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Obamas Nominierung : Ein amerikanischer Moment

Bild: reuters

Mit einer herrlich uneuropäischen Inszenierung von Gefühl, Show und Politik haben Amerikas Demokraten Maßstäbe gesetzt - und Geschichte geschrieben: Ja, Barack Obama kann der 44. Präsident der Vereinigten Staaten werden. Seine Kandidatur markiert einen Wendepunkt.

          3 Min.

          Polittheater, Fernsehkarneval, Krönungsmesse, Kampfesspiele – das alles sind amerikanische Wahlparteitage. In dieser so herrlich uneuropäischen Inszenierung von Gefühl, Show und Politik haben die Demokraten in den vergangenen Tagen Maßstäbe gesetzt. Und sie haben, jenseits aller parteipolitischen Fixierungen und Übertreibungen, Geschichte geschrieben.

          Zum ersten Mal hat eine der beiden großen Parteien einen Farbigen, einen „African-American“, zu ihrem Präsidentschaftskandidaten nominiert. Allein dieser Umstand macht die Wahl 2008 so einmalig, so besonders. Dass Barack Obama auf den Tag genau 45 Jahre nach der großen Rede des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King den Hauptkampf um das Weiße Haus ausgerufen hat, ist für Politik und Gesellschaft der Vereinigten Staaten von ungeheurer symbolischer Kraft.

          Elektrisiert und mobilisiert

          Auch wer den „amerikanischen Traum“ von Freiheit, Gleichheit und Vorwärtskommen für politische Folklore hält, die alle vier Jahre routinemäßig vorgeführt werde, wird sich dem bewegenden Ereignis, das so viel über den Weg sagt, den Amerika zurückgelegt hat, nicht entziehen können: Ja, Barack Obama kann der 44. Präsident der Vereinigten Staaten werden, er, Sohn eines Kenianers und einer Weißen aus Kansas. Selbst wenn er seinem republikanischen Gegner McCain unterliegen sollte, markiert diese Kandidatur, von der sich so viele Leute elektrisieren und mobilisieren lassen, einen Wendepunkt – unabhängig davon, was man von Obamas Programm im Einzelnen hält, und unabhängig davon, dass seiner planetarischen Mission einige Hybris innewohnt.

          Obama verkörpert und beschwört diesen historischen Moment, er ist sein Programm: das Versprechen, die Politik grundlegend zu ändern. Die quasireligiösen Erlösungsassoziationen sind nicht zufällig; die demokratischen Aktivisten und viele demokratische Wähler sehen in Obama den Erlöser von den Übeln, denen sie sich im Alltag und darüber hinaus das Land ausgesetzt sehen und die sie, vereinfachend, mit der Chiffre „Bush-Cheney“ verbinden.

          Die Aura des Verklärtseins, die Obama ausströmt, könnte tatsächlich genau zu jener Umbruchsituation passen, in der sich die Vereinigten Staaten befinden und dies nicht nur deshalb, weil die meisten Amerikaner offenkundig einen dicken Strich nach bald acht Jahren Bush-Regierung ziehen wollen. Viele sehen das Land auf keinem guten Weg und blicken missmutig in die Zukunft. Das ist der Erfahrungshintergrund, der einen Teil der Resonanz erklärt, die Obama gefunden hat, und seinen Erfolg möglich machen kann. Wenn die Mehrheit der Wähler tatsächlich den Wechsel will, stellt er ein sehr interessantes Angebot dar.

          Umworbene Wechselwähler

          Oder will sie ihn etwa doch nicht? Gibt es am Ende doch nicht genug Wähler, die Obamas Moment zu ihrem eigenen machen wollen? Das Merkwürdige an dieser Wahl ist nach wie vor, dass allen für die Partei des Amtsinhabers negativen Faktoren zum Trotz – von der Unpopularität des Präsidenten bis den zu für amerikanische Verhältnisse hohen Spritpreisen, die das „Alltagsgrundrecht“ auf Mobilität in Frage stellen – Senator McCain ebenfalls gute Chancen hat, Amtsnachfolger Bushs zu werden. Noch am Wochenbeginn lagen die beiden Kandidaten in den Umfragen gleichauf – mit bis dahin steigender Tendenz für den 72 Jahre alten Republikaner!

          Diese demoskopische Parität, die ein weiterer Beleg für die Spaltung der Wählerschaft ist, mag mit den Angriffen zu tun haben, welche McCains Strategen zuletzt verschärft hatten; sie mag aber auch Folge davon sein, dass vielen Amerikanern Obama nach wie vor wie ein Enigma vorkommt. Es wird sich in den nächsten Wochen zeigen, ob es ihm gelungen ist, diese Fremdheit abzubauen, die auch eine kulturelle ist und die seine Entrücktheit reflektiert. Ob es also gelungen ist, Vertrauen in seine Person, seine Urteilsfähigkeit und seine Krisentauglichkeit auch über das Parteiaktivistenvolk hinaus in jenen soziokulturellen Schichten auszubauen, die seiner innerparteilichen Rivalin Clinton nahestanden, und, natürlich, bei den Wechselwählern. Sie werden in den kommenden zwei Monaten besonders umworben werden. Sie wollen überzeugt sein, dass der Demokrat Obama der Richtige ist.

          Viel kann noch passieren

          Am 4. November wird dann auch die Mutter aller stillen Fragen beantwortet werden: Ob das so heterogene Land über alle regionalen, sozialen und kulturellen Wählerkategorien hinaus bereit und reif ist für einen schwarzen Präsidenten. Im Süden dürften, zum Beispiel, viele weiße Männer schon aus diesem Grund nicht für Obama stimmen. Wie viele weiße Wähler aus der unteren Mittelschicht werden in den die Wahl entscheidenden Bundesstaaten aus ebendiesem Grund sich in der Wahlkabine für den Vietnam-Veteran McCain entscheiden? Auch bei ihnen wird Obama den Wahlkampfhebel ansetzen, um unausgesprochene Ressentiments zu überwinden.

          Viel kann noch passieren. Außenpolitische Ereignisse wie jetzt die Georgien-Krise können plötzlich Dramatik und Dynamik entfalten – es war Macmillan, der von überraschenden „Ereignissen“ als dem Wesen der Politik sprach. Aber die Amerikaner haben eine echte Wahl. Es sind starke, beeindruckende Kandidaten, zwischen denen sie wählen können.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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