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Republikaner : Das Rebellen-Paar ist komplett

  • -Aktualisiert am

Politische Zwillinge: John McCain und Sarah Palin Bild: AFP

Mit der Wahl der populären, aber weitgehend unbekannten Gouverneurin Sarah Palin zu seiner Vize-Kandidatin hat John McCain wieder einmal bewiesen: Der Mann ist zu allem fähig. Allerdings drohte der Hurrikan „Gustav“, den Coup McCains gleich wieder in den Hintergrund zu drängen.

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          Zwei Namen haben am Wochenende in Amerika die Schlagzeilen beherrscht: Sarah Palin und „Gustav“, der heranziehende Wirbelsturm. Kurz vor dem Wahlparteitag der Republikaner, der am Montag beginnt, stand die überraschende Ernennung der jungen Gouverneurin Sarah Palin zur Vizekandidatin noch ganz im Mittelpunkt der politischen Diskussionen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Zugleich aber drohte der Hurrikan „Gustav“ schon, den Coup McCains in den Hintergrund zu drängen und den Ablauf des Nominierungsparteitags kräftig durcheinander zu bringen. Wegen der möglichen Folgen des Sturms für die amerikanische Südküste wurde am Sonntag zumindest eine Änderung des Programms erwartet, womöglich sogar eine gänzliche Absage. Schon hatten viele Delegierte ihre Teilnahme bezweifelt, als aus dem Weißen Haus gemeldet wurde, dass der amerikanische Präsident George W. Bush sowie Vizepräsident Dick Cheney wegen des Hurrikans nicht an dem Parteitag teilnehmen werden.

          Ein Geheimtipp als Waffe

          Am Freitag hatte John McCain seinen zweiundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. Oder war es erst der siebenundsechzigste? Jedenfalls nutzte er den Tag, den er statt bei Kaffee und Kuchen daheim in Arizona mitten im Wahlkampf in Ohio verbrachte, zu einem veritablen politischen Coup: Sarah Palin, die attraktive und rasend populäre Gouverneurin von Alaska, war zwar als Geheimtipp für den Job des Vizepräsidentschaftskandidaten gehandelt worden. Aber dass McCain die Chuzpe haben würde, die erst 2006 zur Gouverneurin gewählte langjährige Bürgermeisterin eines Städtchens namens Wasilla nahe Anchorage tatsächlich zu seinem „running mate“ zu küren und damit ins nationale und internationale Rampenlicht zu stellen, bestätigt seinen Ruf als unabhängiger, ja rebellischer Geist.

          Die Bevölkerung wird aus der Stadt gebracht

          Dass sie noch weniger Erfahrung in der Politik hat als der deshalb als Risiko gescholtene Barack Obama und dass sie im Erfolgsfall „nur einen Herzschlag von der Präsidentschaft entfernt“ wäre, wie die Amerikaner sagen, nimmt McCain in Kauf. Der 72 (oder 67?) Jahre alte Senator mit den schlohweißen Haaren und die 44 Jahre junge Gouverneurin, die ihre öffentliche Karriere als Schönheitskönigin und Fernsehreporterin begann, sind aber nur äußerlich ein ungleiches Paar. Politisch sind sie Zwillingsgeschwister.

          Politische Zwillinge

          Natürlich ist die Sache mit dem ungewissen Lebensalter McCains nur ein Scherz - und auch wieder nicht. John McCain selbst pflegt zu halb ernsten Spekulationen anzuregen: Auf die Frage, ob er nicht zu alt sei fürs Präsidentenamt, entgegnet er, man möge doch die fünf Jahre Kriegsgefangenschaft in Hanoi vom Lebensalter abziehen. Denn gelebt habe er in dieser Zeit nicht, er sei bloß am Leben geblieben.

          Das ist klassischer McCain, und dafür lieben ihn die Leute. Dabei lebt der hochdekorierte Marineflieger McCain nach der Maxime, das Verbreiten von Heldensagen besser an andere zu delegieren. Er erwähnt allenfalls im Vorübergehen die Zeit der Kriegsgefangenschaft. Der Absolvent der Marineakademie von Annapolis, dessen Vater und Großvater in der „Navy“ jeweils bis zum Admiralsrang aufgestiegen waren, hatte sich freiwillig für den Einsatz in Vietnam gemeldet. 1967 wurde er über Hanoi abgeschossen, brach beide Arme und Beine, wurde von wütenden Nordvietnamesen weiter malträtiert. Mehr als fünfeinhalb Jahre verbrachte er in Kriegsgefangenschaft. Nach der Ernennung seines Vaters zum Kommandeur des Pazifik-Kommandos 1968 boten die Nordvietnamesen dem Sohn die vorzeitige Freilassung an. Doch McCain lehnte ab, weil dies gegen die Regel verstoßen hätte, wonach die Freilassung von Gefangenen in der Reihenfolge ihrer Gefangennahme zu geschehen hat.

