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Obamas Wahlkampf : Leihsöldner im demokratischen Bodenkrieg

Bild: afp

In Maryland wähnt sich Demokrat Obama siegessicher. Deshalb setzen seine Wahlkampfmanager freiwillige Helfer, die dort nicht gebraucht werden, als Leihsöldner in die umkämpften „Schlachtfeldstaaten“ Virginia und Pennsylvania in Marsch.

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          Der Sammelplatz von Obamas Infanterie aus Maryland ist der Parkplatz hinter dem Supermarkt an der River Road von Bethesda. Der Vorort im Nordwesten der amerikanischen Hauptstadt mit etwa 56.000 Einwohnern ist fest in der Hand der Demokraten. Auf fast 100.000 Dollar wird das durchschnittliche Jahreseinkommen pro Haushalt hier geschätzt, das ist fast das Doppelte des Landesdurchschnitts. Und unter den Städten mit einer Einwohnerzahl von mehr als 50.000 soll Bethesda sogar die Stadt mit den meisten Akademikern sein.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der Abgeordnete im Repräsentantenhaus des Wahlkreises, zu dem Bethesda gehört, ist der Demokrat Chris Van Hollen, der sich bei Kongresswahlen alle zwei Jahre gegen seine republikanischen Herausforderer mit mindestens 75 Prozent der Wählerstimmen durchzusetzen pflegt. Al Gore gewann die zehn Wahlmänner aus Maryland im Jahr 2000 mit einem Vorsprung bei den Wählerstimmen von 17 Prozentpunkten, John Kerry setzte sich 2004 mit 56 zu 43 Prozent gegen George W. Bush durch.

          Leihsöldner im Bodenkrieg

          Auch am Dienstag wird Barack Obama in Maryland die zehn Wahlmänner sicher gewinnen, die Umfragen sehen ihn mit einem zweistelligen Vorsprung bei den Wählerstimmen vor McCain. Deshalb haben die Wahlkampfmanager Obamas in Maryland und in den Bundesstaaten Virginia und Pennsylvania beschlossen, an den letzten Tagen vor der Wahl ganze Heere freiwilliger Wahlkampfhelfer aus Maryland, wo sie nicht gebraucht werden, in die heftig umkämpften „Schlachtfeldstaaten“ in der Nachbarschaft in Marsch zu setzen.

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          Der logistische Aufwand ist bemerkenswert, die Professionalität der Organisation und der Enthusiasmus der Freiwilligen sind beeindruckend. Schon an den Zufahrten zu dem ausladenden Parkplatz stehen Helfer mit blauen Obama-Wimpeln und Hinweisschildern. Unter einem Sonnendach werden die Helfer begrüßt, mit Obama-Stickern und detaillierten Fahrtrouten versorgt.

          Ashley McLaughlin und Jessica Starrlings haben blaue T-Shirts gewählt, um schon mit der Kleidung zu signalisieren, dass nach vier Jahrzehnten „roter“ Republikanerherrschaft über Virginia bei Präsidentenwahlen nun der Bundesstaat am Südufer des Potomac-Flusses ins „blaue“ Lager der Demokraten überlaufen müsse. Von Freitag bis Sonntag kommen allein zu der Sammelstelle in Bethesda täglich mehr als tausend Wahlhelfer mit 600 Autos, um sich gleichsam als Leihsöldner im Bodenkrieg um jede Stimme nach Pennsylvania und Virginia aufzumachen.

          Auf den letzten Metern das eigene Lager mobilisieren

          Das Wohngebiet, in dem die beiden 25 Jahre alten Frauen an einem warmen Nachmittag vier Stunden lang an Türen klingeln und mit registrierten Wählern sprechen, heißt Haymarket und liegt im Landkreis Prince William im Norden Virginias. Die Fahrt von Bethesda aus dauert eine Stunde, bei einer Wahlkreisvorsitzenden werden die detaillierten Adressenlisten mit den Namen der Wähler abgeholt. Ziel ist es jetzt, so kurz vor den Wahlen, die Anhänger Obamas dazu aufzurufen, am Dienstag auch wirklich ihre Stimme abzugeben, sowie einige wohlwollende Unentschlossene vollends umzustimmen. Anhänger des Republikaners John McCain ins eigene Lager herüberzuziehen wird jetzt, auf den letzten Metern vor dem Zielstrich, nicht mehr angestrebt. Es geht um die Mobilisierung des eigenen Lagers.

          Haymarket und andere Orte im Norden Virginias zeigen beispielhaft, warum das republikanische Stammland Virginia in diesem Jahr tatsächlich ins Lager der Demokraten überlaufen könnte. Endlose Siedlungen mit großen Häusern und mäandernden Straßen, penibel gepflegten Vorgärten und saftig grünen Rasenflächen, dazu Einkaufszentren an den vierspurigen Verbindungsstraßen wurden in den vergangenen Jahren aus dem Farmland herausgestampft. Der Bewohnerzuwachs war hier in den letzten zehn Jahren so groß wie kaum irgendwo sonst im ganzen Land.

          Starke Unterschützer fast hinter jeder Haustür

          Das Profil der Einwohner hier ähnelt eher jenem von Bethesda als dem im ländlichen Süden Virginias. Im Wohngebiet „Parks at Piedmont“, wo Ashley und Jessica unverdrossen sehr freundliche und meist einvernehmliche Gespräche vor der Türschwelle führen, heißen die Straßen Championship Drive und Tournament Drive. Und tatsächlich wurde das ganze Wohngebiet um einen 18-Loch-Golfplatz herumgebaut: Von der Haustür zum Putting Green sind es nur ein paar Schritte, Golf-Karts prägen das Straßenbild ebenso wie Autos mit Hybridmotor.

          Ashley und Jessica können nach ihren kurzen Haustürgesprächen fast hinter jedem Namen die Nummer 1 ankreuzen: Die steht für „starker Unterstützer“, auch ein paar Zweier („neigt zu Obama“) und ganz wenige Dreier („unentschlossen“) sind dabei. Ein wenig unangenehm ist es beim Hauseingang eines aus Iran stammenden Amerikaners, der nicht gerne in der Halböffentlichkeit seiner geöffneten Eingangstür mit zwei fremden jungen Frauen spricht; dort ist das Gespräch besonders kurz - aber dennoch erfolgreich. Nach vier Stunden, einem Dutzend Wasserflaschen und sechs Dutzend mit Nummern versehenen Namen geben Ashley und Jessica ihre abgearbeiteten Listen wieder ab. Kein böses Wort ist gefallen, erzählen sie zufrieden; „ein bisschen komisch“ sei allenfalls die Begegnung mit einem Helferteam des Republikaners John McCain gewesen, die ebenfalls von Haus zu Haus gezogen seien. „Aber wir waren besser als die. Am Dienstag werden es alle sehen“, lachen sie.

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