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Sarah Palin und Joseph Biden : Eine Debatte mit zwei Siegern

  • -Aktualisiert am

Hat gewonnen, weil sie mehr zu gewinnen hatte: McCains „running mate” Sarah Palin Bild: AP

Nach dem Fernsehduell mit Joseph Biden ist Sarah Palin wieder das, was sie beim Parteitag der Republikaner Anfang September war: Das junge und zudem attraktive Gesicht einer Partei, die jede Aufmunterung gebrauchen kann, um doch noch an einen Sieg am 4. November zu glauben.

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          Es war die einzige Fernsehdebatte der Kandidaten für das zweithöchste politische Amt im amerikanischen Staat, und es gab in der Nacht zum Freitag beim Rededuell an der Washington University in St. Louis (Missouri) zwei Sieger. Wahrscheinlich muss man Sarah Palin nur deshalb den Platz als erster Siegerin zusprechen, weil sie weniger zu verlieren und mehr zu gewinnen hatte als der zweite Sieger, der 65 Jahre alte demokratische Senator Joseph Biden aus Delaware.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Denn sowohl Sarah Palin wie zumal die republikanische Partei und deren Präsidentschaftskandidat John McCain hatten zwei schwere Wochen hinter sich: Äußerungen der Gouverneurin aus Alaska in Fernsehinterviews waren wenig überzeugend, und vor allem gab es eine denkwürdige Rebellion der republikanischen Abgeordneten im Repräsentantenhaus gegen Präsident George W. Bush und Kandidat John McCain, die ebenso eindringlich wie vergeblich zur Annahme des Rettungspaketes für das schwer ramponierte Finanzsystem aufgerufen hatten.

          Mutter mit Regierungserfahrung

          In einer landesweiten Umfrage des Fernsehsenders CNN sahen 51 Prozent Biden als Sieger, nur 36 Prozent sprachen sich für Palin aus. Beiden Kandidaten wurde bescheinigt, sie hätten die Erwartungen „weit übertroffen“. Ein kleiner Erfolg ging bei CNN noch an Palin: 54 Prozent fanden sie sympathischer als Biden. Nach dem anderthalbstündigen Fernsehduell ist die 44 Jahre alten republikanischen Gouverneurin aus Alaska wieder das, was sie nach ihrer fulminanten Rede beim Parteitag der Republikaner vom 3. September war: das junge und zudem attraktive Gesicht einer Partei, die jede Aufmunterung von selbsternannten Außenseitern gebrauchen kann, um doch noch an einen Sieg am 4. November zu glauben. Und Frau Palin vermochte nach den ersten Reaktionen von Beobachtern der Debatte eine gleichsam natürliche Verbindung zu jenen Wählern herzustellen, die sich abends an dem - von beiden Kandidaten - bis zum Überdruss bemühten Küchentisch zusammenfinden und über ihre drückenden Alltagsprobleme in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise sprechen.

          Es war wohl sein bislang bester Debattenauftritt: Joseph Biden
          Es war wohl sein bislang bester Debattenauftritt: Joseph Biden : Bild: AFP

          Sie äußerte Verständnis für die Angst von Millionen Amerikanern angesichts des Chaos auf den Finanzmärkten an der Wall Street, das längst den Alltag der Mittelklasse erreicht habe. Sie erklärte sich selbst zum Teil jener Schicht einfacher Leute, die die Nase gestrichen voll haben von „Gier und Korruption“ an der Wall Street und auch in Washington. Sie präsentierte sich als Mutter einer umfangreichen und vielfältigen Familie, die zudem als Bürgermeisterin und Gouverneurin Regierungserfahrung habe und mithin wisse, dass man nur durch das Senken von Steuern und durch den Abbau der Bürokratie Wirtschaftswachstum erreiche und mehr Jobs schaffe. Sie verfocht angesichts hoher Benzinpreise die Idee der „Energieunabhängigkeit“ mittels Öl- und Gasbohrungen im heimischen Boden sowie durch die Förderung erneuerbarer Energiequellen. Und sie zeigte sich schließlich im außenpolitischen Teil der Debatte als Anhängerin der Theorie vom amerikanischen Exzeptionalismus, wonach die Vereinigten Staaten mit starken Überzeugungen über Freiheit und Demokratie sowie mit einer starken Streitmacht in der Welt viel Gutes tun könnten.

          Dagegen würden die Demokraten und deren Kandidat Barack Obama mit ihrer Forderung nach einem raschen Rückzug aus dem Irak „die weiße Fahne der Kapitulation“ aufziehen und mit dem Angebot zu Gesprächen mit den Staatschefs von Schurkenstaaten wie Iran, Kuba oder Venezuela naive und zudem gefährlich Positionen vertreten. Mehrfach erwähnte Frau Palin Ronald Reagan als den Säulenheiligen eines Glaubens an die Idee der Freiheit, die es in der Wirtschafts- wie in der Außenpolitik entschlossen zu verteidigen gelte: Gerade in Zeiten der Verstaatlichung großer Banken und Versicherungen, zu welcher beide Kammern des Kongresses diese Woche vielleicht doch noch ihre Zustimmung geben könnten, ausgerechnet Reagans Mantra von der Regierung als Teil des Problems und nicht der Lösung zu wiederholen, war ein populistisches, vielleicht aber auch populäres Postulat.

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