          Bann der Folter?

          Während mindestens eines Jahres wurde McCain in Hanoi unter Folter verhört. Seine Peiniger versuchten, aus ihm die Namen weiterer Angehöriger seiner Fliegerstaffel herauszupressen. McCain nannte bereitwillig Namen - und zwar jene der legendären Angriffsreihe des Football-Teams „Green Bay Packers“. Die ahnungslosen nordvietnamesischen Vernehmer schrieben fleißig mit. „Ich halte es für wahrscheinlich, dass auch die Terroristen, die wir derzeit unter weniger als menschlichen Bedingungen vernehmen, ebenfalls Zuflucht zu Täuschungen nehmen“, schrieb McCain viele Jahre später zur Begründung eines Gesetzes zum Bann der Folter und jeder Art von grausamer Behandlung von Gefangenen in amerikanischem Gewahrsam.

          Es ist dies beileibe nicht das einzige Politikfeld, auf welchem sich McCain mit Präsident George W. Bush und dem Establishment der Republikanischen Partei angelegt hat. Gemeinsam mit einem demokratischen Kollegen setzte er gegen erbitterten Widerstand die Reform des Wahlkampffinanzierungsgesetzes durch, um den Einfluss von Lobbyisten und reichen Parteiförderern zu beschränken - auch wenn es natürlich Schlupflöcher bot, durch welche längst wieder die alten Spieler ihre Millionen in beide Parteien pumpen.

          Polemik gegen Washington

          Vor allem hat sich McCain, der seinen Wahlheimatstaat Arizona seit 1987 im Senat vertritt, dem Kampf gegen das „pork barrel spending“ verschrieben: Gesetzespakete, die vollgestopft sind mit Klein- und Großprojekten, von denen sich die Abgeordneten zu Hause politische Vorteile erhoffen. Besondere Berühmtheit hat die „Brücke nach Nirgendwo“ erlangt, ein Projekt zum Bau einer 400 Millionen Dollar teuren Brücke über der Tongass-Meerenge zwischen Ketchikan im Südosten Alaskas und dem auf der vorgelagerten Insel Gravina gelegenen Flughafen. Weithin wird die Frage gestellt, warum eine Provinzstadt von 8000 Einwohnern eine Brücke brauche, die fast so lang wie die Golden Gate Bridge sein würde. McCain zitiert die „Brücke nach Nirgendwo“ gern, wenn er wieder mal gegen Washingtons Geldverschwender polemisiert.

          Und hier kommt Gouverneurin Palin ins Spiel, die wie McCain fiskalpolitisch konservativ ist - und im Jahre 2007 das Brückenprojekt stoppte. Zudem verkörpert sie eine neue Generation junger republikanischer Politiker, die zwar sozialethisch konservativ, aber zugleich pragmatisch und nicht ideologisch verbohrt sind. Wie McCain ist Palin ein rebellisches Element in der Partei; bei ihrem Wahlsieg von 2006 schaltete sie in den Vorwahlen zuerst den wegen Korruption belasteten republikanischen Gouverneur Frank Murkowski aus und setzte sich anschließend gegen den früheren demokratischen Gouverneur Tony Knowles durch.

          Naturschützerin auf dem Snowmobile

          Als begeisterte Anglerin und Jägerin - sie ist Mitglied des Waffenverbandes „National Rifle Association“ - genießt Sarah Palin mit ihrem Mann Todd, den sie auf der High School kennenlernte, und ihren fünf Kindern die große Natur Alaskas und kämpft energisch für deren Schutz. Aber sie fährt auch Snowmobile - ihr Mann ist amtierender Champion des alljährlichen Rennens „Iron Dog“ und wird als Gouverneursgatte „First Dude“ (Erster Kerl) genannt - und befürwortet die ökologisch verantwortliche Nutzung der reichen Bodenschätze des kalten Bundesstaates im äußersten Nordwesten.

          Sie ist gegen Homosexuellenehe und Abtreibung; ihr jüngstes Kind brachte sie im April trotz pränataler Diagnose des Downsyndroms zur Welt. In einer ihrer ersten Amtshandlungen hat sie aber auch homosexuellen Paaren in Alaska mehr zivile Rechte gewährt. Auf dem Parteitag der Republikaner in den „Twin Cities“ St. Paul und Minneapolis wird sich von Montag an also ein apartes Rebellen-Paar vorstellen, das in das Duell gegen Barack Obama und Joe Biden zieht. Wie das Wahlkampfteam McCain am Wochenende mitteilte, konnte der Senator aus Arizona seit der Nominierung Palins am Freitag sieben Millionen Dollar an Spenden einnehmen.

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