etwa „Türme zum hochgewachsenen Mais“, das 1929 gebaut wurde.

          Vor Jahr und Tag wurden die gut 120 Zimmer des Hotels „Tallcorn Towers“ zu Apartments umgewandelt, die von 300 Dollar Monatsmiete an zu haben sind. Die Wohnlage an der Main Street von Marshalltown, wo heute manches Geschäft leer steht und auch im traditionsreichen Kino „Orpheum“ schon lange kein Film mehr läuft, ist nicht besonders gut, und deshalb hat Bryngelson, der auch zur örtlichen Freimaurer-Loge gehört, als Vermieter und Hausverwalter manchen Ärger.

          Illegale Einwanderung ein wichtiges Thema

          Am Donnerstag wird der eingefleischte Republikaner, der einen Stetson-Hut trägt und Lederstiefel dazu, dem Kandidaten Mitt Romney seine Stimme geben. Vor allem hat ihm dessen entschiedene Haltung zur illegalen Einwanderung gefallen, als dieser kürzlich in Marshalltown war. Romney hat den letztlich ohnedies gescheiterten Gesetzentwurf von 2006 des damals noch republikanisch kontrollierten Senats zur schrittweisen Legalisierung der schätzungsweise zwölf Millionen illegalen Immigranten im Land als „Amnestie“ kritisiert. Er fordert eine bessere Sicherung der Grenze zu Mexiko, die verstärkte Abschiebung illegaler Einwanderer und die Überprüfung des Rechtsstatus jedes Stellenbewerbers, ehe dieser von einem Arbeitgeber angestellt werden darf.

          Dem früheren New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani hat Romney vorgeworfen, aus der Stadt einen Zufluchtsort für illegale Einwanderer gemacht zu haben, weil die städtische Polizei bei Personenüberprüfungen nichts gegen illegale Immigranten unternommen habe. Mit seiner Zustimmung zu Romneys harter Haltung steht Bryngelson nicht alleine unter den Anhängern der Republikaner. Eine Umfrage der „University of Iowa“ hat ergeben, dass für zwei Drittel der wahrscheinlichen republikanischen Teilnehmer an den Vorwahlen das Thema illegale Einwanderung das wichtigste überhaupt ist. Bei den Demokraten nannten dagegen nur 35 Prozent der Befragten dieses Thema als das bedeutendste.

          Der Anteil der Latinos in Iowa wächst

          Obwohl Marshalltown viele hundert Kilometer von der mexikanischen Grenze entfernt ist, gehört die stetig zunehmende Einwanderung aus Lateinamerika zur Alltagserfahrung. Den „Tallcorn Towers“ direkt gegenüber auf der Main Street befindet sich der „Mini Super y Carniceria La Mexicana“, nebenan gibt es ein Büro für Geldüberweisungen nach Lateinamerika und noch ein paar Häuser weiter ein mexikanisches Alkoholgeschäft.

          Zwar leben in Iowa bis heute noch immer 95 Prozent Weiße, aber der Anteil der Latinos wächst stetig - auf jetzt 3,7 Prozent oder 115.000 Menschen, von denen etwa die Hälfte illegal ins Land gekommen sein dürfte. In Marshalltown hat sich die Zahl der Latinos seit den neunziger Jahren verzehnfacht und dürfte heute bei 7000 liegen - mehr als ein Viertel der Einwohner sind heute Latinos. In manchen Grundschulen machen die Kinder der Einwanderer 40 und mehr Prozent der Schüler aus.

          Im Dezember des vergangenen Jahres sprach fast ganz Amerika von Marshalltown, denn eine Razzia der Einwanderungsbehörde bei Swift & Company ergab, dass fast 100 Arbeiter keine oder gefälschte Papiere besaßen. Einige der Illegalen wurden umgehend deportiert, Mütter saßen am Abend plötzlich allein mit ihren Kindern und ohne den Brotverdiener am Tisch. Das sei damals ein Schock für alle in der Latino-Gemeinde gewesen, sagt Sara, die aus dem südwestmexikanischen Bundesstaat Jalisco am Pazifik stammt, seit vier Jahren in Marshalltown lebt und ihren Nachnamen lieber nicht nennen will. Der Vater ist seit langem Bauarbeiter hier, Frau und Kinder holte er nach.

          Rudy Giuliani: Kein Wahlkampf in Iowa

          Sara spricht tadellos Englisch, studiert am Gemeinde-College, jobbt in ihrer Freizeit im Supermarkt „La Mexicana“ und will einmal Spanischlehrerin werden. Inzwischen habe sich die Lage in Marshalltown wieder normalisiert, die Latinos kämen mit den Einheimischen und die Einheimischen mit den Neuankömmlingen aus dem Süden meistens gut aus. „Der schlimmste Feind für uns alle ist die Langeweile“, sagt sie über die jungen Leute von Marshalltown und lacht.

          Kein Kandidat der Republikaner lässt an den letzten Tagen vor der Wahl das Thema illegale Immigration aus. Mike Huckabee nicht, der neben Romney als der aussichtsreichste Kandidat in Iowa gilt. Bei einem Auftritt in der evangelikalen „Cornerstone Family Church“ von Des Moines macht er sich zudem für einen Verfassungszusatz stark, der die Ehe ausschließlich als Lebensbündnis zwischen einem Mann und einer Frau definiert.

          Und auch Fred Thompson nicht, der bei Hauspartys im Westen Iowas eindringlich den Grenzzaun zu Mexiko fordert und jeden Gedanken an eine Amnestie verwirft. Rudy Giuliani ist das Risiko eingegangen, in Iowa keinen Wahlkampf zu machen, stattdessen konzentriert er sich auf Florida, wo am 29. Januar Vorwahlen stattfinden. Kleinlaut ist John McCain, der das gescheiterte, jetzt allseits als „Amnestie“ gescholtene Gesetz unterstützt hatte, aber immerhin zu bedenken gibt, dass die Deportation von zwölf Millionen illegalen Mitbürgern schon aus Praktikabilitätsgründen nicht zu schaffen sei und zudem der amerikanischen Volkswirtschaft schweren Schaden zufügen würde.

          Irak kommt nur am Rande vor

          Bei den Demokraten nimmt das Thema illegale Einwanderung vorerst keinen so hohen Stellenwert ein. Das könnte sich nach den Vorwahlen freilich ändern, denn unter den potentiellen Wählern der Demokraten ist die Angst vor den Risiken des Freihandels, der Globalisierung und offener Grenzen für die amerikanische Mittelklasse weit verbreitet. Die neben Barack Obama und vor John Edwards als Favoritin für den „Caucus“ in Iowa geltende ehemalige „First Lady“ Hillary Clinton spricht im Veteranenheim der „American Legion“ in Traer nahe Marshalltown jedoch vor allem über die „Schande“, dass 47 Millionen Amerikaner keine Krankenversicherung haben, und sie wettert gegen die Steuererleichterung der Regierung Bush für die Superreichen, die sie rückgängig machen werde.

          In ihrer halbstündigen Rede kommt der Irak übrigens nur am Rande vor, Frau Clinton fordert einen Abzug der Truppen „so schnell und so verantwortlich wie möglich“. Auch sonst redet zum Beginn eines wichtigen Wahljahres unter den Kandidaten kaum jemand über den Irak: Weil der Ausgang des Krieges weithin (wieder) als offen betrachtet wird, fürchten die Kandidaten Festlegungen, die sich im Verlauf des Jahres als Fehleinschätzung erweisen könnten. Denn dann könnte Iowa plötzlich doch wieder ganz nah sein, wenn es um den Endspurt ums Weiße Haus geht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.
          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.