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Sarah Palin in den Medien : Die Sache mit dem Handtuch

  • -Aktualisiert am

Die Aufmerksamkeit der Medien war ihr gewiss: Sarah Palin Bild: AFP

Mit dem Ende des Wahlkampfs verlieren Amerikas Medien ihre liebste Witzfigur: Sarah Palin. Erst jetzt machen sich Zeitungen Gedanken darüber, ob sie die Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner fair behandelt haben.

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          Das erste Mea Culpa kam von der „Washington Post“. Die Ombudsfrau der wichtigsten Hauptstadt-Tageszeitung, Deborah Howell, kam in ihrer am Sonntag veröffentlichten Betrachtung der Wahlkampfberichterstattung des Blattes zu dem Ergebnis, dass die „Post“ den künftigen Präsidenten Barack Obama ausnehmend freundlich behandelt habe – quantitativ wie qualitativ. Jedenfalls seien Klagen von Lesern, wonach es in der Berichterstattung eine Voreingenommenheit für Obama und einen Mangel an kritischen Nachfragen zu politischen Positionen gegeben habe, „in beiden Fällen berechtigt“.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          In den Kommentaren des Blattes, das erwartungsgemäß die Wahl Obamas empfohlen hatte, wurde dem Demokraten seit seinem Sieg in den Vorwahlen gegen Hillary Clinton vom 4. Juni in 32 Stücken Lob gezollt, dem republikanischen Kandidaten John McCain nur in dreizehn Beiträgen; umgekehrt wurde McCain in 58 Meinungsartikeln gescholten, während dies bei Obama nur in 32 Fällen geschah. Bei den Berichten über den Wahlkampf zwischen Obama und McCain habe es mehr als doppelt so viele oberflächliche Berichte über das „Pferderennen“ der beiden gegeben als Hintergrundanalysen zu den politischen Positionen der Kandidaten.

          „Ein schweres Versäumnis“

          Als „klaffende Lücke“ beklagt die Ombudsfrau des Blattes, die als Anwältin der Leser deren Einwände über die Leserbriefspalten hinaus in die Redaktion trägt, die Berichterstattung über den demokratischen Vizepräsidentschaftskandidaten Joseph Biden. Während die Reporter der „Post“ die republikanische Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, nach deren Ernennung zur „Running Mate“ von John McCain genau unter die Lupe genommen hätten, sei Joseph Biden vernachlässigt worden: „Dies war ein schweres Versäumnis.“

          Seine Fehltritte wurden weit weniger oft diskutiert: Joe Biden
          Seine Fehltritte wurden weit weniger oft diskutiert: Joe Biden : Bild: AP

          Tatsächlich war es eines der bemerkenswertesten Schweigegelübde der jüngeren Mediengeschichte, wie die Medien auf die Behauptung Bidens reagierten, angesichts der Finanzmarktkrise habe sich der damalige Präsident Franklin Delano Roosevelt sofort – anders als nun George W. Bush – über das Fernsehen ans Volk gewandt und dieses beruhigt, als es im Oktober 1929 zum Börsenkollaps gekommen sei. Nur, dass 1929 Herbert Hoover Präsident war und das Fernsehen noch in den Kinderschuhen steckte und jedenfalls keine Präsidentenansprache übertragen werden konnte.

          Ein Maulkorb für Biden

          Über den Lapsus Bidens gab es keinen Aufschrei in den sonst so wachsamen Medien, und es gab auch keinen Empörungssturm angesichts des Umstands, dass das Wahlkampfteam Obamas dem demokratischen Vizepräsidentschaftskandidaten wegen dieses und anderer Versprecher während der letzten Wochen des Wahlkampfes einen Maulkorb verpasste: Interviews durfte Biden nicht mehr geben. Dagegen blieb keine tatsächliche oder auch angebliche Fehlleistung Sarah Palins unbemerkt.

          Und die Jagd war nach dem Wahlsieg Obamas nicht zu Ende. Anonyme Mitarbeiter des Wahlkampfteams McCains (es könnte auch nur ein einziger gewesen sein) ließen Behauptungen durchsickern, wonach Sarah Palin sich nicht nur wie eine hysterische Diva verhalten, sondern auch nicht gewusst habe, dass Afrika ein Kontinent und keine Nation sei und welche Mitgliedstaaten dem nordamerikanischen Freihandelsabkommen Nafta angehörten (neben den Vereinigten Staaten sind es Kanada und Mexiko). Zudem habe sich Palin kurz vor einem vereinbarten Termin für eine Besprechung nur mit einem Handtuch bekleidet in ihrer Hotelsuite bewegt und ihren Mann Todd vorgeschickt, damit dieser mittels Plaudereien den Beratern die Wartezeit überbrücken helfe.

          „Grausam, niederträchtig, unreif“

          Sowohl der Chef von McCains Wahlkampfteam, Steve Schmidt, wie der langjährige Vertraute McCains und Mitautor von dessen Büchern, Mark Salter, wiesen die Geschichten über Afrika, Nafta und das Handtuch mehrfach öffentlich als freie Erfindungen zurück, was deren Halbwertszeit in den Medien aber nicht verkürzte. Erst nach und nach äußerten einige Beobachter die Vermutung, das Motiv für die Behauptungen (oder Verleumdungen) könnte auch gewesen sein, dass es sich um die nach Niederlagen üblichen Beschuldigungen zum Abschieben der Verantwortung für Fehler auf andere gehandelt haben könnte.

          Die bald nach der Wahlnacht nach Alaska zurückgekehrte Gouverneurin jedenfalls genoss es sichtlich, dass sie ihre öffentlichen Auftritte und Interviews nun nicht mehr mit den Wahlkampfmanagern McCains absprechen musste, sondern nach eigenem Gutdünken handhaben konnte. Ihre anonymen Kritiker schalt sie als „Feiglinge“, die ihre nicht zutreffenden Vorwürfe öffentlich äußern sollten, statt sie über die Medien durchsickern zu lassen: „Das ist grausam, das ist niederträchtig, und es ist unreif“, sagte Sarah Palin in einem Gespräch mit dem konservativen Nachrichtensender Fox News. Sie könne sich erinnern, zur Vorbereitung der Fernsehdebatte der beiden Vizepräsidentschaftskandidaten mit Beratern über Afrika und die Nafta gesprochen zu haben.

          Zum berüchtigten Kauf der Kleider für etwas mehr als 150.000 Dollar sagte Palin: „Das sind die Kleider des Republikanischen Nationalkomitees. Es sind nicht meine Kleider. Ich habe niemals jemanden gebeten, irgendetwas zu kaufen.“ Im Übrigen habe sie ihre öffentlichen Auftritte als Vizepräsidentschaftskandidatin am liebsten in ihren eigenen Kleidern bestritten, im Nachhinein bedaure sie, dass sie sich zu sehr den Vorgaben der Wahlkampfmanager unterworfen habe.

          Was ihre eigenen Aussichten auf die Fortsetzung ihrer kurzen Karriere auf dem nationalen politischen Parkett angehe, hoffe sie „auf einen Fingerzeig Gottes“, ob sie „2012 oder auch vier Jahre später“ selbst einen Anlauf auf das Weiße Haus nehmen solle. Wenn sie „eine offene Tür“ oder „einen offenen Türspalt“ für die Fortsetzung ihrer politischen Karriere in Washington erkenne und „wenn das etwas ist, was für meine Familie, für meinen Staat und für mein Land gut ist und eine Gelegenheit für mich“, dann werde sie „durch diese Tür gehen“, sagte Palin. Sollte dies geschehen, werden die Medien gewiss gerüstet sein.

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