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Obamas Amerika : Jetzt beginnt das grüne Zeitalter

Windfarm in den Rocky Mountians Bild: ASSOCIATED PRESS

Vor seiner Vereidigung hat Barack Obama eine Arbeitsbeschaffungsmaschine für Millionen grüner Jobs versprochen. Die Produktion umweltschonender Energie soll im Land innerhalb von nur drei Jahren verdoppelt werden. Kann er sein Versprechen halten?

          Vor ein paar Wochen haben die Vereinten Nationen dem neuen amerikanischen Präsidenten die Pointe für seine grüne Revolution geklaut: „Green New Deal“, das klingt wie die Überschrift für den neuen amerikanische Traum, es ist aber der Titel, den sich die UN-Umweltbehörde für ein viel umfassenderes, nämlich weltumspannendes Ökoinvestitionsprogramm ausgesucht hat. Es geht um Abermillionen Jobs in den Umweltbranchen, um das Ende von Regenwaldrodungen, um Energiesparoffensiven und um Katastrophenvorbeugung. Kurz, es geht um einen Rettungsplan, wie er einem von Obamas Vorgängern, Franklin D. Roosevelt, nach Börsencrash und Weltwirtschaftskrise für sein Land in den Sinn gekommen und im Sommer 1932 verkündet worden war: Der „New Deal“ wurde zum amerikanischen Idiom.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Jetzt also ist der Tag gekommen, an dem auch Barack Obama in den grünen Handel einsteigt. Kaum eine andere seiner angekündigten Reformen wird diesseits des Atlantiks so sehnlichst erwartet wie dieser Schritt, der die Neudefinition der amerikanischen Umweltpolitik voraussetzt. Keine andere auch könnte einen so radikalen, sichtbaren Wechsel bewirken.

          Tatendrang allenthalben

          Die globale Wissenschaftsgemeinde jedenfalls war in den vergangenen Wochen in ihrer Vorfreude von Glückshormonen regelrecht beseelt. Auf die Frage eines Bloggers der „New York Times“, wie realistisch die Ankündigung Obamas sei, die Produktion umweltschonender Energie im Land innerhalb von nur drei Jahren zu verdoppeln, sagte der Kongressabgeordnete und Plasmaphysiker Rush Holt: „Natürlich ist das erreichbar.“ Was für eine Frage? Holt erinnerte an den Zweiten Weltkrieg, „als wir es plötzlich geschafft haben, ein Schiff in einem Tag zu bauen, als wir eine ganze Ökonomie zum Bau der Atombombe auf die Beine gestellt und die mächtige amerikanische Automobilindustrie in nur zwei Jahren hochgezogen haben“.

          Der desaströse Sturm, der sich in der Bush-Ära in den Laboren und Hallen der wissenschaftlich-technischen Eliten Amerikas zusammenbraute, hat sich von heute auf morgen verzogen. Tatendrang allenthalben. Das sind ideale Voraussetzungen für schnelle Ergebnisse. Angeführt von der amerikanischen Klimaforschung, die in der internationalen Umweltdiplomatie schon lange - und abweichend von der offiziellen Linie Washingtons - das Wort für einen radikalen Wechsel hin zum umweltschonenderen Energieverbrauch führt, sind viele kleine und die wichtigsten unter den großen Ingenieursschulen und Forschungslaboren auf der Höhe der ökologischen Zeitrechnung angekommen.

          Investitionen in Höhe von 150 Milliarden Dollar

          Obamas Energieminister Steve Chu ist in dieser Wandel auf den Leib geschnitten. Der erste Physik-Nobelpreisträger mit einem Ministeramt in Washington hat das Lawrence Berkeley National Laboratory in den letzten Jahren zu einem nationalen Speziallabor für die Erforschung alternativer Treibstoffe und Transportsysteme umgebaut. Aus dem Laserphysiker der Stanford University, der Atome mit Licht gefangen und gekühlt hatte, ist der Vordenker einer technophilen amerikanischen Umweltbewegung geworden. Sein Ansatz: den „Albtraum“ beenden, vor allem die Art, wie man heute aus Kohle Energie gewinnt. Kohle liefert etwa die Hälfte der Primärenergie. Chus Lösungsvorschläge sind den Europäern nicht fremd: umweltfreundliche Energien fördern, kohlenstoffneutrale Kraftwerke, modernere Stromnetze, Energieeffizienz steigern - und damit die Kosten für teurere Anlagen kompensieren -, Kohlendioxid großtechnisch entsorgen, Biosprit aus Pflanzenabfällen gewinnen. Allein dafür hat Obama vor seinem Amtsantritt Investitionen in Höhe von 150 Milliarden Dollar angekündigt.

          Schon im Jahr 2013 sollen die ersten neun Millionen Liter des neuen Sprits aus Biomasse fließen. Das ist beinahe halb so viel, wie heute bereits aus umstrittenen Energiepflanzen, vorwiegend Mais, gewonnen wird. Von den 825 Milliarden Dollar des vor wenigen Tagen genehmigten Konjunktur-Rettungspakets sind 54 Milliarden direkt für die schnelle Umsetzung der Energierevolution eingeplant. Elf Milliarden davon für die „Smart-Grid-Technologie“ - die computerbasierte Verbesserung von Energieeinspeisung, -weiterleitung und -nutzung -, mehr als sechs Milliarden, um Eigenheime „wetterfest“ zu machen, und noch einmal mehr als doppelt so viel für Energiesparmaßnahmen in öffentlichen Gebäuden. Der Rest kommt vor allem als Kreditgarantie den Autobatterieherstellern und Ökoinvestoren in der grünen Strom- und Wärmegewinnung zugute. Eine Arbeitsbeschaffungsmaschine für Millionen grüner Jobs, das waren die Worte Obamas. Sie sollen helfen, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2050 um achtzig Prozent zu verringern.

          Kommt der Segen des Kapitals?

          Amerika könnte sich, fielen die ersten Schritte entsprechend groß aus, schnell an die Spitze des „Green New Deal“ katapultieren. Mindestens 1,3 Billionen Dollar Marktpotential für Umweltgüter und -dienstleistungen seien in den nächsten zwölf Jahren zu verteilen. Mit solchen Offerten locken die Vereinten Nationen die Amerikaner ins Boot. Der globale Ökokahn braucht den Schub dringend.

          Obama seinerseits hat mit seinen Demokraten die personellen Weichen in Washington für diesen Ökogroßeinsatz gestellt. Die Schaltstellen in Umwelt- und Energiebehörde ebenso wie die in nationalen Forschungsstellen sind neu besetzt oder gehalten, um die ökopolitische Bremsspur, die Bushs Administration etwa im Bundesstaat Kalifornien mit dessen ambitionierten Luftreinhaltungsgesetzen erzeugt hat, möglichst schnell hinter sich zu lassen. Das Einzige, was dem Neueinsteiger im globalen Umweltmonopoly nun noch zum Durchbruch fehlt, sind Taten und der Segen des Kapitals. Von dort allerdings wehte in den vergangenen Tagen ein scharfer Wind nach Washington. Um ein sattes Drittel haben die amerikanischen Banken die Investitionskredite für junge Ökofirmen allein im letzten Quartal zusammengestrichen.

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